Stand: 27.03.2015 09:19 Uhr  | Archiv

60 Jahre DDR-Jugendweihe: "Lieber Honecker als Gott"

Damals mehr lustig als feierlich - eine Jugendweihe-Feier 1958 in Sonneberg. © Bundesarchiv
Damals mehr lustig als feierlich - eine Jugendweihe-Feier 1958 in Sonneberg.

"Ich habe stundenlang geübt - mit meiner Mutter. Ich wollte mich schließlich nicht blamieren", erinnert sich Margitta Kandler und lacht. Auch über ein halbes Jahrhundert danach sind ihr viele Details im Gedächtnis geblieben. Auch das mit den Stöckelschuhen. Damit zu laufen wollte gelernt sein. Doch schließlich sollte alles perfekt sein - bei ihrer Jugendweihe-Feier.

27. März 1955 - erste Jugendweihe in der DDR

Bei Kandlers Weihe 1964 in Bergen auf Rügen ist das Ritual bereits neun Jahre die zentrale Feier für Jugendliche, die ihren Übergang vom Kindesalter in das Erwachsensein zelebrieren wollten. Am 27. März 1955 findet in Berlin die erste offizielle Jugendweihe-Feier in der Deutschen Demokratischen Republik statt.

Freidenker-Ritual als Folge der Aufklärung

Eine Erfindung der DDR ist die Jugendweihe freilich nicht: 1800 war die Zeit der Aufklärung vorbei, ihre gesellschaftlichen Auswirkungen dauerten an. Mitte des Jahrhunderts wird das Bedürfnis nach einem außerkirchlichen Ritual für Jugendliche deutlich. Anhänger der Freidenker-Bewegung wollten ihren Kindern ihre Moralvorstellungen organisiert vermitteln. Am 9. April 1846 berichtet eine Breslauer Tageszeitung über die Initiation als "Confirmationsersatzfeier". Am 24. März 1890 feiern 23 Schüler und Schülerinnen ihren feierlichen Schulabschluss in einer "recht ansprechenden und erhebenden Familienfeier" wie das Hamburger Echo schreibt. Nach einer kurzen Blüte und der Weimarer Republik und einem Verbot in der Zeit des Nationalsozialismus lebt die Jugendweihe schon kurz nach dem Krieg wieder auf.

Jugendweihe in der DDR vor dem Aus

Dabei hat die Jugendweihe in den Gründungsjahren der DDR keinen guten Start. Im Gegenteil: Noch 1950 verbietet die DDR-Führung die Durchführungen. Der freidenkerische Ansatz gilt als Gefahr für die noch nicht gefestigte Macht der Partei. Ohne Erfolg: Das Bedürfnis nach einem Übergangsritual vom Kindesalter in das Erwachsensein treibt auch Eltern ohne strenge Religionszugehörigkeit dazu, ihre Kinder zur Konfirmation anzumelden.

Daher beschließt das Zentral-Komitee der SED am 14. März 1954 - nach Anweisung aus Moskau - die Durchführung von Jugendweihen ab 1955. Damit sollten Eltern und Kinder von der Konfirmation abgeworben werden. Gleichzeitig will die Partei-Führung die jungen Menschen bereits früh an ihre Ideologie binden.

Kommt die Ideologie bei den Jugendlichen an?

1958 spricht Walter Ulbricht (Podium rechts) in Gera aus Anlaß des Bezirkstreffens mit Teilnehmern an der Jugendweihe in Gera. © Bundesarchiv
Jugendweihe als politisches Instrument: Der erste SED-Generalsekretär, Walter Ulbricht, spricht 1958 auf einer Feier in Gera.

Zahlreiche Historiker, Experten und Zeitzeugen belegen den Druck auf Eltern und Kinder, an der Feier teilzunehmen. Bei einer Weigerung drohten Nachteile im weiteren Werdegang - wie eine schlechtere Ausbildung oder die Verweigerung eines Studienplatzes. Doch nicht für alle Zeitzeugen steht die Bindung an den Staat und seine Werte im Vordergrund. Für viele ist es die erste Gelegenheit, als Erwachsener in der Gemeinschaft zu feiern - natürlich mit Alkohol.

Brokat-Kleid statt Ideologie als Erinnerung

Weitere Informationen

Erinnerungen eines Jugendweihe-Teilnehmers

Martin Seffner erinnert sich im Online-Spezial des mdr.de extern

Die Antwort vom Margitta Kandler auf die Frage nach den prägendsten Details der Feier kommt wie aus der Pistole geschossen: "Mein Kleid! Das war ein gelbes Brokat-Kleid mit Trägern. In dem wurde ich auch fotografiert. Das Foto habe ich heute noch". Die wichtigste Veränderung für die damals 14-Jährige: "Am nächsten Tag in der Schule wurden wir gesiezt. Das war schon etwas Besonderes." Im Vordergrund stehen für sie die persönliche Entwicklung und Familie und Freunde, mit denen sie diesen Schritt feiern möchte.

Dieses Thema im Programm:

Nordmagazin | 16.05.2015 | 19:30 Uhr

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