Stand: 17.09.2019 14:00 Uhr

In Bedrängnis: Wenn Journalisten Grenzen überschreiten (müssen)

von Gudrun Kirfel

Wie schwer es für Journalisten manchmal ist, Distanz zu ihren Protagonisten zu halten, beweist die aktuelle Produktion "Leonora - Wie ein Vater seine Tochter an den IS verlor". Vier Jahre begleitet der Journalist Volkmar Kabisch mit Kollegen einen Vater, dessen 15-Jährige Tochter aus heiterem Himmel ihre Familie verlässt und sich freiwillig in Syrien dem Terrorregime des IS anschließt. Ihr Vater kämpft bis heute um ihre Rückkehr und bittet nach einiger Zeit den Journalisten Kabisch um Mithilfe.

Eine mit einer Burka verschleierte Frau trägt ein Kind auf dem Arm. © ARD

Wenn Journalisten Grenzen überschreiten

ZAPP -

Der Journalist Volkmar Kabisch hat zahlreiche Dokumentationen über den IS produziert. Soll er einem Vater helfen, der seine Tochter an den IS verloren hat?

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Auch der Beobachter ist ein Mensch

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Im Zwiespalt: Volkmar Kabisch.

Volkmar Kabisch hat zahlreiche Dokumentationen über den IS, in Syrien und im Irak produziert. Er hat Kontakte zu Fluchthelfern, die Menschen aus dem Kriegsgebiet herausbringen können. Soll er jetzt eingreifen, helfen, oder journalistische Distanz wahren, sich aus der Geschichte raushalten? Zapp gegenüber erklärt er im Interview: "Leonora will da unbedingt weg. Wir kennen Leute, die sowas im Zweifel ermöglichen können. Haben wir da nicht Blut an den Händen, wenn sie in einer Woche bei einem Luftangriff getötet wird? Würden wir uns nicht schuldig machen, wenn wir diese Möglichkeit nicht genutzt hätten?"

In solchen Situation habe man als Journalist immer zwei Herzen in seiner Brust, so Kabisch. Zum einen sei man nur Beobachter, dürfe auf keinen Fall in eine Geschichte eingreifen. "Zum anderen ist man auch Mensch und da ist ein 15-jähriges junges Mädchen, die dort weg will und einen Fehler einsieht", erzählt Kabisch. "Das ist eine Gewissensentscheidung am Ende."

Zwischen Professionalität und Menschlichkeit.

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Transparenz statt vermeintlicher Objektivität: Nino Seidel.

Für den Filmemacher Nino Seidel, der wiederholt Flüchtlinge mit der Kamera begleitet hat, ist der einzige Ausweg aus diesem Spagat zwischen Professionalität und Menschlichkeit, die Transparenz. "Objektivität ist ein wichtiges Gut, aber Transparenz finde ich noch wichtiger. Gerade in Zeiten, wo Leute Lügenpresse schreien und uns unsere Seriosität absprechen wollen, finde ich gar nicht immer die Antwort, noch objektiver zu werden, sondern wir müssen transparenter werden."

Journalisten sollten erklären, wie sie in eine Situation geraten sind, was ihr Dilemma ist und wie sie nach einer Lösung suchen, das schafft am Ende mehr Glaubwürdigkeit als eine vermeintliche Schein-Objektivität.

Weitere Informationen
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Leonora - Wie ein Vater seine Tochter an den IS verlor

Das Mädchen Leonora geht im Alter von 15 Jahren nach Syrien, um sich dem "Islamischen Staat" anzuschließen. Der 60-minütige Film schildert, wie ihr Vater Maik versucht, sie zurückzuholen. extern

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NDR Info

Leonora - Mit 15 zum IS

NDR Info

Die 15 Jahre alte Leonora schließt sich 2015 dem "Islamischen Staat" an. In Syrien lebt sie als Drittfrau eines Dschihadisten. Ihr Vater kämpft um ihre Rückkehr. Über Handy halten sie Kontakt. mehr

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 18.09.2019 | 23:20 Uhr