Stand: 07.09.2017 10:00 Uhr

Wie Rechtspopulisten im Netz Stimmung machen

von Carla Reveland

"Merkels Facharbeiter haben Dschihad gegen Deutschland begonnen" oder "Für Familien mit Kindern ist kein Geld da. Für uns Alte schon gar nicht. Aber zusätzliche Millionen für Asylanten. Danke, ihr korrupten Politiker". Aussagen wie diese werden vielfach in sozialen Netzwerken verbreitet und finden immer wieder ihren Weg bis in die Mitte der Gesellschaft. Rechtspopulisten und Verschwörungstheoretiker nutzen das Internet gezielt, um ihre Überzeugungen mit Hilfe von anschlussfähigen Geschichten salonfähig zu machen.

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Die Datengrundlage ergibt sich aus 1.063 Beiträgen und 2.908 Erzählungen, die hinsichtlich ihrer Narrative analysiert wurden.
Beliebteste Geschichte: Überfremdung Deutschlands

Schreckensszenarien, in denen Deutschland einer massiven Bedrohung durch Asylsuchende und Migranten ausgesetzt sei, sind laut der heute veröffentlichten Studie "Toxische Narrative" der Amadeu-Antonio-Stiftung, besonders erfolgreich. Derzeit beschäftigen sich Medien und Öffentlichkeit im Hinblick auf das Netz und soziale Netzwerke vor allem mit Phänomenen wie "Fake News", Social Bots und dem Umgang mit Hate Speech. "Dies ermöglicht jedoch nicht die Muster hinter diesen Phänomenen zu verstehen oder ihnen wirkungsvoll zu begegnen", erläutert Miro Dittrich, Datenanalyst der Amadeu-Antonio-Stiftung, die Notwendigkeit der Studie gegenüber ZAPP.

Geschichten radikalisieren

Doch genau diese inhaltliche Auseinandersetzung sei wichtig, da solche Erzählungen zu einer Radikalisierung führen könnten. Anschauliche Geschichten emotionalisierten und verstärkten Meinungen, die sich zu geschlossenen rechtsradikalen und rechtsextremen Weltbildern verdichten könnten. So fürchten Rechtspopulisten beispielsweise den Verfall der deutschen Kultur, wenn sie davon erzählen, dass Weihnachtsmärkte in Wintermärkte umbenannt werden - obwohl diese Geschichte vielfach wiederlegt ist.

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Der Untergang Deutschlands stehe kurz bevor, wenn nicht anders gehandelt werde, versuchen Rechtspopulisten zu suggerien.

Die Stiftungsvorsitzende Anetta Kahane geht noch einen Schritt weiter: "Erzählungen schaffen Handlungszwänge und legitimieren Taten. Wenn es gelingt, Geflüchtete pauschal als kriminell oder als Bedrohung zu stigmatisieren, fällt es auch leichter, Rückhalt für drastische Maßnahmen zur Abwehr zu finden", so Kahane.

Klare Feindbilder

Das Märchen vom "Volksverräter" findet sich mit 30 Prozent am häufigsten in den untersuchten Beiträgen wieder. Insbesondere die Alternative für Deutschland und die "Identitäre Bewegung" nutzten den Begriff, um ihre massive Kritik an der etablierten Politik zu äußern. So betonen AfD und Identitäre immer wieder, dass die Flüchtlingspolitik Angela Merkels gegen das Interesse der Deutschen gerichtet sei und aktiv zu einer Bedrohungslage führe. Die angebliche "Islamisierung des Abendlandes" sei ein Verrat an der deutschen Bevölkerung. Auch die "Lügenpresse" stellt ein beliebtes Feindbild dar.

Videos
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Lamby: "AfD braucht Journalisten als Feindbild"

12.04.2017 23:20 Uhr

Doku-Filmer Stephan Lamby konnte die AfD-Vorsitzende Frauke Petry lange begleiten. Für ihn war sie sehr zugänglich. Andere schließt sie aus. Die Partei insgesamt nutzt Journalisten als Feindbild. Video (09:30 min)

Geschichten darüber, dass die etablierten Medien nicht wahrheitsgemäß berichten, von "oben" gesteuert seien und die Bevölkerung manipulieren, funktionieren im Netz nach wie vor äußerst gut. Ereignisse wie die Wahl Trumps zum US-Präsidenten haben den Glauben an Verschwörungstheorien über die "Systempresse" verstärkt. Laut Studie ist die Beliebtheitsskala derartiger Erzählungen im November 2016, dem Monat der US-Wahl, am höchsten. Insgesamt widmen sich 12 Prozent der Beiträge dem Thema.

