Stand: 14.08.2018 14:54 Uhr

Ein Mantel für alle - Zeitungen im Einheitslook?

von Aimen Abdulaziz-Said und Daniel Bouhs

Für die Zeitungsbranche war es ein Paukenschlag: Ende Mai kündigten die Verlagsgruppen Madsack ("Hannoversche Allgemeine") und DuMont ("Berliner Zeitung") an, eine gemeinsame Hauptstadtredaktion gründen zu wollen - als Teil des Dienstleisters Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Der soll künftig knapp sieben Millionen Leser von mehr als 50 Tageszeitungen mit überregionalen Nachrichten aus Politik und Wirtschaft versorgen, dafür Texte und oft auch fertig gelayoutete Seiten für den so genannten Zeitungs-Mantel liefern. Das Bundeskartellamt hat dieser weitreichenden Zusammenarbeit zugestimmt, es gebe schließlich noch weitere Dienstleister dieser Art - etwa die Zentralredaktion der Funke-Mediengruppe ("Hamburger Abendblatt").

Madsack und DuMont schließen sich zu einer Superredaktion zusammen. © NDR

Ein Mantel für alle - Zeitungen im Einheitslook?

ZAPP -

Eine Zentralredaktion in Berlin soll künftig mehr als 50 Zeitungen mit Nachrichten versorgen. Kritiker befürchten, regionale Vielfalt könne der Zentralisierung zum Opfer fallen.

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Zentralisierung der Berichterstattung

Die zunehmende Zentralisierung der Berichterstattung jenseits des Regionalen ist inzwischen auch auf höchster politischer Ebene ein Thema. Als Madsack im Juni 125. Geburtstag feierte, mahnte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier als Festredner, "jeder einzelne Journalist auch bei Madsack" müsse sich "immer bewusst sein, wie viele Menschen er am nächsten Tag mit seiner Bewertung von politischen Vorgängen natürlich beeinflusst". Der Bundespräsident erklärte allerdings auch: Er habe Vertrauen in das Verantwortungsbewusstsein der Verantwortlichen.

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Fürchtet um die Vielfalt: Zeitungsforscher Horst Röper vom Formatt-Institut.

Zeitungsforscher Horst Röper, der das in Dortmund ansässige Formatt-Institut leitet, sieht jedoch die Vielfalt schwinden, wenn immer mehr Zeitungen keine eigenen Korrespondenten im Berliner Regierungsviertel beschäftigten, sondern sich auf die Berichterstatter der Zentralredaktionen stützten. "Wir verlieren die unterschiedlichen Blickwinkel", sagt Röper. "Die haben sich früher auch gegenseitig befruchtet, das heißt, die Kollegen in Berlin haben natürlich auch immer nachgelesen, was hat der andere aus dem Thema gemacht und das vielleicht in ihre künftige Berichterstattung mit einfließen lassen." Röper sieht vor allem ein Sparmodell.

Mehr Vielfalt als früher?

Das "Hamburger Abendblatt" hat in Deutschland mit die größte Erfahrung mit der zentralen Belieferung von Berichten über Politik, Wirtschaft und das Geschehen in aller Welt gesammelt. Als die Zeitung noch zum Axel-Springer-Verlag gehörte, wurde sie von der "Welt" beliefert. Seit das "Abendblatt" zur Funke-Mediengruppe gehört, erhält es fertig gebaute Seiten aus der Funke-Zentralredaktion in Berlin - so wie unter anderem auch die "WAZ" und die "Berliner Morgenpost".

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Ist Fan der Superredaktionen: Lars Haider, Chefredakteur "Hamburger Abendblatt".

"Abendblatt"-Chefredakteur Lars Haider ist erklärtermaßen Fan dieses Modells. Er mahnt: Zwar habe seine Redaktion früher einen eigenen Reporter in Berlin beschäftigt. Der habe aber kaum Zugänge zu den Regierenden bekommen - ganz anders als die Reporter der Zentralredaktion, die bei Anfragen damit punkten können, für die Leserschaft gleich mehrerer Zeitungen zu schreiben. Früher habe das "Abendblatt" sich deshalb viel bei der Deutschen Presseagentur (dpa) bedient, die praktisch alle Redaktionen in Deutschland mit einem journalistischen Grundrauschen versorgt. "Wenn es auf einmal fünf, sechs, sieben größere Zentralredaktionen gibt, ist das schon eine Verbesserung", sagt Haider gegenüber ZAPP. Für ihn sei die neue Situation "auf jeden Fall mehr Vielfalt als es früher war".

Geld sparen, Qualität steigern?

Madsack wollte ZAPP keinen Einblick in seine Redaktionen gewähren. Lediglich schriftlich wirbt ein Verlagssprecher für das Modell des "Redaktionsnetzwerk Deutschland". So sei die "erreichte Tiefe und Breite des journalistischen Netzwerkangebotes (…)  auch für die Leserinnen und Leser der Partnertitel erlebte Pressevielfalt im Vergleich zum Agentureinheitsbrei". Die Zeitungen sparten bei diesem Modell zwar auch Geld, gleichzeitig steige aber eben auch die redaktionelle Qualität: "Die Kritik der selbsternannten sogenannten Zeitungsforscher läuft daher komplett ins Leere."

Für und Wider der Zentralredaktionen

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Berichterstattung müsse in die Region passen - weshalb man weiter vor Ort produziere, so Alexander Jungkunz, Chefredakteur "Nürnberger Nachrichten".

Vor allem im wirtschaftlich stärkeren Süden der Republik produzieren noch viele Regionalzeitungen ihre Mantel-Seiten zur Bundespolitik und zum Weltgeschehen selbst. "Wir glauben, dass es ganz wichtig ist, den Mantel hier selbst zu produzieren", sagt der Chefredakteur der "Nürnberger Nachrichten", Alexander Jungkunz. Es gehe darum, eine Berichterstattung zu liefern, die für die Region passe und sich dafür beispielsweise direkt mit den Folgen eines Gesetzes aus Berlin oder Brüssel für die Region beschäftige. Seine Redaktion sei daher auch für die Zukunft "wild entschlossen, hier zu produzieren, für die Menschen vor Ort" - auch wenn das heiße, dass der eigene Korrespondent in Berlin nur ausnahmsweise mal ein exklusives Interview bekäme und seine Redakteure beim Zusammenstellen des Mantels auf Nachrichtenagenturen zurückgreifen müssten.

Jungkunz hat aber durchaus Verständnis für Redaktionen, die sich aus einer Zentralredaktion beliefern lassen. Es sei zwar keine positive, aber für viele Verlage doch notwendige Entwicklung. "Da spart man schon viel Geld", sagt er mit Blick auf die wirtschaftlichen Zwänge vieler Häuser. "Wir sind zum Glück noch in der Lage, das nicht tun zu müssen, und wollen diesen eigenständigen Weg auch beibehalten."

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ZAPP | 15.08.2018 | 23:20 Uhr