Stand: 13.04.2016 16:58 Uhr  | Archiv

Retter erinnern sich: "Höre noch die Schreie"

Die Schreie. Noch immer kann Jürgen Peters sie hören. Nachts kommen die Erinnerungen an abgetrennte Arme und Beine, eingeklemmte Menschen und suchende Angehörige. In Gedanken ist er wieder auf den Gleisen - am 5. Oktober 1961 beim verheerendsten S-Bahn-Unglück in der Hamburger Geschichte. Mit Tempo 70 knallt damals eine S-Bahn zwischen den Haltestellen Rothenburgsort und Berliner Tor auf einen Arbeitszug. 28 Menschen sterben, Dutzende sind verletzt. Peters ist einer der ersten Retter am Unfallort. "Es war so schrecklich. Um das zu verarbeiten, muss man darüber sprechen", sagt der 77-Jährige. Und das tut er. Am Mittwoch sogar in der Öffentlichkeit. Bei der Feierstunde zum 70. Jahrestag des Hamburger Rettungsdienstes erzählten er und andere Pensionäre von ihren Erfahrungen im Rettungsdienst der Feuerwehr der Hansestadt.

Rettungsdienst: "Mehr als nur ein Job"

Bei dem Einsatz, der der schwerste in Peters' Karriere werden wird, ist er gerade einmal 21 Jahre alt. Es ist sein erstes Jahr im Dienst. Er erinnert sich noch, wie er die zwölf Meter lange Böschung zu den Gleisen hochkletterte, im Dunkeln, über Gestrüpp und durch Gebüsch. Der Anblick der zerstörten S-Bahn. Die Eisenträger, die der Arbeitszug geladen hatte, hatten sich in den Waggon gebohrt. Überall Verletzte und Eingeklemmte.

Doch die Rettungskräfte sind nicht mit schwerem Gerät ausgerüstet. "Einige Kollegen versuchten, die Passagiere mit ihren Taschenmessern zu befreien. Das war aber aussichtslos", sagt er. Irgendwann rückt die Bundesbahn an. Die Trennschneider kreischen. Funken fliegen. "Da war Holz und Stoff im Wagen. Das fing an zu brennen", erinnert sich Peters. "'Hilfe, wir verbrennen', schrien die Menschen". Als die Feuerwehr mit Wasser auf die Waggons spritzt - Panik: "Jetzt ersäuft ihr uns!"

Viele Opfer verbluten

Beruhigend redet Peters auf Eingeklemmte ein. "Viele waren noch bei Bewusstsein." Doch als die schweren Teile von den Körpern gehoben werden, verbluten einige. "Wir konnten so wenig machen." Daran zu denken, wühlt ihn auch über 50 Jahre später noch auf.

Zurück auf der Wache zündet sich der junge Mann eine Zigarette an. Er nimmt nur einen Zug und wirft sie weg. Rauchen sei ihm zu normal vorgekommen. Psychologische Betreuung gibt es damals noch nicht. Zu Hause hört die Ehefrau zu, auf der Wache die Kameraden. Zusammen sitzen nach einem Einsatz, einen Kaffee trinken, miteinander reden: Das hilft ihm. "Auf die konnte ich mich 100-prozentig verlassen", sagt er.

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1984 sinkt die "Martina" im Hamburger Hafen. Zwölf Menschen sterben.

Auch heute sind es die alten Feuerwehrkollegen, die wissen, wie sich Peters fühlt. Zum Beispiel der 69-jährige Hans-Werner Steffens, der bei der Kesselexplosion der "Anders Maersk" als einer der ersten Retter vor Ort war. Oder Lutz Elmers, der die Toten barg, als 1984 die Barkasse "Martina" im Hamburger Hafen sank. "Wenn die Ereignisse von damals im Fernsehen gezeigt werden, kommt vieles wieder hoch", sagt Steffens.

Viele Tote sind Kinder

Das Bild der ersten Opfer auf der "Anders Maersk" ist eingebrannt in sein Gedächtnis. "Da waren fünf Menschen, die aussahen wie Zombies. Die waren gar gekocht. Die Haut hing ihnen vom Körper. Die gingen nicht, die wankten auf uns zu." Steffens bringt die Männer vom Schiff zum Rettungswagen. Kurze Zeit später sterben sie. Für Elmers ist es das Bild der "Martina", die langsam die Wasseroberfläche der Elbe durchbricht - an Deck steht noch ein Kinderwagen. Neun der insgesamt 19 Toten holt er aus dem Wrack, viele von ihnen Kinder. "Ich hab sie auf das Löschboot gehoben und zugedeckt", erinnert er sich.

Das ist kein Job

Die Arbeit beim Hamburger Rettungsdienst mit Tausenden Einsätzen jedes Jahr - das war für die Männer kein Job. Es war ein Beruf, sogar eine Berufung, sagen sie. "Ich würde sofort wieder zur Feuerwehr gehen", erklären alle drei. 70 Jahre Rettungsdienst: Das könnte auch Peters' Familiengeschichte sein. "Mein Vater war schon dabei, und mein Sohn und mein Enkelsohn sind auch bei der Feuerwehr", sagt er stolz. Was hat sich verändert in der Zeit? Die technische Ausstattung sei besser geworden, die Ausbildung länger und komplexer, sagt Peters. Heute stehen den Rettern Psychologen zur Seite. "Aber die Kameradschaft ist geblieben", sagt er.

70 Jahre Rettungsdienst der Feuerwehr

Wer schnell Hilfe braucht, wählt die 112. In Hamburg kommt dann meist der Rettungsdienst der Berufsfeuerwehr. Denn die Feuerwehr der Hansestadt stellt den größten Teil der Rettungswagen. Vor 70 Jahren, im April 1946, übergab die britische Besatzungsmacht den Rettungsdienst an die Hamburger Berufsfeuerwehr.

Das Schönste: Babys auf die Welt holen

Zum Jubiläum des Rettungsdienstes will Peters nicht nur an die Unglücke erinnern - sondern auch an die schönen Erlebnisse, zum Beispiel an Entbindungen. Peters hat nicht gezählt, wie oft er neben einer Frau saß, die in den Wehen lag, wie oft er schweißnasse Hände hielt, während der Fahrer Richtung Krankenhaus raste. Einmal, erinnert er sich, da waren sie schon fast am Krankenhaus Barmbek angekommen, als die Frau nicht mehr konnte. Die Geburt ging los. "Fahr rechts ran", habe er dem Fahrer zugerufen. Und dann holte er das Baby auf die Welt, nabelte es ab und lieferte Mutter und Kind wohlbehalten in der Klinik ab. Auch Jahre später lächelt er. "Das vergesse ich nie."

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Am 5. Oktober 1961 kollidierte eine S-Bahn mit einem Bauzug, der Brückenträger geladen hatte. Die Träger drangen in die Waggons ein - 28 Menschen sterben, 100 werden verletzt. Video (03:17 min)

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 09.10.2016 | 19:30 Uhr

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