Propagandaplattform Internet

Immer wieder werden konkrete Ereignisse überzogen dargestellt und in einen neuen Kontext gesetzt. So schaffen es Unterstellungen in gesamtgesellschaftliche Debatten: "Das Internet ist die größte Propagandaplattform für Rechtsextremismus und Rechtspopulismus. Die AfD hat beispielsweise doppelt so viele Fans auf Facebook wie die CDU und SPD zusammen und weiß es für ihre Zwecke zu nutzen", sagt Dittrich.

Die Ergebnisse zeigen tatsächlich, dass die Themenschwerpunkte der AfD sehr dicht am Gesamtdurchschnitt der rechtspopulistischen Erzählungen liegen. Zuwanderung und Asyl werden als die größten Gefahren gesehen. Dem Anschein nach gelingt es der AfD, Themen aufzugreifen, die im Netz gut ankommen und die Partei-Interessen stärken. Auch die etablierten Parteien geraten dadurch unter Zugzwang.

Ergebnisse zum Teil schwer überprüfbar

Aus der Studie geht allerdings nicht eindeutig hervor, wie die einzelnen Beiträge den Themenfeldern zugeteilt wurden. Dies macht die Ergebnisse teilweise schwer nachvollziehbar. Es wird darauf verwiesen, dass einige Beiträge mehrere Erzählungen beinhalten, doch wurden hierfür keine konkreten Kriterien genannt. Die Mehrfachzuteilungen führen somit zu Ergebnissen, die über die hundert Prozent hinaus gehen.

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Filter-ZAPPer: Filterblasen im Vergleich

Seit den US-Wahlen steht zur Debatte, inwiefern Facebook-Filterblasen Wahlentscheidungen beeinflussen. ZAPP bietet bis zur Bundestagswahl die Möglichkeit zum Selbstversuch. extern

Erhoben wurden die Daten im Zeitraum April 2016 bis Februar 2017. Es wurden die beliebtesten Beiträge zehn relevanter Social-Media-Auftritte, die laut Stiftung "exemplarisch" für das (neu-)rechte Spektrum stehen, untersucht. Konkret waren dies: "Pi News", "Compact-Magazin", "Pegida", "Identitäre Bewegung", "Ein Prozent für unser Land", "KenFM", "Ich bin stolz, deutsch zu sein", "Lügenpresse" sowie die "AfD" und "NPD". Insgesamt wurden 1.063 Beiträge analysiert, die 2.908 Erzählungen beinhalteten.

Einige der Medien, wie das "Compact Magazin", werden auch vom Filter-ZAPPer ausgewertet. Hier können Sie die Inhalte der sogenannten alternativen Medien mit denen der klassischen Medien vergleichen. Überprüfen Sie, was für einen Einfluss Facebook-Filterblasen haben.


14.09.2017 18:00 Uhr

Hinweis der Redaktion: Auf Twitter behauptet die AfD Hamburg, unsere Autorin wäre Referentin der Amadeu-Antonio-Stiftung und somit befangen. Hierzu stellen wir klar: Carla Reveland war zu keinem Zeitpunkt Mitarbeiterin der Amadeu-Antonio-Stiftung. Ein entsprechender Hinweis im Vorfeld einer Diskussionrunde in Hamburg ist falsch. Fakt ist: Die Autorin hat sich ehrenamtlich in verschiedenen Projekten gegen Hatespeech engagiert - darunter 2016 auch bei einem Projekt der Amadeu-Antonio-Stiftung. Sie war aber in keiner Weise an der Entstehung der nun vorgelegten Studie "Toxische Narrative" beteiligt. Ihr Artikel setzt sich durchaus kritisch mit der Methodik der Studie auseinander. Die in diesem Zusammenhang erhobenen Vorwürfe sind daher in unseren Augen völlig haltlos.

 

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Bundesjustizminister Heiko Mass (SPD) hat ein Gesetz gegen Hatespeech auf den Weg gebracht, das die sozialen Netzwerke stärker in die Verantwortung nimmt. Kritikern geht es zu weit. mehr

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 14.06.2017 | 23:20 Uhr