Stand: 11.12.2019 20:00 Uhr

Spendengalas im TV: Mit Schmerz, Schmalz und Scheckbuch

von Gudrun Kirfel

Es ist Vorweihnachtszeit: Im Fernsehen laufen Benefiz-Galas am laufenden Band. Der "RTL-Spendenmarathon" ist davon die längste Charity-Sendung im deutschen Fernsehen. 24 Stunden wird durchgesendet. Über zehn Millionen Euro spülte die Sendung Ende November in die Kassen der RTL-Organisation "Wir helfen Kindern". Am meisten Geld zusammengetragen hat die Spendengala "Ein Herz für Kinder": Über 18 Millionen Euro. Die Show wurde von der Axel Springer SE produziert und im ZDF ausgestrahlt.

TV-Spendengalas: Schmerz, Schmalz und Schecks

ZAPP -

Das Fernsehen ist noch immer der beste Spendengenerator zur Weihnachtszeit. Und die Sender überbieten sich gegenseitig mit glanzvollen Galas der Nächstenliebe.

3,67 bei 9 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Das Fernsehen ist der beste Spendengenerator überhaupt, sagt Christoph Müllerleile, Fundraising-Experte und Journalist, im Interview mit ZAPP: "Das Fernsehen hat eine hohe Glaubwürdigkeit. Wenn Sie mal zwischen den einzelnen Medien unterscheiden, welche Medien am glaubwürdigsten sind, ist das Fernsehen immer noch ganz oben dran." Ehrenamtliche Helfer mögen noch so lange in der Fußgängerzone stehen und mit ihren Blechdosen schütteln, gegen die Spendengroßmeister im Fernsehen kommen sie kaum an.

Image-Verbesserung für alle

Die Sendungen folgen meistens einer einheitlichen Dramaturgie: Hilfsbedürftige erzählen eindringlich von ihrem Schicksal. In Einspielfilmen besuchen Prominente die Leidenden. Die Filme sind mit eindringlicher Musik unterlegt. Große, traurige Kinderaugen lassen selbst den härtesten Zuschauer nicht unberührt. Unten rollen die Namen der Spender durchs Bild. Neben großen Firmenspenden stehen immer wieder kleine und kleinste Summen, häufig von Kindern.

Sie suggerieren, dass man auch mit dem kleinsten Beitrag Gutes tun kann - eine Image-Aufwertung für alle Beteiligten: "Das ist gut für das Image der Sender, wenn es real zugeht. Wenn also die Projekte, die vorgestellt werden, den Leuten nahe gehen und wenn nachgewiesen wird, dass die Mittel zu Hundert Prozent den Zwecken zu Gute kommt wie es gedacht ist", erklärt Müllerleile.

Bild vergrößern
Fernsehen hat noch immer eine hohe Glaubwürdigkeit, so Christoph Müllerleile.

Auch die Dritten machen mit

Auch die Dritten Programme vom BR bis zum NDR betreiben Spendensammlungen. Diese seien aber eigene Charity-Aktionen, betont Burkhard Wilke, die die Sender selbst veranstalteten und für die sie die Empfänger der Hilfen selbst aussuchten. Der NDR zum Beispiel sammelt dieses Jahr in seiner Aktion "Hand in Hand für Norddeutschland" für Menschen mit Krebserkrankungen und ihre Angehörigen. Der NDR übernimmt dabei die Produktionskosten der Abschlussshow am 13. Dezember und aller Beiträge in den laufenden Programmen komplett selbst.

Dabei verschlingen die Shows in der Regel hohe Produktionskosten. Wer diese trägt, wollte Zapp wissen und hat bei fünf Sendern nachgefragt, die gerade große Shows ausgerichtet haben: bei RTL, dem ZDF, dem NDR, dem SWR und dem MDR. RTL, NDR und SWR antworteten, dass sie für 100 % der Produktionskosten aufkämen, nichts sei von den Spendengeldern abgezogen worden, um die Shows technisch möglich zu machen. Der MDR antwortet, dass die Produktion der vom Sender übertragenen Gala von der José-Carreras-Leukämie-Stiftung übernommen werde. Der MDR erwirbt von der Stiftung eine Lizenz für die Übertragung, über die Kosten dieser Lizenz macht er allerdings keine Angaben.

Die im ZDF ausgestrahlte Sendung "Ein Herz für Kinder" wird von einer Produktionsfirma im Auftrag der Axel Springer SE hergestellt. Die mit der Produktion verbundenen Kosten übernehme Springer komplett, sagt Unternehmenssprecher Christian Senft. Das ZDF erwirbt lediglich eine Lizenz zur Ausstrahlung der Show. Was diese Lizenz kostet, verrieten beide Seiten ebenso wenig.

Fernsehgalas haben wichtige Funktion

Die andere ZDF-Spendenshow "Die schönsten Weihnachts-Hits" wurde am 4. Dezember 2019 zugunsten von Misereor und Brot für die Welt ausgestrahlt und von Carmen Nebel moderiert. Beide Organisationen wurden an den Produktionskosten beteiligt. In welcher Höhe verriet das ZDF nicht. Unklar blieb bei unseren Anfragen, ob alles Spendengeld wirklich an dem Abend zusammenkommt, an dem die Shows ausgestrahlt werden, oder ob schon im Vorfeld Großspender Zusagen gegeben haben, die lediglich am Sendungstag verbucht werden.

Bild vergrößern
Wenn Prominente mit telefonieren, ist der Spendenerfolg häufig noch größer.

Dessen ungeachtet betonen alle Fundraising-Experten, dass die TV-Spendenshows eine wichtige Funktion haben. Burkhard Wilke, Geschäftsführer des Deutschen Instituts für soziale Fragen, das das DZI-Spendensiegel vergibt und die Seriosität der Organisationen überwacht, betont gegenüber Zapp den Erfolg der Fernsehsendungen. Sie generierten nicht nur beachtliche Spenden, "sie bringen das Thema immer wieder in die Bevölkerung und besetzen es emotional“. So werde die Empathie für das Spenden und die Empfänger hochgehalten.

Weitere Informationen

NDR Benefizaktion "Hand in Hand für Norddeutschland"

"Hand in Hand für Norddeutschland" - unter diesem Motto wird einmal im Jahr eine Benefizaktion von allen Landesfunkhäusern, den Hörfunkprogrammen, dem Fernsehen sowie NDR.de realisiert. mehr

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 11.12.2019 | 23:20 Uhr