Stand: 29.09.2016 18:15 Uhr  | Archiv

Wie sich der Norden neu erfand

Das Land Schleswig-Holstein feiert am kommenden Wochenende in Eutin sein 70-jähriges Bestehen. In dieser Woche berichten wir im Schleswig-Holstein Magazin, auf NDR 1 Welle Nord und auf NDR.de über die Geschichte des nördlichsten Bundeslandes. Was waren die Wendepunkte im Leben der Schleswig-Holsteiner? Welche Ereignisse haben das Land und vor allem die Menschen verändert?

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Das "Programm Nord" hat die Landschaft im Norden Schleswig-Holsteins verändert. Die Marsch wurde entwässert, Nutzflächen vor Wind geschützt.

Das 1953 gestartete "Programm Nord" hat das Bild der Landschaft im Norden Schleswig-Holsteins umfassend gewandelt. Es machte ein neues Leben und Wirtschaften in einer strukturarmen Region möglich. Das "Programm Nord" hatte das Ziel, in der Grenzregion Lebensverhältnisse zu schaffen, die mit denen im restlichen Bundesgebiet vergleichbar waren. 1953 startete damit eine Aufholjagd um das Nord-Süd-Gefälle im neuen Bundesland Schleswig-Holstein. Das gelang nicht gänzlich, doch für die Menschen in den Landesteilen Schleswig und Dithmarschen begann eine neue Zeit.

Die Not des Nordens

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war es um den Norden Schleswig-Holsteins denkbar schlecht bestellt. Die Betriebe waren für eine moderne Landwirtschaft zu klein. Weiden und Äcker einer Familie lagen oft weit verstreut, die Höfe beengt in den Dörfern. Diese waren nur durch wenige befestigte Straßen verbunden. Aus der Marsch und den Niederungen floss das Wasser schlecht ab. Auf der Geest waren große Flächen ungeschützt der Erosion ausgesetzt, weil seit dem Mittelalter der Wald als Windschutz fehlte. Jeder stärkere Sturm transportierte Tonnen von Sand über das Land.

Eine brisante politische Lage

Die damalige Landesregierung unter Friedrich-Wilhelm Lübke brachte das "Programm Nord" nicht nur wegen der wirtschaftlichen Not in Gang. Es gab auch historische und handfeste politische Gründe. Vom Aufschwung der Industrialisierungsphase zum Ende des 19. Jahrhunderts war im Norden nur wenig angekommen. Mit der Grenze von 1920 wurde das ehemalige Herzogtum Schleswig und damit viele Strukturen zerrissen. Dem Landesteil Schleswig ging es wirtschaftlich schon schlecht, als Ende des Zweiten Weltkriegs zusätzlich Hunderttausende Flüchtlinge aufgenommen werden mussten. Über Nacht explodierte nun die Zahl der Mitglieder der dänischen Minderheitenorganisationen.

Ministerpräsident Lübke "Programm Nord" auf den Weg

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Max Rehbein interviewt am 1. Juni 1952 Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Friedrich-Wilhelm Lübke in Sankelmark.

Diese sogenannte Neudänische Bewegung hoffte, der Landesteil Schleswig würde wieder ein Teil Dänemarks, die Flüchtlinge würden verwiesen und Butter und Wohlstand kämen zurück. Der Drang im Norden für einen Anschluss an Dänemark wurde durchaus ernst genommen - obwohl er keine Mehrheiten bekommen hätte und für das Königreich die Grenze seit 1920 feststand. Als Ministerpräsident Friedrich-Wilhelm Lübke am 24. Februar 1953 das "Programm Nord" auf den Weg brachte, sprach er offen darüber. Es sei auch das Ziel Schleswig und Holstein als Bundesland zusammenzuhalten.

Der Norden wird aufgeräumt

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Das "Programm Nord" begann mit einer großen Flurbereinigung. Landwirtschaftliche Nutzflächen wurden neu geordnet.

Erster Punkt auf der Agenda war die größten Flurbereinigung, die es in der Bundesrepublik je gab. 65 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen im Norden und in Dithmarschen - fast 500.000 Hektar - wurden neu geordnet. Es gab größere Felder und Weiden, die Flächen aus Streulagen um die Höfe zusammengelegt. Viele Höfe wurden aus den Dörfern genommen und als Aussiedlerhöfe mitten im eigenen Land neu erbaut. Arbeiter legten 9.000 Kilometer neue Straßen an. Möglich wurde das alles, weil der Bund in erheblichem Maße Zuschüsse gab und Gemeinde- und Kreisgrenzen laut Gesetz nicht das Zusammenlegen und ausgleichen der Landflächen behindern durften.

Das Wasser muss aus der Marsch

Neben den katastrophalen Straßenverhältnissen litten vor allem die Marschgebiete darunter, dass sie schlecht entwässert waren. Dass die Marsch "blank" war (also unter Wasser stand), das war an der Westküste von November bis März normal. Wasser raus und Straßen rein - so lautete die Formel des "Programms Nord" für die Marsch. Gräben wurden begradigt und vertieft, die Äcker durch Drainagen früher im Jahr befahrbar, Siele in den Deichen durch leistungsfähige Schöpfwerke ersetzt.

Eine Landschaft ändert ihr Gesicht

Das "Programm Nord" hat das Bild der Landschaft im Norden umfassend geändert. Am auffälligsten ist das bis auf den heutigen Tag auf der Geest. Als Windschutz wurden knapp 10.000 Kilometer Knicks entlang der nun großen Flurstücke gepflanzt. Dazwischen 4.500 Hektar Wald angelegt, ebenfalls als Blocker für den Wind. Damit war der Sandflug gebremst, der Boden blieb aber karg. Um eine wirtschaftliche Basis zu schaffen, entwickelte das Grünlandinstitut in Bredstedt, neue Saaten für Gras und neue Futterverfahren. Alles zusammen machte es möglich, dass Höfe auf der Geest von der Milchwirtschaft leben konnten. Im gesamten Programmbereich wurde in den folgenden Jahren auch eine zentrale Strom- und Trinkwasserversorgung aufgebaut.

Bilanz nach 25 Jahren

Besonders nördlich der Eider war das "Programm Nord" für die Menschen eine Erfolgsgeschichte. Auch wenn die Programm Nord GmbH bis 1995 bestand, waren die meisten der Ursprungsziele schon 1978 abgearbeitet. Bis dahin waren insgesamt 1,6 Milliarden D-Mark geflossen.

Eine erhebliche Aufholjagd war geschafft. Es wurde eine Urbanisierung des flachen Landes eingeleitet, also die Lebensverhältnisse denen in der Stadt näher gebracht. Damit endete auch für die meisten Menschen auf dem flachen Land die örtliche Einheit von Wohnen und Arbeiten. Durch die neuen Straßen konnten viele als Pendler in "ihren" Dörfern bleiben. Wie wir heute im Norden leben, ist damit weitgehend durch das geprägt, was seit 1953 durch das "Programm Nord" geleistet wurde.

Weitere Informationen

Der Generalplan Küstenschutz

Die Deiche entlang der schleswig-holsteinischen Westküste sind seit der Sturmflut von 1962 kontinuierlich verstärkt worden. Damals wurde der "Generalplan Küstenschutz" aufgestellt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Von Binnenland und Waterkant | 29.09.2016 | 20:10 Uhr

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