Stand: 11.09.2019 17:50 Uhr

Stockfotos: Und plötzlich wirbt man für die AfD

von Kian Badrnejad

Kennen Sie den Mann hier? Vielleicht ist er ihnen beim surfen im Netz mal begegnet. Er ist Badminton-Profi und macht online Werbung für Federballschläger. Außerdem ist er der Dating-Trainer Thomas Müller. Vielleicht haben Sie aber auch gesehen, dass er selbst bei einer Partnervermittlung auf der Suche ist. Eventuell sind sie aber auch misstrauisch, weil sein Bild einen Artikel illustriert, in dem es darum geht, wie man pädophile Straftäter erkennt. Sie ahnen es schon: Der Mann ist nichts von all dem. Er heißt Gunnar Krupp und ist Reporter beim NDR-Format strg_f. Und das Bild? Es ist einfach nur ein Foto, zu dem sich jede Internetseite eine eigene Geschichte ausgedacht hat.

Gunnar Krupp wird von Olga Sheshukova fotografiert. © Olga Sheshukova Foto: Olga Sheshukova

Stockfotos: Und plötzlich wirbt man für die AfD

ZAPP -

Woher stammen die ganzen Bilder, in der Werbung, auf Wahlplakaten? Meist von sogenannten Stockfoto-Plattformen, die sie vertreiben. Doch nicht alle Käufer halten sich an die Regeln.

3,34 bei 56 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Wo kommen die ganzen Bilder her?

Am Anfang stand die Frage, wo eigentlich all die schönen, bunten Bilder herkommen, die uns jeden Tag im Internet begegnen, all die lachenden Menschen, schicken Autos und strahlenden Sonnenaufgänge. Verbreitet werden sie meistens von sogenannten Stockfoto-Plattformen, Internetseiten, die vom knackigen Apfel bis zum abhebenden Flugzeug nahezu alles als Motiv anbieten - als Foto oder Video. Manche kosten Geld, andere bieten die Bilder umsonst an. Shutterstock, Photocase oder Pixabay heißen solche Plattformen etwa, ohne die das Internet anders aussähe, mehr Schrift, weniger bunt.

Wo Fotos überall landen

Da sieht man etwa dann einen Apfel über einer Saftwerbung. Oder ein Model im Arztkittel über einem Artikel zu Therapien gegen Krebs. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass es sich um Apfelsaft handelt oder das Model Arzt ist. Denn nicht alle Seiten halten sich an die Regeln oder täuschen sogar die Nutzer.

Eine Familie fährt Fahrrad. (NPD Wahlwerbung) © NDR Eine Familie fährt Fahrrad. (FDP-Wahlwerbung) © NDR

NPD und FDP werben beide mit dem Foto einer Familie aus Slowenien.

Bei der Bundestagswahl 2013 etwa gab es Wahlwerbung von der FDP mit einer glücklich radelnden Familie. FDP-Wähler, so der Eindruck. Dann tauchte dieselbe Familie in einem Video der rechtsextremen NPD auf, präsentiert als glückliche deutsche Familie. Doch die abgebildete Familie kommt aus Slowenien und kann in Deutschland weder die NPD noch die FDP wählen. Völlig absurd wird es, wenn man sie dann noch in einem Werbespot für finnischen Quark wiedersieht.

Missachtung von Persönlichkeitsrechten

Bild vergrößern
Das Foto eines Dreijährigen landete auf einem Plakat der AfD - garniert mit einem Vollbart. Die Familie klagt jetzt dagegen.

Einer Familie aus Bayern wurde besonders übel mitgespielt. Dem dreijährigen Sohn wurde auf dem Bild ein Vollbart anmontiert. Das Motiv hat die AfD dann bei einer Facebook-Kampagne zu den Wahlen in Hessen und Bayern und zur Europawahl benutzt. Auf Anfrage teilen die Landesverbände und der Bundesverband der AfD mit, sie hätten nichts mit der Fotomontage zu tun. Zu dem Fall sagt Dittmar Frohmann, ein Pionier der Branche und heute Geschäftsführer von Photocase: "Das ist ein wirklich klassisches Beispiel, für was man alles nicht machen darf, weil hier eben die Persönlichkeitsrechte eines Kindes auch noch mit Füßen getreten werden."

Der Selbstversuch

Bild vergrößern
Es sei schwierig, bei jedem Bild zu gucken, wo es hingeht, so Dittmar Frohmann, Geschäftsführer Photocase. "Dann gibt man eigentlich komplett die Kontrolle auf."

Gunnar Krupp trifft bei seiner Recherche auf Olga Sheshukova, eine Fotografin, die solche Bilder macht. Er lässt sich selbst von ihr fotografieren, um dann zu prüfen, wer alles sein Bild benutzt - und vor allem wofür. Neun Monate später zeigt eine Google-Suche Gunnar in den unterschiedlichsten Rollen. Oft haben sich die Seitenanbieter eine richtige Lügengeschichte zu dem Bild ausgedacht. Auch das ist eigentlich nicht erlaubt - man dürfe den Models nichts in den Mund legen, was sie nicht auch vertreten, erklärt Dittmar Frohmann von Photocase.

Der Kontrollverlust

Die Familie, deren Sohn auf dem AfD-Plakat gelandet ist, klagt jetzt dagegen. Doch einfangen lässt sich so ein Bild in der Regel nicht mehr. Das zeigen auch die Zahlen. Gunnar Krupps Bild wurde viele Tausend mal heruntergeladen. Wo im Netz es wieder auftauchen wird und vor allem in welchem Zusammenhang - das ist völlig offen. Über dieses Bild hat er die Kontrolle abgegeben. Für ihn als Person, die ohnehin im Licht der Öffentlichkeit steht, ist das nicht allzu bedrohlich. Aber die meisten Menschen sollten sich gut überlegen, welche Bilder sie online stellen. Denn raus aus dem Netz bekommt man sie nicht mehr.

Weitere Informationen

Twitter-Gewitter: Wie ein Netzwerk den Diskurs beeinflusst

Datenexperten haben zwei Millionen Social Media-Accounts ausgewertet - 47 Prozent der ausgewerteten Posts haben einen klaren AfD-Bezug. Warum sind die Rechten im Netz so dominant? mehr

Woher stammen die Facebook-Bilder der AfD?

Auf Facebook ist die AfD enorm erfolgreich: Ihre Bild-Botschaften werden Tausende Mal geteilt. Manche Fotografen aber sind entsetzt, wie die Partei ihre Bilder verwendet. mehr

Ausgegraben: Der Ursprung des Steinbach-Bildes

Das Bild eines blonden Kindes, bestaunt von dunkelhäutigen Menschen: Erika Steinbach verbreitete es im Netz als vermeintliche Schreckensvision. ZAPP hat die Quelle recherchiert - und Steinbach wundert sich. mehr

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 11.09.2019 | 23:20 Uhr