Stand: 13.11.2019 19:04 Uhr

WerteUnion: Spaltung als Medienstrategie?

von Nils Altland & Caroline Schmidt

Hans-Georg Maaßen, ehemaliger Verfassungsschutzpräsident, ist allen mit seiner Behauptung in Erinnerung geblieben, es habe keine Hetzjagden in Chemnitz gegeben. Daraufhin wurde er von der Kanzlerin in den vorzeitigen Ruhestand versetzt. Jetzt ist er wieder da. Und permanent in den Medien.

Allein in der vergangenen Woche gab es fast täglich eine Schlagzeile: "Maaßen warnt vor Rückkehr zu DDR-Verhältnissen", schreibt die Mitteldeutsche Zeitung, "Maaßen will Dialog mit AfD in Thüringen", heißt es in der Welt. Und die Augsburger Allgemeine hat beobachtet: "Maaßen wird in Augsburg bejubelt und spaltet die CSU".

Hans-Georg Maaßen blickt zur Seite und hält sich eine Hand ans Kinn. Im Hintergrund ist ein Kameramann zu sehen. © dpa picture alliance Foto: Bernd von Jutrczenka

WerteUnion: Spaltung als Medienstrategie?

ZAPP -

Nichts sei für Journalisten attraktiver als ein Konflikt, meint Hans-Georg Maaßen. Und tatsächlich bekommt die WerteUnion viele Schlagzeilen und damit Aufmerksamkeit.

2,96 bei 24 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Scheinriese WerteUnion

Maaßen ist die Galionsfigur der WerteUnion. Eine Splittergruppe der Union, die nach eigenen Angaben 3.600 Mitglieder zählt. Zum Vergleich: Die CDU hat rund 415.000 Mitglieder. Ein kleiner Verein also, der aber Großes will: "Eine Wende für Deutschland". So steht es auf seiner Internetseite. Dafür soll als erstes die Union anders werden: Merkel soll weg, mit ihr die aktuelle Flüchtlingspolitik und das Verbot, mit der AfD zu reden. Bei der WerteUnion handelt es sich also um Rebellen innerhalb der Union - und das macht sie für viele Journalisten hochspannend.

Bild vergrößern
Ihn ärgert die mediale Präsenz des "Scheinriesen" WereUnion: Ex-CDU-Generalsekretär Ruprecht Polenz.

Sehr zum Verdruss von Ruprecht Polenz, Angela Merkels Ex-Generalsekretär, der nun gegenüber ZAPP aus dem Ruhestand in Münster seinem Ärger über die Medien Luft macht. Das sei doch nur der Streit mit den eigenen Leuten, der hier interessiere. "Wenn die Opposition fordert, Merkel muss weg, dann ist das in einer Demokratie normal. Wenn aus der eigenen Partei ein solcher Ruf erschallt, dann ist das natürlich für die Medien etwas Besonderes."

Polenz' Kritik: Die Medien machten die WerteUnion relevanter als sie tatsächlich sei. Bestes Beispiel sei der Chef der WerteUnion, Alexander Mitsch: "Ein Mann", wie Polenz sagt, "der nicht mal in seinem Kreisverband in den Vorstand gewählt worden ist". Aber der könne nun regelmäßig im Deutschlandfunk seine Meinung zum Besten geben. "Der Kreisvorsitzende irgendeines CDU-Kreisverbandes kann das wahrscheinlich nicht ohne Weiteres."

Viele Medienvertreter auf kleiner Veranstaltung

ZAPP ist zu einer Veranstaltung der WerteUnion in Sachsen-Anhalt gefahren, anlässlich des 30. Jahrestags des Mauerfalls. Hier wird nachher Maaßen sprechen, der zurzeit durch ganz Deutschland tourt, um Werbung für die WerteUnion und Stimmung gegen die Merkel-CDU zu machen. Und tatsächlich: Für so eine kleine Veranstaltung sind viele Medienvertreter gekommen. Das fällt auch den Journalisten vor Ort auf. Die WerteUnion sei im Moment halt "Thema bundesweit", erklärt man uns. Während "die CDU-Bundesebene sagt, wir trinken nicht mal Kaffee mit der AfD auf keiner Ebene", sehe man hier, "wie Leute mit AfD-Steckern reinlaufen". Diese "Splittergruppe" sei interessant für Journalisten, weil sie halt "sehr provoziert".

