Stand: 28.03.2015 19:08 Uhr

Germanwings: Die Medienmeute und der Absturz

von Annette Leiterer
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Trauerbekundungen am Flughafen Düsseldorf.

"Was bitte bringt es irgendjemandem, wenn Medien meuteweise Wohnhäuser von Piloten oder Co-Piloten belagern?" Die Frage treibt mich seit Dienstag um, und nicht nur mich, denn jeder, den ich danach frage, antwortet sinngemäß: Nichts! Das einzige, was dabei herausspringt ist ein ZAPP-Beitrag von vor Ort, der wieder einmal bestätigt, die Medienmeute ist schlecht und Reporter üble Typen. Es macht gar nicht so viel Spaß, immer wieder Berichte mit diesem Ergebnis zu produzieren, auch wenn wir es als unsere Aufgabe sehen,  Journalisten auf die Finger zu schauen.

Schlechter Journalismus: Meist werden wir fündig

ZAPP berichtet immer wieder nach Katastrophen, Unglücken, Amokläufen über mediale Übertretungen. Denn Übertretungen finden wir meist: Den ahnungslosen Experten, der sich wichtig macht, aber Müll erzählt - oder irgendwelche Reporter, die Minderjährigen Geld bieten, wenn sie sich vor Kamera stellen und halt was sagen. Ebenso oft dabei ist der fehlende Konjunktiv, wenn etwas angenommen, aber noch nicht bewiesen werden kann.

Nicht zu vergessen die altbekannte Spekulationsblase, die sich immer so lange aufbläht, wie Fakteninformationen fehlen. Wenn der Berichtsdruck hoch ist, das Ereignis aber hoch emotional, müssen Sondersendungen gefüllt und alles in Talkshows besprochen werden, auch wenn man noch nichts Genaues weiß. Es ist immer dasselbe und wurde schon oft beschrieben. Das maue Vertrauen in die Medien bestärkt das nicht. Gibt es da keine Veränderung?

Gibt es auch positive Beispiele?

Wer das Negative sucht, wird das Gute nicht finden. Wir von ZAPP haben ja auch unsere Schemata im Kopf. Also los, wagen wir einen Blickwechsel. Was ist medial gut gelaufen?

Da entschuldigt sich z.B. N24 auf Twitter dafür, dass sie das Wohnhaus der Eltern des Piloten im TV gezeigt haben. Die "AZ" tut es dem Sender gleich. So eine Twitter-Entschuldigung macht das Gezeigte zwar nicht wett, aber immerhin klingt das nach Einsicht. In einer Tageschau berichtet der Reporter vom Marktplatz aus und erwähnt nur, dass eine Kollegin vorm Haus steht und dort die Hausdurchsuchung verfolgt hat. Ein ARD-Reporter vor der Schule in Haltern berichtet, dass die Menschen, mit denen er gesprochen hat, auf ihn zugegangen sind, nicht umgekehrt. (Für alle kritischen Geister: Ja, ich habe ARD geschaut, sicher hatten auch andere Sender positive Beispiele, es handelt sich um eine Zufallsauswahl).

Die Namensnennung ist möglich - aber auch nötig?

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Hat Ermittler und auch Medien auf die Spur des Co-Piloten geführt: Der Voice-Recorder der verunglückten Maschine.

Sogar die "Bild" zügelt sich am ersten Tag der Berichterstattung, was sie allerdings am dritten Tag durch die Zurschaustellung des Co-Piloten und angeblichen Massenmörders im übelsten Sinne wettmacht. Sogar diese Berichterstattung erscheint übrigens gedeckt von den Richtlinien zur Kriminalberichterstattung im Pressecodex, in denen das Zeigen des von Verdächtigen oder Täters sowie die Nennung seines Namens dadurch gerechtfertigt wird, dass eine "außergewöhnlich schwere oder in ihrer Art und Dimension besondere Straftat vorliegt". Das ist wohl hier der Fall. Und der Streit darüber, ob die Namensnennung nun gerechtfertigt ist oder nicht, wird derweil geradezu akademisch geführt. Zurückholen lässt sich diese Nennung dadurch aber nicht.

Denn die Angehörigen der Piloten sind tagelang vor ihrem Wohnhaus medial belagert worden, und das gesamte Umfeld der Piloten wird derzeit intensiv ausgeleuchtet: Der Name, die Straße, das Haus. Wie sicher können sich die Angehörigen dort noch fühlen? Wer kann ihre Sicherheit garantieren? "Bild" zeigt einen Mann mit Augenklappe, der den Co-Piloten wohl mal gesehen hat. Die Mutter einer ehemaligen Schulkameradin erzählt der "FAZ" irgendetwas von Depressionen in der Auszeit während der Ausbildung. Wir von ZAPP treffen einen älteren Herren vor der Segelsportschule des Co-Piloten, der gerade von internationalen Medien belagert wird und meint, er kannte den Co-Piloten gar nicht. Er wird dennoch gelöchert, als sei er sein bester Freund gewesen. Am Ende meint der Mann, er sei doch nur gekommen, um etwas zu reparieren - eine absurde Szene.

Auch wir sind nach Montabaur gefahren

Die Berichterstattung von vor Ort fördert also nur einen bis zur Unkenntlichkeit geschmolzenen Erkenntnisgewinn. Wozu das also? Medienkritische Menschen werden als Begründung den Kampf um Auflage oder Quote sowie den harten Konkurrenzdruck in einer wirtschaftlich geschwächten Branche anführen. Wohlmeinendere könnten das berechtigte Interesse der Öffentlichkeit anführen. Und Nachrichtenredakteure stehen ganz einfach vor folgendem praktischen Problem: Viel Sendezeit in Sondersendungen und nur ein einziges Thema, das alle interessiert. Talk-Sendungsredakteure sehen zu Recht ein Thema mit Gesprächswert, weil die von der französischen Staatsanwaltschaft vertretene und stichhaltig belegte These nach einer Erklärung schreit. Außerdem braucht Fernsehen nun einmal Bilder. Wir bei ZAPP wissen, wovon wir reden. Schließlich sind wir auch nach Montabaur gefahren, wenn auch nur, um Bilder von der Medienmeute zu bekommen.

Neugier oder Zwänge des Mediensystems?

All das sind Zwänge, die zum Mediensystem gehören. Dem System die Schuld zu geben, ist zwar nicht ganz falsch, klingt aber immer so, als gäbe es keine eigene Verantwortung.Denn - ehrlich nach innen gehorcht - gibt es noch einen weiteren Grund: Die eigene Neugier. Man kann es positiv als "verstehen wollen" bezeichnen. Das schreiben viele Volontäre als Motiv ins ihr Bewerbungsschreiben. Das treibt viele Journalisten an, mich auch.

Dieser Punkt wird vorm Wohnhaus der Eltern, durch das Interview mit Nachbarn oder zufällig Vorbeilaufenden aber nicht befriedigt. Die Aufnahme des häuslichen Umfeldes beantwortet nichts. Es einfach bleiben zu lassen, wäre einen Versuch wert. Und wenn jemand Sorge hat, dass es dann ja eh keiner merkt. Bitte Bescheid sagen. Es gibt an dieser Stelle eine Lobeshymne.

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 01.04.2015 | 23:20 Uhr