Stand: 16.01.2019 13:30 Uhr

Spotify und die Öffentlich-Rechtlichen

von Nils Altland
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Wechselten 2016 von Radioeins zu Spotify: Jan Böhmermann und Olli Schulz.

Streamingdienste legen seit Jahren zu - allen voran: Spotify. Das schwedische Unternehmen feierte im Oktober sein zehnjähriges Jubiläum. Die Bilanz: Über 80 Millionen zahlende Abonnenten weltweit, dazu weitere Millionen werbefinanzierte Gratis-Nutzer. Tendenz steigend. Der Marktführer setzt längst nicht mehr nur auf Musik. Seit 2015 erscheinen dort auch Podcasts, ein Format, das gerade bei Jüngeren immer beliebter wird. Mit dieser Mischung konkurriert das Unternehmen zunehmend mit etablierten Radiosendern um die Aufmerksamkeit der Hörer.

Die Rivalität zeichnete sich erstmals im Frühjahr 2016 ab, als die Schweden ihren bislang wohl größten Coup landeten. Damals waren Jan Böhmermann und sein Talk-Partner Olli Schulz mit ihrer wöchentlicher Sendung auf Radioeins vom rbb zu Spotify abgewandert. Aus "Sanft und Sorgfältig" wurde der Podcast "Fest und Flauschig". Das hat sich gelohnt: Anfang Dezember meldete Spotify, Fest und Flauschig sei der erfolgreichste aller hauseigenen Podcasts - und zwar weltweit, noch vor allen englischsprachigen Angeboten.

Wird Streaming das Radio ersetzen?

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Größter Global Player unter den Streaming-Diensten: Spotify.

Barry McCarthy, der für die Finanzen des Unternehmens verantwortlich ist, wagte im September in einem öffentlichen Interview mit der Investment-Bank Goldman Sachs eine 20-Jahres-Prognose. Demnach werde das "Lineare aussterben und alles mit On-Demand gewinnen". Eher früher als später werde Streaming auch das Auto erobern und damit die häufigste Nutzungsumgebung des Radios. Der klassische Rundfunk sei durch das Wachstum von Online-Streaming-Anbietern "extrem bedroht". Viele Senderverantwortliche in Deutschland dürften McCarthys Äußerung als eine unmissverständliche Kampfansage verstanden haben.

Spotify als Verbreitungsplattform der Öffentlich-Rechtlichen

Unmittelbar bedroht sind die Öffentlich-Rechtlichen zunächst nicht, schließlich spielen sie dank Beitragsfinanzierung quasi außer Konkurrenz. Doch es sind ausgerechnet ihre eigenen Inhalte, die die Streaming-Plattformen stark machen: Spotify bietet nicht nur Eigenproduktionen an. Es ist zugleich Verbreitungsplattform für die Angebote einiger öffentlich-rechtlicher Sender: BR, Deutsche Welle, Deutschlandradio und SWR bieten bereits seit 2015 Teile ihres Programms auf Spotify an. Hörbar für dessen zahlende Abonnenten und Gratis-Nutzer - allesamt Rundfunkbeitragszahler.

Für Jürgen Ebenau, Online-Chef des SWR, liegen die Vorteile auf der Hand: "Wir erreichen auf Spotify sehr junge Hörer: 70 Prozent der Nutzer der SWR-Angebote dort sind unter 34." Kaum eine Radiowelle erreicht so junge Hörer im linearen Programm. Die Logik dahinter: die Beitragszahler dort erreichen, wo sie sich aufhalten, anstatt zu warten, bis sie die eigenen Kanäle einschalten. Dass die Sender überhaupt erfahren, wer ihre Podcasts hört, macht Spotify für sie attraktiv. Sie erhalten hier genaue Daten über Nutzungsdauer, Abbruchraten, Alter und Geschlecht ihrer Hörer. Das ist deutlich aufschlussreicher als etwa bei iTunes. Allerdings werden die Anbieter von Podcasts auf Spotify - mit Ausnahme exklusiver Podcaster wie Schulz und Böhmermann - nicht für ihre Inhalte vergütet.

ARD-Hörfunksender gespalten

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N-JOY Wellenchef Norbert Grundei im Interview.

Andere Rundfunkanstalten haben sich bewusst dagegen entschieden, ihre Inhalte auf Spotify zu verbreiten; die Frage spaltet die ARD. Angebote des WDR, MDR oder des NDR sucht man dort vergeblich. Norbert Grundei, Programmchef von N-Joy, dem jungen Angebot des NDR, gibt zu bedenken: "Öffentlich-rechtlicher Rundfunk ist mehr als die Verbreitung von Content-Pieces auf Drittplattformen, er muss über eigene starke Plattformen verfügen."

Die Argumente erinnern an die alte Diskussion um öffentlich-rechtliche Inhalte in sozialen Netzwerken. Seit Jahren suchen die Sender nach der richtigen Strategie im Umgang mit privaten Plattformen, die von ihren Inhalten profitieren. Grundei hat aus den Erfahrungen mit Facebook und Co. gelernt: "Es ist schwierig, sich auf Social Media zu verlassen, wenn es um die Distribution unserer Inhalte geht - schlicht und einfach, weil es dann Anbieter gibt, die unseren Zugang zu den Nutzern kontrollieren." Das Risiko bestehe mit Streamingdiensten ebenso wie mit sozialen Netzwerken.

Spotify setzt auf mehr Zusammenarbeit

Spotify selbst will das öffentlich-rechtliche Radio keineswegs verdrängen, wie ein Unternehmenssprecher gegenüber ZAPP bekundet. Vielmehr setzt man dort auf eine produktive Koexistenz: "Da Spotify von vielen jungen Menschen und meist zu anderen Tageszeiten als Radio genutzt wird, sehen wir viele Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit Radiosendern." Dass sich auch die Nutzer mehr Kooperation wünschen, zeigten die häufigen Suchanfragen nach Sendern, die dort bislang noch nicht vertreten sind.

Öffentlich-Rechtliche wollen eigene Angebote stärken

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Peter Boudgoust wertet die ARD Audiotehk als Erfolg.

Aktuell ist allerdings eher nicht zu erwarten, dass die Mehrheit der Rundfunkanstalten ihre Strategie ändert und zu Spotify geht. Denn zumindest in einer Frage sind sich die Öffentlich-Rechtlichen einig: Sie wollen die eigenen On-Demand-Angebote stärken, ob mit oder ohne Kooperation mit Drittplattformen. Dass dies gelingen kann, zeigt die ARD Audiothek. Hier finden sich die Inhalte aller neun Landesrundfunkanstalten sowie des Deutschlandradios. Nach einem guten Jahr auf dem Markt wurde die App über eine halbe Million mal heruntergeladen.

ARD-Online-Intendant Peter Boudgoust wertete das im November als Erfolg. Das Deutschlandradio hat zudem mit der DLF Audiothek eine eigene App. Es bleibt allerdings abzuwarten, ob diese Angebote attraktiver werden können als Spotify mit seinem umfangreichen Podcast- und Musikangebot. Bis dahin besinnen sich die Radiomacher auf ihre Kernkompetenzen im linearen Programm: aktuell, regional und live.

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Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 07.11.2018 | 23:20 Uhr