Stand: 09.03.2017 15:45 Uhr

Flüchtlingsberichterstattung in der Ukraine

von Annette Leiterer
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Annette Leiterer von ZAPP in Kiew. Hier fand eine Konferenz zur Flüchtlingsberichterstattung in der Ukraine statt.

Bei 16,5 Grad unter Null draußen verlässt keiner freiwillig früher als nötig einen beheizten Raum. Ich habe mich pinguinartig zum Veranstaltungsort, dem Sitz der Nachrichtenagentur "Ukrinform" in Kiew, bewegt. Eis und Schnee sind nur auf den viel befahrenen Straßen geräumt, die Bürgersteige glänzen spiegelglatt. Im Saal der Nachrichtenagentur dominiert blau. Rund 80 Menschen sind im Raum, 15 von ihnen an einem U-förmigen Tisch in der Mitte, umringt von Zuhörern und Kameras - darunter Gemma Pörzgen und ich.

Geschätzte 800.000 Binnenflüchtlinge in der Westukraine

Die auf Osteuropathemen spezialisierte Journalistin Gemma Pörzgen kennt den Zustand der ukrainischen Medien gut. Sie hat voriges Jahr einen Lagebericht über Medien in der Ukraine für Reporter ohne Grenzen recherchiert und verfasst, außerdem hat sie jahrelange Erfahrung als Auslandskorrespondentin in Südosteuropa und Israel. Ich bin als Medienjournalistin zum Runden Tisch mit Journalisten, Politikern und Vertretern von Flüchtlingsinitiativen geladen. Wir deutschen Journalistinnen sollen erklären, welche unserer Erfahrungen mit der Flüchtlingsberichterstattung auf die Ukraine übertragbar sein könnten.

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Es sind viele ukrainische Fahnen in Kiew zu sehen.

Seit dem Beginn der kriegerischen Auseinandersetzung in der Ostukraine haben laut dem Flüchtlingshilfswerk UNHCR mehr als zwei Millionen Menschen ihre Heimat verlassen. Die Organisation geht aktuell von 800.000 "Binnenflüchtlingen" aus, also Menschen, die aus der Ostukraine und der Krim in die Westukraine geflohen sind. So ganz genau weiß es niemand, weil sich nicht alle Binnenflüchtlinge bei den Behörden melden.

Wort "Binnenflüchtlinge" problematisch

Über die Flüchtlingsberichterstattung in Deutschland können wir einiges sagen. Aber ein Rezept haben wir nicht dabei, nur den universellen Anspruch, alle Seiten zu hören und zu berichten, dabei weder in Begeisterung zu verfallen noch durch die Berichterstattung oder die Wortwahl Vorurteile zu schüren. Aber schon die Wortwahl erweist sich hier als Problem. Die Binnenflüchtlinge haben in der Ukraine verschiedene Namen. Offiziell heißen sie "Peresilenzy", also Übersiedler. Da es keine Kriegserklärung gibt, bezeichnet die Regierung der Ukraine aber ihren Einsatz als anti-terroristische Operation, nicht als Krieg. Laut der Genfer Konvention gilt als Flüchtling, wer verfolgt wird oder vor Kriegs- und Konfliktsituationen flieht. Nach dieser Definition handelt es sich bei den "Peresilency" in der Ukraine also ganz klar um Flüchtlinge. Aber wer das Wort Flüchtling in der Ukraine gebraucht, erkennt auch an, dass es - entgegen der Regierungslinie-, eine Kriegssituation vorliegt. Jedenfalls kann das so verstanden werden. Die Verwendung des Begriffs "Flüchtling" ist also kompliziert.

"Binnenflüchtlinge" medial meist negativ dargestellt

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Studenten, Medienmacher, Flüchtlingshelfer und andere Interessierte diskutieren über die Flüchtlingsberichterstattung in der Ukraine.

Ohnehin scheint die Regierungslinie in der Berichterstattung eine große Rolle zu spielen. Sonst wäre kaum zu erklären, warum die "Binnenflüchtlinge" kaum Erwähnung finden. Am Runden Tisch schildert eine junge Frau eine OSZE-Studie zur Berichterstattung von TV-Nachrichten und Talkshows von 20 regionalen und sieben zentralen Fernsehsender in der Ukraine. Die Untersuchung war Ende 2016 und ist auch auf englisch abrufbar. Die "Binnenflüchtlinge" finden demnach nur in einem Prozent der Beiträge überhaupt Erwähnung. In regionalen Nachrichtensendungen überwiegen dabei inhaltlich negative Stereotype. Die "Binnenflüchtlinge" werden dargestellt als Gruppe, die große Probleme damit hat, sich zu integrieren. Ihr engagierter Vortrag erntet keinen Widerspruch.

