Stand: 19.01.2017 15:56 Uhr  | Archiv

Erst die Endlösung, dann das Frühstück

Gebäude der Wannsee-Konferenz in Berlin © dpa Foto: Stephanie Pilick
Hier fand am 20. Januar 1942 die Wannsee-Konferenz statt.

Die Villa am Berliner Wannsee gibt es bis heute und man kann sie auch besichtigen - die Villa, in der heute vor 75 Jahren die Wannsee-Konferenz stattfand. Thema des Treffens im Januar 1942: die Deportation und Ermordung der Juden in Europa. Die Diskussionen lassen sich nicht mehr im Einzelnen rekonstruieren, aber es gibt ein Protokoll, das wesentliche Punkte festhält. Darin wird deutlich, wie die Teilnehmer kühl und beflissen über das Schicksal von Millionen Menschen verfügten.

Protokollant: Adolf Eichmann

15 Seiten lang ist das Protokoll, gleich auf der ersten der Stempel: "Geheime Reichssache". Und darunter: "30 Ausfertigungen / 16. Ausfertigung". Nur dieses eine, das 16. Exemplar, wurde nach dem Krieg gefunden. Außerdem das Einladungsschreiben mit nur einem einzigen Tagesordnungspunkt:

"Besprechung über mit der Endlösung der Judenfrage zusammenhängende Fragen. - Mit anschließendem Frühstück"

Geladen waren 15 Spitzenbeamte. Also nicht die Minister selbst, sondern Staatssekretäre, außerdem hohe Partei- und SS-Funktionäre. Allein neun Juristen, unter ihnen übrigens auch Roland Freisler, der wenig später Präsident des Volksgerichtshofs wurde. Das Protokoll führte: "SS-Obersturmbannführer Eichmann". Derselbe Adolf Eichmann, der 20 Jahre später in Israel verurteilt und hingerichtet wurde.

"Ohne Rücksicht auf geographische Grenzen"

Eröffnet wurde die Konferenz durch den Chef der Sicherheitspolizei Reinhard Heydrich. Er und sein Vorgesetzter Himmler beanspruchten die "Federführung" bei diesem Thema "ohne Rücksicht auf geographische Grenzen". Denn auch das war wohl ein Aspekt der Konferenz: die Zuständigkeiten klarzustellen, etwa gegenüber eigenmächtigen Nazi-Größen wie Hans Frank, dem berüchtigten Generalgouverneur im besetzten Polen. Anfang 1942 waren schon viele Juden geflohen. Millionen aber lebten auch jetzt noch im deutschen Machtbereich. Daher:

"Im Zuge der praktischen Durchführung der Endlösung wird Europa vom Westen nach Osten durchgekämmt."

Den Anfang sollten nicht die besetzten Länder machen, sondern das Reichsgebiet selbst, "allein schon aus Gründen der Wohnungsfrage". Man spekulierte auf die freiwerdenden Wohnungen. Ein großes Thema war offenbar die Frage, wer nun eigentlich als Jude zu gelten habe. Allein die Kapitel-Überschriften sprechen Bände:

"Behandlung der Mischlinge 1. Grades / Behandlung der Mischlinge 2. Grades / Ehen zwischen Mischlingen 1. Grades und Deutschblütigen;  a) Ohne Kinder  b) Mit Kindern /  Ehen zwischen Mischlingen 1. Grades und Mischlingen 2. Grades ..."

Der Völkermord war längst in Gang

Anders als vielfach behauptet, wurde der Völkermord bei der Wannsee-Konferenz nicht beschlossen; er war zu diesem Zeitpunkt längst in Gang. Der im Vorjahr begonnene Russland-Feldzug war begleitet von Massenerschießungen; im besetzten Polen wurden bereits Menschen in Gaswagen ermordet. Bei der Konferenz ging es also allein um die Koordination, um die Einbindung der unterschiedlichen Instanzen in ein Gesamtkonzept. Zu diesem Konzept gehörte beides: der Einsatz der Juden als Zwangsarbeiter und ihre Ermordung. Im Protokoll liest es sich so:

"Unter entsprechender Leitung sollen nun im Zuge der Endlösung die Juden in geeigneter Weise im Osten zum Arbeitseinsatz kommen, wobei zweifellos ein Großteil durch natürliche Verminderung ausfallen wird."

Ermordung als "entsprechende Behandlung"

Und dann der Satz, der das Grauen der Gaskammern schon andeutet:

"Der allfällig endlich verbleibende Restbestand wird, da es sich bei diesem zweifellos um den widerstandsfähigsten Teil handelt, entsprechend behandelt werden müssen."

"Entsprechend behandelt" - das war, wie Eichmann selbst bestätigte, der Tarnbegriff für die Ermordung. Bei der Konferenz habe man das unverblümt ausgesprochen, im Protokoll aber habe Heydrich es umschreiben lassen. Sein Hauptziel hatte Heydrich erreicht: die Staatssekretäre "anzunageln", wie es Eichmann ausdrückte, also ihre Mitwirkung am Völkermord sicherzustellen. Dieses Anliegen spiegelt sich bis in den scheinbar banalen Schlusssatz des Protokolls:

"Mit der Bitte des Chefs der Sicherheitspolizei und des SD an die Besprechungsteilnehmer, ihm bei der Durchführung der Lösungsarbeiten entsprechende Unterstützung zu gewähren, wurde die Besprechung geschlossen."

Aus Sicht von Heydrich und Eichmann war die Konferenz ein Erfolg. Darauf tranken sie nach Abfahrt der Teilnehmer, so ist überliefert, noch einen Cognac.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 20.01.2017 | 06:20 Uhr

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