Stand: 18.01.2016 06:28 Uhr  | Archiv

Brandanschlag: "Das lässt mich nicht mehr los"

von Katrin Bohlmann

Hausbewohner unter dringendem Tatverdacht

24 Stunden später macht ein Rettungssanitäter, der in der Brandnacht im Einsatz war, eine Aussage. Er habe gehört, wie ein Bewohner des Asylheimes sagte: "Wir waren es." Daraufhin nimmt die Polizei zwei Tage nach dem Feuer den Libanesen Safwan E. fest. Die Aussage des Sanitäters belastet ihn schwer.

Nach fünf Monaten in Untersuchungshaft wird Safwan E. wieder entlassen. Die Ermittler und die Staatsanwaltschaft können weder einen hinreichenden Tatverdacht noch ein plausibles Motiv aufzeigen.

Hintergründe juristisch nicht geklärt

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Der Libanese Safwan E. wird aus Mangel an Beweisen freigesprochen - zwei Mal sogar.

Dennoch wird Safwan E. angeklagt. Am 16. September 1996 beginnt der Prozess vor dem Landgericht Lübeck. Die Anklage der Staatsanwaltschaft stützt sich auf drei Säulen: das angebliche Geständnis von Safwan E. gegenüber dem Sanitäter, die Gutachten von Landes- und Bundeskriminalamt sowie im Gefängnis abgehörte Gespräche zwischen E. und seinen Verwandten.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass das Feuer im ersten Obergeschoss ausbrach. Die Verteidigung dagegen spricht vom Brandherd im Erdgeschoss. Sie wirft der Staatsanwaltschaft Einseitigkeit und Schlamperei vor. Am 30. Juni 1997 endet der Prozess mit einem Freispruch für Safwan E. In dubio pro reo - im Zweifel für den Angeklagten. Auch ein Revisionsverfahren vor dem Landgericht Kiel führt 1999 zum Freispruch.

Brandanschlag hat Lübeck und Bouteiller verändert

Der Brandanschlag in der Hafenstraße verändert die politische Kultur in Lübeck. Immer mehr Lübecker engagieren sich seitdem ehrenamtlich für Flüchtlinge. "Es ist eine Willkommenskultur entstanden. Das ist ganz wunderbar", freut sich der ehemalige Bürgermeister Bouteiller, der 2001 aus der SPD ausgetreten ist. Auch ihn selbst habe der Brandanschlag verändert. "Ich bin dadurch entschiedener geworden. Das war ich damals nicht." Damals wie heute bedauert Bouteiller, dass die Ermittlungsarbeit von Staatsanwaltschaft und Polizei sich stark auf den mutmaßlichen Täter aus dem Haus konzentriert habe. Deshalb sei er froh, dass die Prozesse mit einem Freispruch endeten.

Fast alle Überlebenden haben nach dem Brandanschlag ein Bleiberecht bekommen. Nur einer kämpft immer noch darum, in Deutschland bleiben zu können. Sie alle leiden weiterhin unter den Folgen des Anschlags. Als Bouteiller nach dem Brandanschlag Personaldokumente für Überlebende aus dem Haus ausstellen lässt, verhängt der damalige Innenminister Ekkehard Wienholtz (SPD) eine Disziplinarstrafe gegen ihn. Eine Zeit lang hat Bouteiller nach dem Prozess noch Kontakt zu Safwan E., heute nicht mehr.

Gedenkstein erinnert an die Opfer

Die Brandruine in der Hafenstraße wird 1997 abgerissen. Seit 2000 erinnert ein Gedenkstein an die Opfer des Brandanschlags. Dieser muss später einem Parkplatz weichen. Der Gedenkstein wird auf die andere Straßenseite der Konstinstraße verlegt. 2015 kommt eine Bronzetafel hinzu.

Für Lübecks ehemaligen Bürgermeister ist der Fall "Brandanschlag Hafenstraße" nicht abgeschlossen. Aber Bouteiller bezweifelt, dass der Fall neu aufgerollt werden kann. Zum 20. Jahrestag am Montag will er zur Gedenkfeier gehen - wie jedes Jahr. Da wird er alte Freunde wiedersehen.

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Dieses Thema im Programm:

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