Stand: 11.07.2020 10:00 Uhr

So hat Dan McCrum den Wirecard-Skandal aufgedeckt

von Vassili Golod

Ein Journalist der Financial Times hat das gemacht, wofür Wirtschaftsprüfer und Finanzaufsicht zuständig sind. Dan McCrum hat mit Unterstützung seiner Kollegen den größten Betrug der Dax-Geschichte aufgedeckt. Seine investigativen Recherchen haben über Wochen die Nachrichten bestimmt. Die Geschichte dahinter ist serienreif.

Dan McCrum sieht aus, wie man sich einen investigativen Journalisten vorstellt: hohe Stirn, nerdige Brille, konzentrierter Blick. Sollte der Wirecard-Skandal eines Tages verfilmt werden, McCrum müsste sich am besten selbst spielen. Wir treffen den Journalisten im Londoner Newsroom der Financial Times.

An einem Funktionsarbeitsplatz dieses Großraumbüros begann er vor etwa sechs Jahren mit einer Recherche, die zur Insolvenz eines einstigen Vorzeigeunternehmens führen sollte. "Wirecard war eines der größten Unternehmen in Deutschland. Ein erfolgreicher Dax-Konzern", sagt McCrum. "Und Deutschlands größte technologische Hoffnung für die Zukunft. Ein Champion." Dass er ausgerechnet bei diesem Champion auf skandalöse Bilanzen stoßen sollte, hätte er zu diesem Zeitpunkt nicht gedacht. Denn Wirecard wird als sensationelles Fintech-Unternehmen der Wirtschaftsbranche gefeiert.

So hat Dan McCrum den Wirecard-Skandal aufgedeckt

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Der Journalist Dan McCrum hat mit Unterstützung seiner Kollegen von der Financial Times den größten Betrug der Dax-Geschichte aufgedeckt. Die Geschichte dahinter ist serienreif.

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"Zahlen konnten nicht stimmen"

Das Unternehmen verdient Geld mit der Abwicklung von bargeldlosem Zahlungsverkehr, steht also zwischen dem Kunden und dem Anbieter und kümmert sich um die Zahlungsabwicklung mit der Bank. Für die Weiterleitung des Geldes bekommt Wirecard eine Provision. Das Versprechen an die Investoren: Je mehr bargeldlos bezahlt werde, desto mehr Profit springe für das Unternehmen raus. Mit diesem Versprechen war Wirecard zwischenzeitlich mehr als 24 Milliarden Euro wert.

Aber Dan McCrum hatte Zweifel an diesem irrsinnigen Aufstieg des Unternehmens. Er wühlte sich durch Akten und stellte Unstimmigkeiten fest. "Die Zahlen, die das Unternehmen rausgegeben hat, konnten so nicht stimmen", sagt der Brite im Interview mit dem ARD Studio London. Er begann also Fragen zu Stellen. An das Unternehmen und auch an die BaFin in Deutschland. Antworten bekam er lange nicht. Weder von Wirecard, noch von der BaFin.

2018 melden sich Whistleblower bei McCrum und dessen Kollegin Stefania Palma. "Sie haben uns auf alarmierende Vorgänge in Singapur aufmerksam gemacht. Wirecard hat dort seine Asien-Zentrale", erzählt McCrum. Der ungeheuerliche Vorwurf: "Die Mitarbeiter dort haben scheinbar Dokumente erfunden, Rechnungen und Verträge gefälscht." Die Unternehmensführung habe davon gewusst, ebenso wie deutsche Behörden, erklärt McCrum und ergänzt: "Alle Analysten haben an Wirecard geglaubt, Wirtschaftsprüfer hatten nichts zu beanstanden, weshalb auch die Aufsichtsbehörden nicht tätig wurden."

Journalisten sollten diskreditiert werden

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Vassili Golod ist Journalist im ARD Studio in London.

Die Wortwahl des Journalisten ist akkurat, er bemüht sich um Einordnung und Präzision. Wie auch in jedem seiner Artikel. Doch seine Veröffentlichungen setzen zunächst nicht Wirecard, sondern ihn selbst unter Druck. Das Unternehmen geht mit Anwälten und der Unterstützung einer PR-Firma gegen McCrum und andere Journalisten vor. Die Strategie: Die Welt davon überzeugen, dass die Journalisten "Müll" schreiben.

Die Journalisten seien Lügner und Verschwörungsdenker, die es darauf abgesehen hätten den erfolgreichen Aktienkurs beschädigen zu wollen, lautete der Vorwurf des Unternehmens. Die Staatsanwaltschaft München leitete sogar Ermittlungen gegen die Financial Times-Journalisten ein. Eine konstante Rufschädigung, die Dan McCrum bei seinen heiklen Veröffentlichungen enorm unter Druck setzte. "Auf Twitter und an anderen Orten musste ich lesen: McCrum ist ein Verbrecher, er gehört ins Gefängnis und anderen Unfug. Aber das musst du alles irgendwie ausblenden."

McCrum hat neue Fragen

Dan McCrum machte trotzdem weiter und zeigte der Welt: Wirecard ist gar nicht so groß und erfolgreich, wie es tut. Ende letzten Jahres hatte Wirecard angegeben, auf Treuhandkonten von zwei philippinischen Banken ein Guthaben von 1,9 Milliarden Euro zu haben. Doch eine Überprüfung zeigte: Diese Summe liegt nicht auf den Konten.

Was McCrum aufdeckte, hat der Wirecard-Vorstand inzwischen eingeräumt: das angebliche Guthaben existiert wahrscheinlich gar nicht. Wirecard hat womöglich Milliardengewinne erfunden und Bilanzen gefälscht. Das sollte die Investoren glauben lassen, dass das Unternehmen seine Ziele erreicht.

Dan McCrum hat in den letzten Monaten viel erlebt. Jetzt gibt er Interviews und wird in seiner Arbeit bestätigt. Und er recherchiert weiter, denn der Fall Wirecard ist noch längst nicht abgeschlossen. "Wirecard hat Insolvenz angemeldet, aber jetzt geht es um mehr: Wer hat das möglich gemacht? Wer hat weggeguckt?" Auch diese Fragen will er mit dem Team der Financial Times beantworten.

McCrum ist ein Profi. Wie er sich in der schwierigen Zeit unter dem Druck von Wirecard und Staatsanwaltschaft fühlte, lässt er nicht durchblicken. Einer, der sich nicht einschüchtern lassen will. Der Investigativjournalist Dan McCrum wäre wohl der perfekte Serienheld.

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ZAPP | 02.07.2020 | 08:30 Uhr