Stand: 11.03.2016 16:45 Uhr  | Archiv

Volkswerft: Am Anfang war der Fischkutter

Volkswerft in Stralsund © picture-alliance/dpa
Die traditionsreiche Werft liegt direkt am Strelasund.

Fotografieren streng verboten! Diese deutliche Warnung gilt jahrelang für das gesamte Gelände der Volkswerft in Stralsund. Aus gutem Grund: Die Rüstungsaufträge der Werft sollen geheim bleiben. Anfang der 1950er-Jahre rangieren die Sicherheitsinteressen der DDR und der Sowjetunion aufgrund des Kalten und des Korea-Krieges zeitweise vor den ursprünglichen Kernaufgaben: dem Fischereischiffbau. Die ersten Minenleg- und -räumschiffe produziert die Volkswerft zwischen 1952 und 1954. Sie sind knapp 60 Meter lang und unter anderem mit einem 37-Millimeter-Geschütz sowie Wasserbombenwerfern bestückt. Die Schiffe, für 38 Mann Besatzung ausgelegt, haben im Marinedeutsch den Namen "Habicht". Sie kommen bei den Seestreitkräften der DDR zum Einsatz.

U-Boot-Pläne ins Wasser gefallen

1952 plant die DDR, eine eigene U-Boot-Flotte aufzubauen. Ein während des Zweiten Weltkriegs vor Warnemünde gesunkenes deutsches Unterwasserboot soll zunächst gehoben werden und nach einer Rekonstruktion als Vorlage dienen. Doch nach der Überführung nach Stralsund kommt es in der Werft im November 1952 zu einer Havarie: Das Wrack löst sich aus seiner Verankerung und fällt auf die Schienenanlage der Werft. Ein Unfall mit Folgen: Knapp einen Monat lang ruht die gesamte Produktion der Volkswerft. Die Polizei verhaftet Projektleiter Rudolf Gellert wegen des Vorwurfs der Sabotage. Erst nach fünf Monaten Haft kommt Gellert frei. Obwohl die DDR eine eigene U-Boot-Lehranstalt unterhält und die geheimen Vorgaben den Bau von 14 U-Booten und 55 sogenannten U-Boot-Jägern in der Zeit von 1954 bis 1957 vorsehen, bedeutet der Unfall das vorzeitige Ende der U-Boot-Pläne in der Volkswerft.

Sechs Monate Zeit für eine funktionierende Werft

Die Anfänge der Werft gehen zurück auf das Ende des Zweiten Weltkriegs: Die Sowjetunion ist eine Großmacht ohne Flotte. Zudem sind ihre schlecht ausgestatteten Fischerboote nicht in der Lage, genug zu fangen, um die Not im Land zu lindern. Deshalb erteilt die Sowjetische Militäradministration in Deutschland am 7. Juni 1948 den Befehl Nr. 103. Dieser regelt im Rahmen der Reparationsforderungen den generalstabsmäßigen Bau einer Werft. Die bereits seit 1945 in Stralsund ansässige Ingenieurbau GmbH geht in das Eigentum des Volkes über. Sie bildet die Grundlage für die neue Volkswerft. Der Befehl sieht vor, die Werft ab dem 1. Januar 1949 in Betrieb zu bringen - in nur sechs Monaten. Diese Vorgabe erfordert eine Abkehr vom traditionellen Schiffbau. Nun sind industrielle Fertigungsmethoden und Serienbau gefragt. Der vollständig geschweißte Schiffskörper wird Standard. 1958 übernimmt die Volkswerft die Schiffbau- und Reparaturwerft Stralsund (SRS). Schwerpunkt der SRS nach dem Zusammenschluss sind Schiffsreparaturen.

Spezialist für Fischkutter

Spezialschiffe für den Fischfang - etwa Gefrier- und Fabriktrawler - bilden bis in die 1980er-Jahre das Hauptgeschäft der Volkswerft. Sie sind deren Aushängeschilder. Mitte der Siebziger gilt der Standort als modernste ostdeutsche Schiffbauanlage. Zwischen 1975 und 1989 belegen die Stralsunder - gemessen an der Tonnage - neun Mal den ersten Platz unter allen Werften weltweit, die Fischereischiffe bauen. Ihr Tonnage-Anteil an der Weltproduktion dieser Schiffe steigt bis auf 33 Prozent. Die Volkswerft zeichnet aber auch für Schwimmkräne, Transport-, Forschungs- und Schulschiffe verantwortlich. Bis auf wenige Ausnahmen fahren alle gebauten Schiffe bis zum Ende der DDR unter sowjetischer Flagge. Weitere Abnehmer sind Bulgarien, Rumänien und Kuba. Nach der Wende erschließt sich die Volkswerft neue Geschäftsfelder. Das erste Containerschiff mit dem Namen "Alexandra" läuft im Dezember 1992 vom Stapel. Im Jahr darauf liefern die Stralsunder Schiffbauer erstmals ein kombiniertes Passagier-Frachtschiff ab. Zu den Kunden zählen nun unter anderem Norwegen, Indonesien und China.

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