Stand: 05.04.2019 15:00 Uhr

Schlicht und elegant: Bauhaus-Architektur im Norden

von Silke Lahmann-Lammert
Bild vergrößern
Als 27-Jähriger hat Architekt Walter Gropius das Fagus-Werk in Alfeld entworfen.

1911 hat Walter Gropius für den Schuhleistenfabrikanten Carl Benscheidt das Fagus-Werk in Alfeld gebaut. Das Fabrikgebäude schrieb Geschichte und machte den jungen Architekten auf einen Schlag bekannt. In der Kleinstadt im Süden Niedersachsens verwirklichte er einen Entwurf, der mit allen Traditionen brach. Auch weil der Bau mit beispielloser Konsequenz eine humanistische Idee umsetzte: Gropius wollte die bestmögliche Umgebung für die Menschen schaffen, die in diesen Wänden Tag für Tag arbeiten mussten. "In der Zeit, als das Fagus-Werk gebaut wurde, waren die Fabriken dreckig. Auf das Äußere sei nicht geachtet worden", sagt Karl Schünemann, der 50 Jahre lang in dem Gebäude ein- und ausgegangen ist. "Doch das Fagus-Werk ist ganz anders." Schünemann arbeitete sich vom Lehrling in der Produktion bis in die Werbeabteilung hinauf. Später gehörte er zu dem Team, das sich für die Anerkennung des Fagus-Werks als UNESCO-Welterbe einsetzte.

Fagus-Werk: Erster Auftrag für Architekt Walter Gropius

Das Fagus-Werk  in Alfeld © NDR Foto: Silke Lahmann-Lammert

Bauhaus-Einflüsse und Neues Bauen im Norden

NDR Info - Die Reportage -

Die Fagus-Werke im südniedersächsischen Alfeld zeugen von der bahnbrechenden Stilrichtung, die in diesen Tagen ihren 100. Geburtstag feiert.

4,25 bei 4 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Download

1910 beschloss Carl Benscheidt, in Alfeld eine neue Produktionsstätte aufzubauen. Eigentlich sollte der Architekt Eduard Werner den Auftrag bekommen. Dessen Fabrikgebäude sind typisch für die wilhelminische Ära: massige Rotklinkerbauten mit Sägezahndächern und Sprossenfenstern aus Eisen, gekrönt von repräsentativen Türmchen. Doch ein Brief von Walter Gropius änderte alles, erzählt Schünemann.

Gropius war damals 27 Jahre alt und ein unbekannter Architekt, der sich selbstständig machen wollte. Er schickte Bewerbungsschreiben an potenzielle Bauherren im ganzen Kaiserreich. Jahre später witzelte er, Carl Benscheidt sei der einzige gewesen, der antwortete. Nachdem Gropius Benscheidt eine Skizze der Fabrik vorlegte, seien die beiden ganz schnell zusammengekommen, erläutert Schünemann. So entstand ein Bau, der seit 2011 auf der UNESCO-Liste international herausragender Kulturstätten steht.

Neues Bauen: Licht und Luft ins Gebäude bringen

Das Hauptgebäude ist ein dreigeschossiger Kubus aus Gelbklinkern, an dem riesige Fensterflächen hinabgleiten wie Vorhänge aus Glas. "Es war völlig neu. Weg von kleinen Fenstern, hin zu großen Flächen", erklärt Schünemann. Zu dieser Zeit baute man sonst ganz anders. Überall im Kaiserreich entstanden Bauten, die Macht und Größe demonstrieren sollten: historisierende Gemäuer mit Türmen, Erkern und wuchtigen Ornamenten. Das war für Gropius eine Architektur, die an den Bedürfnissen der Menschen vorbeiging. Als entschiedener Verfechter des "Neuen Bauens" wollte er schlichte, funktionale Häuser schaffen und Licht und Luft in Wohnsiedlungen und Fabriken bringen.

Das Fagus-Werk sei nicht auf einen Schlag entstanden, erklärt Schünemann, "sondern sie ist nach und nach ergänzt worden". Gropius legte die neuen Gebäudeteile wie Schuhkartons aneinander und verdoppelte so die Fläche. 1912 kam der Schornstein mit dem berühmten Firmenlogo hinzu. Die Vorderseite hat ein gelb geklinkertes Entree mit einer runden Werksuhr. Gropius hat den Haupteingang als zweigeschossigen Vorbau vor die Fassade gesetzt. Nicht mittig, sondern nach links verschoben, um jeden Eindruck eines Prachtportals zu vermeiden.

Meisterwerk aus Glas, Stahl und Stein

Fabrikgebäude soll Arbeit der Werktätigen erleichtern

Das Bauhaus

1919 gründete Walter Gropius in Weimar das "Staatliche Bauhaus". Die Kunstschule wollte Kunst und Handwerk in den Bereichen Architektur, Kunst und Design zusammenbringen. 1925 zog die Schule nach Dessau und 1932 nach Berlin. Nur ein Jahr später schloss die Schule auf Druck der Nationalsozialisten.

