Stand: 26.02.2019 10:30 Uhr

Die Angst vor dem "Würger vom Lichtenmoor"

von Marc Hoffmann, NDR Info

Seit Monaten wird in Norddeutschland über den Umgang mit Wölfen diskutiert - Wolfsschützer stehen Viehhaltern und verängstigten Anwohnern gegenüber. Doch die Aufregung um den Wolf ist nicht neu: Kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sorgte der "Würger vom Lichtenmoor" für eine regelrechte Hysterie in der Gegend rund um das niedersächsische Nienburg.

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Gut verpackt und in Einzelteilen archiviert: Teile des Skeletts des "Würgers vom Lichtenmoors".

Der sagenumwobene "Würger" ist nicht ganz verschwunden. Das, was von ihm übrig geblieben ist, lagert heute in einem vergilbten Pappkarton im Landesmuseum Hannover: das Original-Skelett des Wolfes.

Mit weißen Stoffhandschuhen begutachtet Kuratorin Christiane Schilling die in Papier gewickelten Überreste des einst "geheimnisvollen Untiers" vom Lichtenmoor. Wirbelsäule, Rippen, Schulterblatt - alles fast vollständig vorhanden. Kleinere Knochen haben Schilling und ihre Kollegen in wieder verschließbare Tütchen sortiert. Der Originalschädel des "kräftigen Rüden", wie ihn die Wissenschaftlerin beschreibt, mit den mächtigen Reißzähnen beeindruckt noch heute.

"Würger vom Lichtenmoor": ein mediales Sommerloch-Ereignis

Hunderte Schafe und Rinder soll der gefräßige "Würger" im Sommer 1948 gerissen haben. Wie viele es tatsächlich waren, bleibt sein Geheimnis. Ein sensationslüsterner Journalist hatte dem Wolf, der bei Nienburg durch die Wälder schlich, diesen mörderisch klingenden Namen verliehen. Die Aufregung um den "Würger" war ein mediales Sommerloch-Ereignis.

Auch die von Briten und US-Amerikanern produzierte Wochenschau "Welt im Film" berichtete in dramatisch wirkenden Ton: "Der Würger geht um. Seit vier Monaten sind die Bauern in der Nähe des Lichtenmoors zwischen Weser und Aller von einem geheimnisvollen Raubtier in Angst und Schrecken gejagt worden. Fast jeden Morgen fand man auf den Weiden gerissene Rinder, Pferde und Schafe. 182 Stück Vieh waren schon Opfer des nächtlichen Tiermörders geworden."

Hysterie nimmt groteske Züge an

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In den Medien war der "Würger vom Lichtenmoor" 1948 ein großes Thema.

Rätselhaft, grauenvoll, heißt es in den Zeitungsberichten aus jener Zeit. Die Fantasie der Menschen blüht. Zeitzeugen erinnern sich, wie diese Frau vor gut zwanzig Jahren: "Die Leute waren ängstlich. Es war die Blaubeerzeit, keiner ging mehr in den Wald Blaubeeren pflücken. Und einige haben gerochen, dass es nach Löwe oder nach Puma riecht."

Die Hysterie nimmt groteske Züge an. Der Tierpark in Hamburg wird zur Hilfe gerufen, um dem mysteriösen Raubtier auf die Spur zu kommen, berichtet Christiane Schilling vom Landesmuseum Hannover: "Dann ist Hagenbeck gekommen und hat keine Puma-Spuren gefunden. Dann hat es eine riesige Treibjagd gegeben. 1.500 Treiber, im Juni 1948, und keiner hat ihn gefunden." Von Artenschutz war damals noch keine Rede.

"Problemwolf" kam der Bevölkerung nicht ungelegen

Christiane Schilling hat sich ausführlich mit dem "Würger" beschäftigt. Eine Wolfsausstellung vor zwei Jahren im Landesmuseum Hannover hat die Kuratorin mit vorbereitet. Das veritable Pressewesen damals ist ihr zufolge eine der wichtigen Zutaten für den Wolfshype. Doch bei aller Urangst vor dem rätselhaften Ungetüm: Auch die Menschen auf dem Land hatten ihren entscheidenden Anteil an der Würger-Legende, sagt sie.

Niedersachsens wohl erster Problemwolf kommt der hungernden Bevölkerung damals offenbar nicht ungelegen, so die Wissenschaftlerin: "Ich weiß vom Dorf her, dass so manchen Sonntag auf so manchem Braten dem Wolfe zugeprostet wurde. Möge er noch lange bestehen. Denn die haben natürlich alle schwarz geschlachtet und haben dann gesagt, das war der Würger. Damit hatten sie einen Freifahrtsschein, um sich den Bauch vollzuschlagen."

"Ein ausgewachsener Wolfsbastard"

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Das gefräßige Gebiss des Wolfes: Wie viele Tiere es wirklich gerissen hat, ist bis heute unklar.

Damals ist das ein offenes Geheimnis. Zu weit voneinander entfernt liegen die Tatorte, zu glatt erscheinen die Wunden an manchem Schaf und Rind. Doch der Jäger Hermann Gaatz aus Eilte ist von der Existenz des Wolfes überzeugt. In seinem Tagebuch beschreibt er ausführlich, wie er das Tier eines Abends Ende August 1948 zur Strecke bringt.

Tags darauf präsentierte er vor versammelter Journalistenschar das geschossene Raubtier, berichtet die im Bundesarchiv dokumentierte Wochenschau "Welt im Film" in allen Einzelheiten und spürbar beeindruckt: "Es war ein ausgewachsener Wolfsbastard von 1,70 Meter Länge. Das mörderische Gebiss zeigte fünf Zentimeter lange Hauzähne. Der glückliche Raubtierjäger wurde geehrt und gefilmt - und die erfundenen Fabelwesen verschwanden aus der erhitzten Fantasie der Bevölkerung."

Parallelen zur heutigen Wolfs-Debatte

Das Skelett im Museumsarchiv und ein einzelnes Kopfpräparat erinnern noch heute an das Raubtier aus dem Moorgebiet. Die Legende um den "Würger vom Lichtenmoor" ist zu einem Stück Regionalgeschichte geworden.

Kuratorin Christiane Schilling sieht in der Geschichte durchaus Parallelen zu dem, was heute geschieht. Wenn es um Wölfe geht, sagt sie, dann sei da auch immer viel Klatsch und Tratsch dabei. Oft werde übertrieben, aber: "Die Urangst vor einem großen Raubtier, und das ist der Wolf einfach, die kann ich heute keinem nehmen." Sehr lange Zeit hätte es keine Wölfe in Deutschland gegeben: "Wir sind da gar nicht mehr daran gewöhnt."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 26.02.2019 | 07:08 Uhr

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