Stand: 26.08.2016 09:36 Uhr  - NDR Info

Die "Bravo" - Ein Blatt mit Geschichte(n)

von Susanne Birkner, NDR Info

Am 26. August 1956 startete eine kleine Revolution in Deutschland: Die erste "Bravo" erschien. Auf dem Cover: Marilyn Monroe, der Preis: 50 Pfennig. Die goldenen Zeiten sind vorbei - aber es gibt sie immer noch, die Zeitschrift, die mit Aufklärungsseiten, Ganzkörperpostern und Foto-Lovestorys ganze Generationen geprägt hat. Seit 1968 erscheint sie im Hamburger Bauer Verlag.

"'Bravo' war total genial, weil sie ja eigentlich verboten war" und "Es gab immer ein, zwei Leute in der Klasse, die sich das Heft gekauft haben, und das wurde rumgereicht. Weil sich das nicht jeder kaufen konnte", erinnern sich zwei Hamburgerinnen.

"Bravo" als Gemeinschaftserlebnis

"Bravo" war immer auch ein Gemeinschaftserlebnis: Über die Foto-Lovestorys kichern, sich mit der Freundin "Mein erstes Mal"-Geschichten ausdenken - lange bevor man selbst in die Verlegenheit kam - und endlich genau erfahren, was dieses ominöse Petting eigentlich ist. Damit man in der Schule mitreden konnte.

Als Hollywood von Hollenstedt noch so weit entfernt war wie der Jupiter erfuhr man in der "Bravo" alles aus der Welt der Stars. Seit 1959 kamen sie sogar in Lebensgröße ins Jugendzimmer. Brigitte Bardot war auf dem ersten so genannten Starschnitt. Leserbindung vom Feinsten: Von Elvis bis Backstreet Boys, von Nena bis Justin Bieber. Der Starschnitt der Village People zum Beispiel war auf 25 Ausgaben verteilt. 53 Teile, bis man alle zusammen hatte - offizieller "Bravo"-Rekord.

So erinnern sich Nutzer auf NDR.de an die "Bravo"

  • "Heimlich unter der Bettdecke"

    "Die 'Bravo' musste ich oft heimlich unter der Bettdecke lesen. Aufklärung gab's von Zuhause nicht. Da war ich froh, dass es die 'Bravo' und Dr. Sommer gab", schreibt Karin Schaper.

  • Erinnerungen an Dr. Sommer

    "Dr. Sommer " Befruchtung mit dem Finger " 1981 werde ich nie vergessen", erinnert sich Udo Burmester.

  • Schwarzmarkt für Aufklärungshefte

    "Ich war damals im Internat. Wir waren also mit Playboys und was es damals sonst noch alles gab von den Älteren gut versorgt. Ich erinnere mich sogar noch an eine Art Schwarzmarkt und Tauschbörse für solche Hefte. Als Gegenleistungen wurde Zimmer aufräumen etc. angeboten. Es war absurd. Aber rückblickend oberwitzig", berichtet Hardy Hörmann.

  • Mehr "Learning by doing"

    "Ich habe die Rubrik Dr. Sommer interessiert und zum Teil amüsiert gelesen, aber meine Aufklärung bestand aus learning by doing", schreibt Sebastian Dietrich.

  • "Fühlte mich von dem Dr. nicht aufgeklärt"

    "Ich hab die 'Bravo' auch gelesen, könnte aber nicht behaupten, dass ich mich von dem 'Dr.' hätte aufgeklärt gefühlt", meint Astrid Brants Millekat.

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Dr. Sommer klärte auf

Und dann war da natürlich noch Dr. Sommer. Die meisten müssen lachen, wenn sie an ihre Erlebnisse mit der "Bravo"-Aufklärungsseite denken. Die Aufklärungsseiten wurden von manchen Eltern noch rausgerissen. Seit 1969 klärt die Kunstfigur Dr. Jochen Sommer auf - heutzutage als ganzes Team. Und die Probleme der Jugendlichen in der aktuellen Ausgabe waren bei ihren Eltern schon aktuell: Welche Stellung ist die beste? Meine Mama ist gegen Tampons! Statt Pille ein Verhütungspflaster?

2,68 Milliarden "Bravo"-Hefte wurden in sechzig Jahren verkauft, aneinander gereiht einmal zum Mond und zurück, hat die "Bravo"-Redaktion jetzt zum Geburtstag getwittert. Doch die Zeitschrift zehrt von früher.

Noch Mitte der 90er verkaufte der Bauer-Verlag 1,4 Millionen Hefte. Seitdem Musikfernsehen und Internet aufkamen, sanken die Verkaufszahlen auf weit unter 200.000 Exemplare. Seit zwei Jahren erscheint das Heft nur noch alle zwei Wochen. Dafür gibt es zusätzlich noch die "Bravo Sport" oder die "Bravo"-YouTube-Stars. Und die Internetseite. Sie ist noch deutlich reißerischer als das Heft, um die Klickzahlen zu erhöhen, mit Überschriften wie "Penis-Formen, das sagen sie über den Charakter eines Jungen aus!", "Krass! Daran denkt die Hälfte der Frauen beim Sex!"und "Darum bist Du ein Psychopath, wenn Du mit Deinem Ex befreundet bleibst!"

Fragwürdige Tipps für Mädchen

Seit dem letzten großen Coup - dem Aufbau von Tokio Hotel zu Teenie-Stars 2005 - macht die "Bravo" nur noch selten positive Schlagzeilen. Im vergangenen Jahr etwa veröffentlichte die Zeitschrift eine Liste mit "100 Tipps für eine Hammerausstrahlung", die ein - vorsichtig formuliert - eher altmodisches Frauenbild transportierten. Einer der Tipps, über den sich die Netzgemeinde am meisten aufregte: "Jungs immer leicht von unten anschauen, das wirkt am süßesten auf Typen!"

Seit 2013 Nadine Nordmann die Chefredaktion übernahm, wurde das Heft ordentlich umgekrempelt.  Unter anderen musste die langjährige Leiterin des Dr. Sommer-Teams gehen. Die Psychologin, die 16 Jahre lang jede Anfrage persönlich beantwortet hat, befürchtet seitdem öffentlich, dass hilfesuchende Jugendliche nur noch vorgefertigte Standard-Antworten bekommen.

Ein Interview wollte die Chefredakteurin Nordmann NDR Info nicht geben, stellte aber vorgefertigte Antworten zur Verfügung: "Die 'Bravo' hat vielleicht einen größeren Stellenwert als jemals zuvor. Denn natürlich sind unsere Jugendlichen heute über Instagram, Snapchat, WhatsApp mit den Stars in Echtzeit verbunden. Aber gleichzeitig haben sie ein großes Bedürfnis nach Orientierung entwickelt. Und das kann natürlich nur 'Bravo' als Print-Produkt bieten."

Natürlich. Man wünscht der "Bravo" wirklich, dass sie die Jugend weiterhin erreicht. Denn man erinnert sich doch gerne an das Kichern und Lästern, die Poster und Poser.  

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NDR Info | Aktuell | 26.08.2016 | 06:54 Uhr

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