Stand: 27.10.2015 07:51 Uhr  - NDR 1 Radio MV

Schwerins harter Kampf um den Hauptstadt-Titel

von Christian Kahlstorff
War der Blick aus dem Plenarsaal für sie entscheidend? Mitglieder der Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern am 27. Oktober 1990.

40 Stimmen für Schwerin, 25 für Rostock, eine Enthaltung - mit diesem Ergebnis endete am 27. Oktober 1990 die Abstimmung der Landtagsabgeordneten über die künftige Hauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern. Denn vorausgegangen war dem klaren Votum ein monatelanges Ringen zwischen den beiden Städten.

Weltmeister? Währungsunion? Hauptstadt-Streit!

So waren es nicht die Fußball-Weltmeisterschaft oder die Währungsumstellung, die im neu gegründeten Mecklenburg-Vorpommern im Sommer 1990 die Schlagzeilen beherrschten, sondern das Tauziehen zwischen Rostock und Schwerin. Vieles sprach anfangs für die Hansestadt Rostock. Dass am Ende dennoch Schwerin das Rennen machte, verdankte es dabei keineswegs dem Zufall.

Rostock wirft den Fehdehandschuh

Bereits am 22. Mai fiel eine wichtige Vorentscheidung. Während des Regionalausschusses der drei Nordbezirke in Rostock-Warnemünde bewarb sich überraschend Rostock als neue Hauptstadt. Eine Studie der heimischen Universität im Gepäck forderten Rostocker die Versammlung auf, einen Volksentscheid für die neue Landeshauptstadt abzuhalten. Noch im Januar zuvor hatte sich Rostock als Freie und Hansestadt positioniert - eine völlige Eigenständigkeit nach dem Vorbild Bremens schien erwünscht zu sein.

Nicht zu viel direkte Demokratie zugelassen

Ein Zeitungsartikel der "NNN" berichtete von emotionalen Diskussionen in Warnemünde. Vertreter aus Schwerin blockierten das Votum, indem sie unter lautem Protest den Saal verließen. Im Hinblick auf die Einwohnerzahl beider Städte (Rostock etwa 250.000, Schwerin 127.000) wäre vermutlich eine Entscheidung für die Hansestadt programmiert gewesen.

Georg Diederich: Strippenziehen für Schwerin

Bild vergrößern
Georg Diederich (CDU) sammelte 1990 Stimmen aus Neubrandenburg für Schwerin.

So mussten die Abgeordneten des Landes entscheiden. Und dort hatte Schwerin bereits einen einflussreichen Befürworter: Georg Diederich (CDU) war schnell klar, dass die Entscheidung für Rostock langfristige, negative Folgen für Schwerin und den Westen des Landes haben würde. Der Regierungsbeauftragte für den Bezirk Schwerin hatte sich noch zur Wendezeit aus dem Neuen Forum zurückgezogen und war der CDU beigetreten.

"Wir brauchen Verbündete"

In seinem autobiographischen Essay "Die Wiedergründung des Landes Mecklenburg-Vorpommern" erinnert sich Diederich an die schwere Aufgabe. Rostock war als Wirtschafts- und Universitätsstandort und größte Stadt im Land die natürliche erste Wahl. Diederich wandte sich nach Neubrandenburg. In mehreren Treffen überzeugte er seinen Fraktionskollegen Martin Brick, Schwerin als Landeshauptstadt zu favorisieren.

Eilig schrieb Diederich einen Entwurf für die Broschüre "Argumente zur Wahl der Landeshauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern". Mit zahlreichen historischen Bezügen über die herzogliche Geschichte Schwerins als Sitz der Herzöge, dessen 800-jährige Tradition wollte Diederich Punkte sammeln für seinen Plan. Auch wirtschaftliche Überlegungen bezog der CDU-Mann mit ein: Rostock verfügte mit Hafen und Universität bereits über einen wirtschaftlichen und bildungspolitischen Schwerpunkt. Die Stadt habe auch so eine gute Perspektive, zu wachsen, so Diederich. Für seine Rolle wurde er später als "Hauptstadt-Macher" ("SVZ", 09. September 2007) gefeiert.