Positive Beispiele in der Berichterstattung fehlen

Eine NGO-Vertreterin, Svitlana Eremenko, bedauert, dass die "Binnenflüchtlinge", wenn überhaupt, vor allem im Zusammenhang mit der gestiegenen Kriminalitätsrate thematisiert werden. Noch während Svitlana Eremenko spricht, hält es eine der Zuhörerinnen nicht mehr auf dem Stuhl. Sie schreit fast. Sie selbst sei "Binnenflüchtling" und will, dass endlich nicht mehr über, sondern mit ihresgleichen gesprochen werde. Ihr Anliegen wird vom Moderator nach hinten verschoben und es folgen sehr engagierte Schilderungen von Flüchtlingshelfern, die sich endlich auch mal positive Berichterstattung wünschen. Wie wäre es zum Beispiel mal mit einer Erfolgsgeschichte eines Flüchtlings, der sich engagiert, auf eigenen Beinen steht, sich integriert. Wozu Integration im eigenen Land, frage ich mich.

Ressentiments durch historische Gründe

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Impressionen aus Kiew.

Noch während ich darüber nachdenke und heftig am Sinn und Effekt einer konzertierten Positiv-Berichterstattung zweifle, meldet sich Jurij Grimtschak, Berater des Ministers für Fragen der zeitweise besetzten Gebiete zu Wort. Er konstatiert: "Gegenüber den Menschen aus dem Donezk-Gebiet gibt es sowieso keine gute Einstellung hier. In den 90er Jahren, wenn da Leute aus dem Donezker Gebiet kamen, dann waren die reich und frech. Und das waren die, die immer Janukowitsch gewählt haben. Diese Einstellung den Menschen gegenüber gibt es eben immer noch und das ist das Problem."

Mehr Unterstützung für Flüchtlinge gefordert

Dazu passt, was mir andere ukrainische Journalisten erzählt haben. Flüchtlinge bekommen Probleme, sobald sie offen legen, woher sie kommen. Einige hätten geschildert, dass sie keine Wohnung bekämen und viele Vermieter gleich auflegen, wenn der Anrufer sagt, dass er aus dem Donbas-Gebiet kommt. Auch die Arbeitssuche sei schnell vorbei, wenn die Herkunft aus diesem Gebiet bekannt würde. Ob es diese Diskriminierung wirklich gibt und welches Ausmaß sie angenommen hat, ist wie immer bei solchen Vorwürfen, schwer überprüfbar. Aber die Vertreter der Flüchtlingsinitiativen haben sie aufgeschrieben, einen Appell formuliert, den sie nun an uns deutsche Journalistinnen übergeben. Sie fordern ein Wahlrecht, das sie nicht ohne Weiteres bekommen, ein Ende der Diskriminierungen und finanzielle Zuwendungen. Im Appell steht, dass ein arbeitsfähiger allein stehender Binnenflüchtling monatlich gerade mal 15 Euro an Unterstützung bekommt. Das ist auch in der Ukraine viel zu wenig, um zu leben.

Patriotismus schuld an einseitiger Berichterstattung?

Warum die Medien darüber nicht schreiben, wird gefragt. Nun, die großen Medien seien größtenteils in der Hand von Oligarchen, die wollten das nicht, lautet eine Erklärung. Aber ist das wirklich der einzige Grund? Liegt es nicht auch an der patriotischen Haltung der Journalisten? Ich muss an einen ZAPP-Film von April 2015 denken. Darin sagte Oleksandr Holubov, damals in der Ukraine-Redaktion der "Deutschen Welle", über den Patriotismus in ukrainischen Medien: "Ich hoffe, dass dieser Zustand nicht lange anhält. Denn langfristig schadet die einseitige, national-gefärbte Berichterstattung der Gesellschaft." Das ist fast zwei Jahre her.

Annette Leiterer war als deutsche Medienexpertin im Februar in Kiew eingeladen im Rahmen eines Projektes der ukrainischen Medienorganisation Detektor und des Netzwerkes für Osteuropaberichterstattung (n-ost), finanziert aus Mitteln des Auswärtigen Amtes in Berlin, genehmigte als Nebentätigkeit.  

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Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 29.04.2015 | 23:20 Uhr