Stand: 29.01.2020 19:31 Uhr

Was wird aus der Hamburger "Mopo"?

von Jon Mendrala
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Journalistin Nina Gessner von der "Hamburger Morgenpost" kämpft für den Erhalt des Traditionsblattes.

Nina Gessner zieht ihre gelbe Pudelmütze fest ins Gesicht. Die milden Temperaturen an diesem Januarmorgen trügen. Auch bei der "Hamburger Morgenpost" ist es kalt geworden. Die Redakteurin arbeitet seit 18 Jahren bei der "Mopo", wie sie jeder in und um Hamburg seit mehr als 70 Jahren liebevoll nennt. Letztes Jahr wurde noch im Hamburger Rathaus bei einem Senatsempfang der runde Geburtstag gefeiert. Jetzt könnte das Ende des Boulevardblatts gekommen sein. Gegen das wird sie heute mit den Kollegen demonstrieren.

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Hamburger "Mopo" vor dem Aus?

29.01.2020 23:20 Uhr

2019 wurde von der Politik und der Medienszene noch der 70. Geburtstag der "Mopo" im Hamburger Rathaus gefeiert - jetzt droht das Aus. Die Belegschaft kämpft um die Arbeitsplätze. Video (05:59 min)

Aus fürs Printprodukt, aber Zukunft für Mopo.de?

"Wir haben uns hier mehr als ein Jahr lang die digitale Transformation mitgetragen. Immer mit der Hoffnung, dass wir auf diese Art die Arbeitsplätze erhalten können. Und jetzt kommt raus: Wir sollen verkauft werden - ohne Redaktion. Das war alles eine Lüge", empört sich Journalistin Gessner. Die "Mopo" gehört seit 2009 zur Kölner Mediengruppe DuMont. Nun hat die Funke-Mediengruppe aus Essen, zu der ausgerechnet der Konkurrent "Hamburger Abendblatt" gehört, offiziell Interesse bekundet - allerdings nur an der Online-Plattform "mopo.de". Aus Essen heißt es, man wolle einen Teil zur Rettung beitragen, man könne kartellrechtlich aber nicht das Printprodukt "Morgenpost" übernehmen.

"Online first"-Strategie bei der "Mopo"

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Die Printauflage sinkt zwar, doch die Nutzungszahlen des Digitalangebots der "Mopo" steigen.

An diesem Tag wollen die "Mopo"-Redakteure, -Grafiker und -Fotografen zeigen: So nicht. Doch Betriebsrätin Nina Gessner und ihren Kollegen läuft die Zeit davon. Bereits in dieser Woche entscheidet sich wohl die Zukunft des ältesten Boulevardblatts Deutschlands. Fast die gesamte "Mopo"-Redaktion ist zum Verlagshaus der Konkurrenz des "Hamburger Abendblatts" ausgerückt. Deren Digitalmarke läuft nach bekunden von Branchenkennern nicht so richtig gut - "Mopo.de" hingegen rechnet im Januar mit einem "neuen Reichweitenrekord": 25 Millionen Visits. Respektabel für eine kleine Lokalzeitung.

Die Unternehmensstrategie habe sich bereits komplett verkehrt, erläutert Redakteurin Nina Gessner: "Früher haben wir abends auch fertige Printgeschichten online gestellt. Heute läuft es andersrum: Die Geschichte muss für 'online first' produziert werden. Und wird dann auch gedruckt. Durch die anderen Produktionsbedingungen nehmen die Reporter und Fotografen deutlich weniger Termine wahr als früher."

Kreative Aktionen zum Erhalt der Printausgabe

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Stefan Endter vom DJV zeigt sich kämpferisch: "Wir werden für die Kolleginnen und Kollegen kämpfen."

Funke liebäugelt womöglich damit, eine wachsende Leserschaft in ganz Norddeutschland dazuzugewinnen. Auch jenseits der Hamburger Stadtgrenzen. In Nordrhein-Westfalen gelingt dies mit dem Großprojekt "derwesten.de" allerdings nur leidlich. Die aktuellen Entwicklungen sorgen auch beim Deutschen Journalisten Verband (DJV) in Hamburg für große Sorgen. Mehr als 70 Jobs stehen auf der Kippe, dazu eine weitere Schwächung des einst stolzen und großen Medienstandortes Hamburg. Stefan Endter vom DJV fordert daher: "Die 'Morgenpost' gehört zu Hamburg. Sie muss daher als eigenständige publizistische Einheit erhalten bleiben."

Auf die Zukunft der gedruckten "Mopo" angesprochen, heißt es von der DuMont Mediengruppe aus Köln auf ZAPP-Anfrage schriftlich: "Uns ist bewusst, dass die aktuelle Situation für die Mitarbeiter sehr schwer ist und sie schnellstmöglich Klarheit brauchen. Der Entscheidungsprozess ist jedoch sehr anspruchsvoll. Wir arbeiten intensiv daran, diesen abzuschließen, und werden die Mitarbeiter dann entsprechend informieren." Für die Belegschaft eine Hängepartie. Und nicht länger hinnehmbar: Die "Mopo" ist auch für viele Hamburger eine emotionale Beziehung. Der Betriebsrat sorgt seit Wochen mit kreativen Aktionen in der U-Bahn oder auf Twitter für Aufmerksamkeit.

"Rettet die Mopo" ist eine Kampagne, die wirkt: ob Pressestellen, Prominente oder Senatskanzlei, viele in der Stadt sprechen sich für den Erhalt des Blatts aus. Ein hehres Ziel, denn die Auflage der "Mopo" sinkt kontinuierlich: Zuletzt lag sie bei unter 50.000 Exemplaren. Doch jenseits plakativer Sympathiebekundungen kann sich Hamburgs Landesregierung kaum positionieren. Carsten Brosda ist Sozialdemokrat und Hamburgs Senator für Kultur und Medien. ZAPP erklärt er: "Natürlich ist ein Erhalt der gedruckten 'Morgenpost' wünschenswert für die Medienvielfalt in unsere Stadt. Aber auch die Leser müssen ihren Teil des Deals erfüllen und die Zeitung kaufen."

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Mitarbeiter der "Mopo" protestieren mit Plakaten gegen das drohende Aus.

Doch wie sähe Hamburgs Presselandschaft aus, wenn die "Mopo" verschwände? "Die Welt" hat zum Jahresende bereits die Lokalausgabe eingestellt, die "Bild"-Hamburg muss ebenfalls sparen. Bleiben am Ende nur der Lokalteil der "taz" und das "Hamburger Abendblatt"? "Mopo"-Betriebsrätin Nina Gessler und ihre Kollegen aus der Redaktion sehen das anders. Gemeinsam halten sie ihre Plakate hoch. Solange es noch Hoffnung gibt, rufen sie alle gemeinsam im Chor: "Rettet die Mopo!"

Update, 5. Februar

Der Verlag Neven DuMont hat einen Käufer für die "Hamburger Morgenpost" gefunden. Der Digitalmanager Arist von Harpe übernimmt Print, Online und weitere Geschäftsfelder. Über den Kaufpreis wurde stillschweigen vereinbart. "Ich glaube fest an das Potenzial der Marke und möchte den Fokus auf echten Lokaljournalismus weiter schärfen und damit die Hamburger noch mehr begeistern", so von Harpe in einem Statement der Zeitung.

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Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 29.01.2020 | 23:20 Uhr