Bertha Klingberg: Die Blumenfrau mit 17.000 Stimmen

Bild vergrößern
Ihr Blick gilt dem Landtagssitz in ihrer Wahlheimat und Hauptstadt Schwerin: Eine Statue erinnert an die Blumenfrau Bertha Klingberg.

Doch ein Schweriner Urgestein mag ebenso Einfluss auf die Entscheidung gehabt haben: Während die Politiker hinter den Kulissen Argumente und Stimmen sammelten, setzte die Blumenfrau Bertha Klingberg ihre Vorstellung von direkter Demokratie in die Tat um. Im Alter von 91 Jahren bekam sie 17.000 Unterschriften für ihre Wahlheimat Schwerin zusammen. Aufgrund dieser Leistung erhielt sie 1993 als erste und bisher einzige den Ehrenring der Landeshauptstadt Schwerin.

Rainer Prachtl: Kaffeefahrten und der Blick aus dem Abgeordneten-Büro

Bild vergrößern
Für Rainer Prachtl (CDU) war klar: Das Schloss gab bei vielen Abgeordneten den Ausschlag für Schwerin.

Auf politischer Ebene wurde der Kampf derweil härter: Immer mehr Stimmberechtigte ließen sich für Schwerin erwärmen - nicht zuletzt dank eines Besuchsprogramms des Aufbaustabs. Diese "Kaffeefahrten" stießen in Rostock auf harsche Kritik, von fragwürdigen Methoden war die Rede. Doch offenbar erleichterte den zukünftigen Abgeordneten der Ausblick aus ihren möglichen Büros das Votum entscheidend. "Wir wollten ihnen den Blick aus ihren Büros ermöglichen, damit sie sagen: Hier will ich bleiben!", erinnert sich Irmela Grempler vom Aufbaustab. Auch für den ersten Landtagspräsidenten des Landes, Rainer Prachtl (CDU), war der Blick aus dem Schweriner Schloss das ausschlaggebende Moment des langen Ringens. "Ohne das Schloss hätte es Schwerin viel schwerer gehabt", so Prachtl in den Landtagschroniken des Schweriner Schlosses.

Vom Zankapfel zum schönsten Landtagssitz Deutschlands

Was auch immer die einzelnen Vertreter überzeugte: Als sie am 27. Oktober 1990 den Plenarsaal im Schweriner Schloss betraten, waren sie offenbar von ihrem Landtagssitz überzeugt. 40 Stimmen für Schwerin, 25 für Rostock, eine Enthaltung - und als der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker bei seinem Antrittsbesuch im Dezember das Schloss als "schönsten Landtagssitz Deutschlands" bezeichnete, dürfte bei Abgeordnete und Einwohner von Mecklenburg-Vorpommern jeglicher Streit vergessen gewesen sein.

Weitere Informationen

30 Jahre grenzenlos - Das Dossier zum Mauerfall

Massenfluchten und Montagsdemos bringen im Herbst 1989 das DDR-Regime ins Wanken. Am 9. November fällt überraschend die Mauer in Berlin. Das Dossier zu einer bewegten Zeit. mehr

9. November 1989: Der Tag, an dem die Mauer fällt

Mit Montagsdemos und Massenfluchten zwingen die DDR-Bürger ein Regime in die Knie. Am 9. November 1989 öffnen sich die Grenzen, 327 Tage später ist Deutschland wiedervereinigt. mehr

3. Oktober 1990: Als die Einheit perfekt war

Knapp ein Jahr nach dem Mauerfall war die Wiedervereinigung 1990 vollendet: Am 3. Oktober trat die DDR der Bundesrepublik bei. Seitdem wird er als Tag der Deutschen Einheit gefeiert. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 27.10.2015 | 05:00 Uhr

Mehr Geschichte in Video und Audio

44:31
Unsere Geschichte
44:02
Unsere Geschichte
44:25
Unsere Geschichte

Norddeutsche Geschichte