Provokationen laufen tatsächlich gut in den Medien, dessen ist sich Maaßen selbst durchaus bewusst: In seiner Wahrnehmung sei für Journalisten "nichts attraktiver, nichts mehr sexy, als ein Widerspruch, als ein Konflikt, einen mutmaßlichen Konflikt herauszuarbeiten". Und so gibt er den Journalisten auch am heutigen Abend, wonach sie seiner Ansicht nach gieren: einen kalkulierte Provokation. Indem er etwa infrage stellt, "ob wir nicht gänzlich auf diesen öffentlich-rechtlichen Rundfunk verzichten können."

Auch Politikmagazine berichten

Eine der ersten Redaktionen, die über die WerteUnion groß berichtet hat, war das ARD-Politikmagazin Kontraste. Allerdings erst nach großen inneren Widerständen. "Wir saßen in der Redaktion", berichtet Autor Chris Humbs, "und haben gesagt: Warum wollen wir ein Stück über die WerteUnion machen? Die ist doch total irrelevant."

Doch dann hätten sie sich die Statements der CDU selbst zur WerteUnion angesehen. Und da hätten sich die Dinge plötzlich in anderem Licht dargestellt. Die Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer selbst hätte kurz zuvor in einer Pressekonferenz gesagt, das Auftreten der WerteUnion schädige die CDU. "Wären die irrelevant", so Humbs, "würde die Parteivorsitzende kein Wort über diese Organisation verlieren". Also machte sich Kontraste an die Arbeit. Und fand heraus, wie groß die Nähe zwischen WerteUnion und AfD sei.

Maaßen provoziert bewusst

Bild vergrößern
Kleine Veranstaltung, große Wirkung: Hans-Georg Maaßen.

Diese Nähe ist gefährlich für eine Partei wie die CDU, die doch in der Mitte der Gesellschaft stehen will. Und Maaßen befeuert diesen Eindruck immer weiter mit öffentlichen Kommentaren wie: "Ich bin nicht in die CDU eingetreten, damit 1,8 Millionen Araber nach Deutschland kommen. Auch Tweets wie nach der Thüringen-Wahl, in denen er fordert, dass die CDU den Ministerpräsidenten stellen solle, gehören zum Kalkül. Das konnte man so verstehen, dass Maaßen eine Koalition mit der AfD wolle - was er dann umgehend im Deutschlandfunk dementierte.

Auch dieses Hin und Her ist gut bekannt. "Zwei Schritte vor, einen halben zurück", so agiere auch die AfD, kommentiert Polenz. Und wie bei der AfD scheint das viele Menschen zu begeistern. Datenanalysten des NDR haben sich die Resonanz der WerteUnion auf Twitter angeschaut. Im Vergleich zur Bundes-CDU, in den vergangenen vier Monaten. Deutlich wird: Die Bundes-CDU twittert - gemäß ihrer Größe - wesentlich mehr. Schaut man sich aber die durchschnittliche Anzahl der Retweets an, also wie viele Nutzer Nachrichten von der WerteUnion weiterleiten, ergibt sich genau das umgekehrte Bild. Nachrichten von der WerteUnion werden im Schnitt häufiger retweetet als die von der Bundes-CDU. Und das obwohl die WerteUnion deutlich weniger Follower hat als die CDU.

Die WerteUnion - eine kleine radikale Minderheit innerhalb derUnion, die etwas ändern will und deshalb mit dem Feuer spielt. Und alle anderen drumherum fragen sich: Wird sich die Union nun nach rechts öffnen oder nicht? Das ist in der Tat eine spannende Frage - und wichtig für Deutschland. Solange sie nicht eindeutig beantwortet ist, wird dieses Spiel weitergehen. Auf allen Kanälen.