Stand: 25.09.2020 15:49 Uhr

Nawalny und Charité: Werft die Nebelmaschine an!

von Annette Kammerer

Angriff ist die beste Verteidigung. Diese Kriegstechnik gilt, wie so oft auch für das Russland unter Wladimir Putin. Im Fall des vergifteten Oppositionellen Alexei Nawalny und seiner Behandlung in der Berliner Charité zeigt sich eine besonders schillernde und zeitgleich typische Ausformung dieser Strategie.

In den vergangenen zwei Wochen folgte in den sozialen Netzwerken ein emotionales Foto auf das nächste: Zuerst ein sichtlich geschwächter Alexej Nawalny auf dem Krankenhausbett, umringt von seiner Familie. Danach mit seiner Frau auf dem Stuhl und einem Liebesbrief an sie. Vor kurzem dann: Ein immer noch bleichgesichtiger Nawalny, draußen auf einer Parkbank und die  überraschenden Nachricht: Der Kremlkritiker ist aus stationärer Behandlung entlassen worden.

Der Berliner Patient

Das sind die Bilder, die über die sozialen Netzwerke laufen und hierzulande die Medien dominieren. In Russland aber, folgte medial derweil eine krude Anschuldigung der nächsten. Es wird in alle Richtungen geschossen. Kein Vorwurf scheint den staatsnahen Medien dafür zu konstruiert.

Zunächst wurde über den unliebsamen "Blogger", wie ihn viele russische Journalisten immer noch nennen, von öffentlicher Seite gar nicht viel gesagt. Vladimir Putin nennt traditionell seinen Namen nicht. Bis vor kurzem sprachen er und seine Minister am liebsten vom "Berliner Patienten". Eine Bezeichnung, die so auch von russischen Medien übernommen wurde. Danach machten wilde Theorien die Runde. Eine Chronologie:

In einem Telefonat Mitte September unterbreitete Putin seinem französischen Pendant Macron dann eine ganz neue Theorie: Nawalny könne sich ja auch selbst vergiftet haben. Und dazwischen sprießen dutzende kleinere Nebenarme, die ein großflächiges Netz an wilden Erklärungen und Angriffen weben, wo irgendwo die Wahrheit sitzen soll.

VIDEO: Gefährliche Recherche: Nawalnys Anti-Korruptions-Kanäle (3 Min)

Der Infolärm

Typisch sei das, meint Anton Himmelspach, der für das Online-Portal "dekoder" russische Medien beobachtet. So wurde schon über den Absturz des Passagierflugzeugs MH17 über der Ukraine berichtet, so wird im Fall Nawalny reagiert: "Medien und staatliche Quellen streuen so viele unterschiedliche Thesen wie möglich und Russland immer das Opfer." Dadurch würden offensichtliche Fakten plötzlich fraglich, die Lage wage und niemand blicke mehr durch. Sich da eine vernünftige Meinung zu bilden sei kaum möglich. "Infolärm", nennt Himmelspach das: "Инфошум".

Welche Blüten dieser "Infolärm" treiben kann, lässt sich derzeit besonders schön in einem Fernsehbeitrag mit dem besonders regimefreundlichen Moderator Dmitri Kisseljow beobachten. Zu bester Sendezeit, auf einem der reichweitenstärksten Fernsehsender "Rossija 1" widmete der sich ganze 20 Minuten lang ausgiebig der "Schlüsselfunktion" der Charitè in diesem "Spektakel" und verwob den Fall Nawalny, auch gleich noch mit der ehemaligen ukrainischen Ministerpräsidentin Julia Timoschenko.

In der Ukraine wäre die inhaftierte Politikern noch joggen gewesen, wie Aufnahmen beweisen sollen. Deutsche Ärzte der Charité jedoch diagnostizierten ihr eine "ernsthafte Erkrankung" um sie aus der Haft zu holen. In einem Video soll der sie damals behandelnde Arzt auf einer Yacht mit "leichtem Mädchen" durch Kiew geschippert sein. War die Diagnose gar von "Oben" gekauft? Vermengt werden diese vermeintlichen Enthüllungen dann noch mit dem ehemaligen ukrainischen Präsidentschaftsanwärter Wiktor Juschtschenko, der sich durch einen vorgetäuschten Giftanschlag seinen Wahlsieg habe holen wollen.

Verschwörungen im Autopilot

Es ist ein buntes Potpourri an dessen Ende viele Fragen stehen. Eine klafft ganz groß über dem Bild der Charité: Wie kann man denen da noch glauben? Himmelspach, aber auch den Eurotopics- Korrespondenten Lothar Deeg, überraschen solche Vorwürfe nicht. Auch hier sei es wieder typisch unterschiedliche Fälle zu einem großen Verschwörungsnarrativ zu verknüpfen.

Die fielen nicht nur in Russland auf einen fruchtbaren verschwörungstheoretischen Boden, sondern auch in Deutschland. Hier wird das Video bereits über Telegram-Gruppen geteilt. Linken-Politiker Gregor Gysi halte gar "Gegner der Erdgasleitung" Nord Stream 2 für einen möglichen Täter. Er wisse nichts und wolle auch nichts unterstellen, schiebt er dann noch hinterher. Auch der ehemalige Linken-Vorsitzende Klaus Ernst fragte, wem die Vergiftung Nawalnys nütze? Und antworte gleich selbst: Am meisten den Amerikanern.

Große Verschwörungen, inmitten duzender Nebelkerzen. Die seien allerdings nicht notwendigerweise orchestriert, erklärt Himmelspach von "dekoder", sondern entstünden auch im "Autopiloten". Durch vorauseilenden Gehorsam und Selbstzensur, unter dem Mantel des "kritischen Journalismus".

In diesem Modus lückenhafte Fakten von kruden Theorien auseinanderzuhalten, scheint da selbst Linken-Politikern schwer zu fallen. Die Charité will sich zu den vermeintlichen "Enthüllungen" des russischen Staatssenders öffentlich nicht äußern. Nur so viel: Sie kommentiere in diesem hochpolitischen Fall gar nichts.

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ZAPP | 26.08.2020 | 23:20 Uhr