Walter Gropius hat nicht nur die äußere Hülle, sondern auch einen Teil der Inneneinrichtung wie Türklinken, Möbel und Deckenleuchten entworfen. Durch großflächige Fenster zwischen Flur und Büros fließt Tageslicht in den Gang. Das Herz der Fabrik ist die große eingeschossige Produktionshalle, die ebenfalls eine gläserne Front hat. Die Fensterkonstruktion zieht sich über die gesamte Länge des Raums. Zusätzlich dringt Helligkeit durch die Oberlichter. Der soziale Gedanke prägt die Architektur auch hier: Jedes Detail ist darauf ausgelegt, die Arbeit der Werktätigen zu erleichtern.

Das Fagus-Werk wird oft als Paradestück der Bauhaus-Architektur bezeichnet. Das Fabrikgebäude, das der spätere Bauhaus-Direktor in der niedersächsischen Provinz verwirklichte, setzte Maßstäbe und beeinflusste Generationen von Architekten im In- und Ausland.

Ein Bau der Moderne: das Kurhaus in Warnemünde

Bild vergrößern
Das Kurhaus in Warnemünde sollte ursprünglich ein Walmdach erhalten.

Der Rostocker Architekt und spätere Stadtbaudirektor Gustav Wilhelm Berringer hat an der Ostsee einen bemerkenswerten Bau der Moderne geschaffen: das Kurhaus in Warnemünde. Hinter den Dünen gelegen wirkt der Bau wie ein gestrandeter Luxusliner. Die langgezogenen Terrassen auf beiden Seiten des Hauses bilden die Decks, der zweigeschossige Saal mit den vertikalen Fensterbändern die Schiffsaufbauten. Das Flachdachgebäude besticht durch seine klaren, sachlichen Formen. Die weiße Putzfassade kommt nahezu ohne Schmuck aus. Einziges Schmuckelement sind die waagerechten Rotklinkerbänder im Sockel, an den Treppenaufgängen und den oberen Gebäudeecken.

Gustav Wilhelm Berringer schafft Ortsmittelpunkt

Die Baugeschichte reicht zurück bis ins 19. Jahrhundert. 1888 nahm die Eisenbahnlinie zwischen Rostock und Warnemünde ihren Betrieb auf - und mit ihr kamen die Badegäste in das verschlafene Fischerdorf. "Es gab natürlich auch eine Konkurrenz zwischen den Badeorten an der Ostsee. Und jeder wollte natürlich für die Badegäste alles bieten. Und dazu gehörte dann auch in damaliger Zeit ein Kurhaus", erklärt der Rostocker Stadtkonservator Peter Writschan. Es sollte ein Veranstaltungsort für Konzerte, Theateraufführungen und Bälle sein.

Der damalige Stadtbaumeister Gustav Wilhelm Berringer plante zunächst einen konventionellen Bau mit Walmdach. Doch der Erste Weltkrieg erzwang einen Baustopp. Zwölf Jahre stand der Rohbau als Investitionsruine am Rand des Kurparks. Während dieser Zwangspause hatten sich Berringers Vorstellungen von einem Kurhaus allerdings komplett verändert. Beeinflusst vom Bauhaus reduzierte Berringer den Bau auf die strengen geometrischen Formen, die heute seinen Reiz ausmachen. Sein Kollege Walter Butzek stattete die Innenräume im Stil des Art déco aus. Bauhausschülerin Dörte Helm gestaltete mehrere Wandgemälde. Doch davon sei leider nichts mehr übrig außer ein paar wunderschöner Fotos, erzählt Writschan.

Wechselhafte Geschichte für das Bauhaus-Gebäude

Mit dem Zweiten Weltkrieg änderte sich alles. Im Kurhaus wurden Bomberteile produziert, nachdem 1941 Hitlers Flugzeugfabrikant Ernst Heinkel den mondänen Bau bezogen hatte. Nach dem Krieg fiel das Schicksal des Kurhauses in die Hände von DDR-Funktionären. Zwei Mal wurde das Kurhaus Warnemünde zu DDR-Zeiten saniert. Dabei nahmen die staatseigenen Firmen wenig Rücksicht auf die historische Bausubstanz: Sie erhöhten die Dachkonstruktion, veränderten die Fensterformen und überpinselten die roten Klinkerbänder mit weißer Farbe. Die Betonung der Horizontale, die Berringer so wichtig war, ging dadurch verloren. Erst nach der Wende nahm eine weitere Sanierung die gröbsten Verunstaltungen zurück.

Landhaus Michaelsen: Experimentelle Architektur in Hamburg

Bild vergrößern
Das Landhaus Michaelsen fügt sich harmonisch ins Gelände am Elbhang.

