Stand: 30.08.2016 15:30 Uhr

Überschrift: "Kinder verschwunden"

Erst Hunderte, dann Tausende - in Deutschland "verschwundene Flüchtlingskinder" sind den Medien mit schöner Regelmäßigkeit eine Schlagzeile wert. Diesmal ernteten sie allerdings Zehntausende besorgte und anklagende Tweets aus der Türkei.

Bild vergrößern
Zwei Kinder spielen mit einem Koffer in der Flüchtlingsnotunterkunft Scheuen.

"Fast 9.000 Flüchtlingskinder verschwunden": Mit dieser alarmierenden Überschrift konnte sich die "Neue Osnabrücker Zeitung" ("NOZ") der Aufmerksamkeit von Journalistenkollegen und Publikum sicher sein. Und tatsächlich wurde die am frühen Morgen abgesetzte Vorabmeldung zu einem Artikel in der Montagsausgabe der "NOZ" von den Nachrichtenagenturen AFP und KNA sowie von vielen Online-Medien aufgegriffen. Auch in die deutschsprachigen Twitter-Trends schwappte die Meldung am Montag für ein paar Stunden. Aber dann ging es erst richtig los: Über Stunden hinweg griffen Zehntausende Tweets plötzlich unter dem Hashtag #WhereAre9000ChildrenGermany das Thema auf - auf Deutsch, Englisch und vor allem auf Türkisch.

"Diese Tweets kommen aus der Türkei und der türkischen Community in Deutschland", hat Politikwissenschaftler und Journalist Ismail Küpeli beobachtet. Der Inhalt: Vor allem Sorge um die angeblich spurlos verschwundenen Kinder, aber auch mal mehr, mal weniger deutliche Vorwürfe. Deutschland messe mit zweierlei Maß und mache der Türkei Vorwürfe bei der Behandlung von Flüchtlingen, während es selber zulasse, dass muslimische Kinder in Deutschland verschwinden würden.

So suggerierte es etwa das Posting von Bilal İşgören (nach eigenen Angaben in seinem Twitter-Profil Autor und Moderator beim religiös-konservativen Radiosender Moral FM in der Türkei), illustriert mit einer Collage mutmaßlicher Flüchtlingskinder. Noch weitere anrührende Kinderfotos werden in diesem Zusammenhang weiterverbreitet. Andere Twitter-Nutzer posten zum Vergleich das Foto von britischen Uniformierten, die 1952 im Kolonialkrieg kenianische Dorfbewohner mit Waffen in Schach halten oder mutmaßen, die Kinder seien Opfer von Verbrechen geworden. "Es kursieren die wildesten Verschwörungstheorien", sagt Küpeli.

Einen klaren Ursprung der türkischen Empörung kann ZAPP nicht ausmachen. "Das ist querbeet durch das politsche Spektrum. Wenn es gesteuert wäre, würde es stärker über AKP-Accounts laufen", vermutet Küpeli.

Obwohl einige türkische Twitter-Nutzer zu dem Hashtag auch Links zu deutschen und türkischen Medienberichten verbreiten: Die meisten Nutzer erreicht offenbar nur die Überschrift.

Dabei heißt es bereits in der ursprünglichen Pressemitteilung der "NOZ" in der Unterzeile ausdrücklich: "Laut Bundeskriminalamt meist kein krimineller Hintergrund". Im Text formuliert die Zeitung klar:

Konkrete Erkenntnisse, dass ein Teil der zu Jahresbeginn vermissten minderjährigen Flüchtlinge Kriminellen in die Hände gefallen sein könnten, liegen im Bundeskriminalamt nicht vor", so die Behörde. Eine BKA-Sprecherin sagte: "Vielfach entfernen sich die Kinder nicht planlos, sondern wollen ihre Eltern, Verwandten oder Bekannten in anderen deutschen Städten oder gar im europäischen Ausland aufsuchen." Die Statistik verzerre dabei die Zahlen nach oben.

Differenzierter Bericht - simple Schlagzeile

Trotzdem hat sich die "NOZ" für die eine Überschrift entschieden, die diese Differenzierung nicht widerspiegelt. Und die Osnabrücker Redaktion ist bei weitem nicht die einzige, die Schwierigkeiten bei der Erfassung, Bearbeitung und Betreuung von minderjährigen Geflüchteten, die durch das Raster der deutschen Behördenstatistik fallen, derart vereinfacht.

"Jeder dritte minderjährige Flüchtlinge verschwindet" heißt es beispielsweise bereits Ende August 2015 in der "Passauer Neuen Presse" unter Berufung auf die Behörden des Landkreises. Im November 2015 titelte der "Westfälische Anzeiger" anhand von Zahlen aus Bergkamen: "Junge Flüchtlinge verschwinden häufig". Am 11. April 2016 berichtete die Funke Mediengruppe in einer Exklusivmeldung von mittlerweile 5.385 verschwundenen Minderjährigen: "Das geht aus einer Antwort des Bundesinnenministeriums auf eine Parlamentsanfrage hervor, die unserer Redaktion vorliegt." Die gleichen Zahlen meldet die "Berliner Zeitung" am 6. Mai 2016 erneut und stellt bereits fest:

Seit Anfang des Jahres wabert das Thema verschwundene Flüchtlingskinder immer wieder durch die öffentliche Diskussion ... Überraschend ist nach wie vor die Vielzahl der Fälle, hilflos wirkt die Reaktion der zuständigen Behörden. Die Berliner Polizei zum Beispiel teilt mit: "Speziell im Hinblick auf umF (unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge, d.R.) zeigen die hiesigen Erfahrungen fast ausnahmslos, dass die Betroffenen gegenüber Freunden und Angehörigen eine Weiterreise in andere europäische Regionen ankündigten, um dort Kontakt zu Familienmitgliedern zu suchen oder um bessere persönliche Perspektiven zu haben." ...

Europol: "Nicht alle sind Opfer von Verbrechen"

Auch auf die europäische Polizeibehörde Europol stützen sich viele Berichte, obwohl auch diese nur von einigen Fällen berichtet, in denen minderjährige Flüchtlinge von Verbrechern sexuell ausgebeutet wurden. Für den Großteil gelte: "Nicht alle sind Opfer von Verbrechen geworden. Wir wissen nur nicht, wo und bei wem sie sich aufhalten."

Sicher sind drei Dinge:

- Korrekturen und Klarstellungen haben bei Erregungswellen in den sozialen Medien bekanntlich viel weniger Chancen, die Masse zu erreichen als der ursprüngliche Auslöser.

- Bei mehr als 1,1 Millionen Neuankömmlingen sind 9.000 Menschen weniger als 1 Prozent. Die können angesichts der teilweise chaotischen Umstände bei der Flüchtlingserfassung natürlich "verschwinden". Auch wenn sich tragische Schicksale nicht ausschließen lassen, in der Masse haben die Behörden dafür dafür derzeit keine Belege. Die meisten dürften einfach gegangen sein, ohne sich abzumelden.

- "9.000 Kinder verschwunden" (tatsächlich müsste man von Kindern und Jugendlichen bis 18 Jahren sprechen) ist andererseits für den normalen Journalisten und Rezipienten eine so unfassbare und emotional geladene Aussage, dass das Thema immer wieder Aufmerksamkeit auf sich zieht. Auch wenn die Medien durchaus differenziert berichten, ist die einfache und emotionale Überschrift offensichtlich zu verlockend. Die nächste Exklusivmeldung zur Zahl "verschwundener" Kinder wird daher kommen - garantiert.

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 31.08.2016 | 23:20 Uhr