Architekturhistorisch bedeutender als das Kurhaus Warnemünde ist das Landhaus Michaelsen - ein Klassiker des Neuen Bauens in Hamburg. Es wurde 1923 vom Architekten Karl Schneider errichtet. Das Gebäude entkam Jahrzehnte später nur mit knapper Not der Abrissbirne. In den 80er-Jahren hat die Galeristin Elke Dröscher die völlig heruntergekommene Villa westlich von Blankenese wiederaufgebaut. Seither wohnt sie in dem weiß geschlämmten Backsteinbau und betreibt dort ihr Puppenmuseum. Tag für Tag genießt sie die unvergleichliche Lage des Anwesens: Das Landhaus Michaelsen liegt auf einer Kuppe des Elbhangs, oberhalb des Falkensteiner Ufers. Mit weitem Blick über den Fluss und die Landschaft südlich des Stroms.

Karl Schneider entwarf ein Gebäude, das sich harmonisch ins Gelände fügt. Sein Bau sollte nicht herausstechen, sondern mit den horizontalen Linien der Geesthügel verschmelzen. Es ist ein Gegenmodell zu den mehrgeschossigen Prunkvillen, die stadteinwärts wie Paläste über der Elbe thronen. Karl Schneider arbeitete vor dem Ersten Weltkrieg zunächst bei Walter Gropius, dann bei Peter Behrens in Berlin.

Das Landhaus an der Elbe entwarf er für Elise Michaelsen. Als Künstlerin und Gattin eines wohlhabenden Industriellen verfügte die Bauherrin nicht nur über den Mut, sondern auch über das Kapital, im Inflationsjahr 1923 eine radikal moderne Architektur aus der Taufe zu heben. Sie selbst lebte nur wenige Jahre in der Villa. Mehrere Mieter folgten.

Axel Springer schenkt Karl-Schneider-Bau Stadt Hamburg

1955 kam es zum Verkauf an den Verleger Axel Springer. Dieser ließ die Villa gelb streichen, die Diele mit zitronenfarbenem Wurfputz verkleiden und ein riesiges Fenster in die Fassade brechen. 1970 beschloss Springer, den Bau abzureißen und an seiner Stelle einen Neubau zu platzieren. Bereitwillig erteilte ihm die Stadt eine Abbruchgenehmigung. Doch er versäumte es, das Haus innerhalb eines Jahres abzureißen. Inzwischen gab es Proteste von Karl-Schneider-Kennern. An einen Abriss war nicht mehr zu denken. Springer ließ den Bau verfallen. Die Villa glich einer Ruine, als der Verleger das Anwesen Anfang der 80er-Jahre der Stadt zum Geschenk machte.

Elke Dröschers Engagement rettet Villa

Bild vergrößern
Das gebogene Panoramafenster ist bis heute eine Besonderheit.

Mit enormem Engagement, finanziellem Aufwand und einer gehörigen Portion Wagemut hat Elke Dröscher den Klassiker der Moderne wieder zum Leben erweckt. Heute komplettiert ein Nachbau des zerstörten Ostflügels das denkmalgerecht restaurierte Ensemble. Das Panoramafenster, das in den 20er-Jahren für Furore sorgte, ist wie durch ein Wunder erhalten geblieben. Das Fenster mit der zweieinhalb Meter langen, abgerundeten Scheibe war kein zeitgenössischer Modegag, sondern Teil einer Architektur, die Innen und Außen verbindet. Ein fließender Übergang zwischen Haus, Hang, Wasser und Himmel - zeitlos schön.

Bilder
10 Bilder

Vom Fagus-Werk bis zum Kurhaus: Bauhaus im Norden

2019 wird das 100-jährige Jubiläum des Baustils der Moderne gefeiert. Das Fagus-Werk in Alfeld zählt als Paradestück. Doch im ganzen Norden sind Bauhaus-Bauwerke zu bewundern. Bildergalerie

 

Weitere Informationen

100 Jahre Bauhaus im Norden

Die einflussreichste Einrichtung für Architektur und Kunst des 20. Jahrhunderts wird 100 Jahre alt. Auch der Norden begeht das Bauhaus-Jubiläum mit zahlreichen Veranstaltungen. mehr

Fagus-Werk: Ausstellung zu 100 Jahren Bauhaus

16.02.2019 10:00 Uhr und weitere Termine
Fagus-Werk - Fagus-Galerie

Zu den 100-Jahr-Feiern des Bauhauses zeigt das Fagus-Werk in Alfeld eine Sonderausstellung zu seiner Gründungsgeschichte. "MUT - Die Provinz und das Bauhaus" ist ab sofort zu sehen. mehr

Von Aurich ans Bauhaus: Designer Hin Bredendieck

Pünktlich zum 100. Bauhaus-Jubiläum hat ein Oldenburger Museum einen Schatz entdeckt: den Nachlass des Designers Hin Bredendiek. Er lernte unter anderem bei Kandinsky und Klee. mehr

Programmtipp
NDR Info

Die Reportage

NDR Info

Die NDR Info Sendung "Die Reportage" ist den Menschen auf der Spur - sie ist nah dran, neugierig und nachdenklich. Jeden Sonn- und Feiertag um 6.30 und 17.30 Uhr auf NDR Info. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Die Reportage | 07.04.2019 | 06:30 Uhr

Mehr Geschichte

03:59
Hamburg Journal
06:06
Nordmagazin

Norddeutsche Geschichte