Stand: 01.02.2017 17:32 Uhr

Martin Schulz und die Medien

von Hendrik Maaßen und Lisa Wolff
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Martin Schulz konnte mit seiner eloquenten Art selbst als EU-Politiker bei den Bürgern punkten, wovon hohe Sympathiewerte zeugen.

"Heute halten wir einfach alle mal die Klappe! Und denken intern weiter nach", sagte Martin Schulz einst nach einer SPD-internen Debatte. Oder nach Buhrufen gegen ihn im EU-Parlament: "Ich freu' mich, Frau Präsidentin, dass ich den Kollegen immer so aus ihrer Erschlaffung heraushelfe, es dient der Kreislaufstärkung!" Es ging um das Verbot des Kreuzes in italienischen Schulen. Mit Sätzen wie diesen hat es der EU-Abgeordnete Martin Schulz immer wieder in die deutschen Medien geschafft. Der SPD-Politiker nimmt kein Blatt vor den Mund und wirkt gerade deshalb authentisch - auch bei Journalisten. Sie zeichnen dieser Tage bereitwillig das Bild des Buchhändlers mit einem ungeraden Lebensweg: sympathisch, nahbar, ein Mann aus dem Volk. Einer, der auch mal in Interviews auf die Pauke haut und direkt und unverstellt seine Meinung sagt.

Martin Schulz von der SPD im Interview.

Martin Schulz und die Medien

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Kanzlerkandidat Martin Schulz nimmt kein Blatt vor den Mund und wirkt gerade deshalb authentisch - auch bei Journalisten. Doch das birgt Gefahren. Wird er im Wahlkampf so offen bleiben?

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Klare Worte können Vor- und Nachteil sein

Dass sein Hang zu klaren Worten mitunter nach hinten losging, zeigte sich etwa nach Schulz' Rede vor der Knesset im Jahr 2014. Hier hatte er die israelische Siedlungspolitik infrage gestellt und für einen handfesten politischen Eklat gesorgt. Geschadet hat ihm das dort nicht. "Der Unterschied ist, dass Sie in Brüssel erstens einen internationalen Pressekorps haben, was dann wiederum auch ein bisschen zerfällt in unterschiedliche nationale Öffentlichkeit. Nicht jede Aufregung, nicht jedes Thema, was in Deutschland für Aufregung sorgt, sorgt in Spanien für Aufregung und umgekehrt. Und insgesamt würde ich sagen, ist das Brüsseler Pressekorps etwas weniger hysterisch, etwas weniger an den Nebengeräuschen der Politik, am Personal, an innerparteilichen Fragen interessiert", sagt Matthias Krupa, lange Brüsselkorrespondent von "Die Zeit".

Berlin ist ein Haifischbecken, Brüssel ein Zierfischbecken

Berlin sei eben nicht Brüssel, bestätigt auch Rolf-Dieter Krause, ehemaliger Leiter des ARD Studios Brüssel: "Wenn Sie offen sind, legen Sie auch immer Verwundbarkeiten frei. Und ich fürchte ein bisschen, dass er vorsichtiger sein wird. Ich würde es ihm auch raten. Berlin ist schon ein Biotop, da ist die Gehässigkeit sehr viel stärker verbreitet als in Brüssel." Krupa wird noch deutlicher: "Ich glaube, dass der Anteil der Kollegen, die Spaß haben, da personalpolitische Debatten, parteiinterne Debatten durch ihre Berichterstattung voranzutreiben, in Berlin größer ist als in Brüssel. Also insofern irgendeine Art von Skalp zu präsentieren, für irgendeine Art von Aufregung zu sorgen." In Berlin werde jeder Halbsatz hin und her gewendet.

"What goes up must come down"

Noch scheinen viele Journalisten Martin Schulz überwiegend wohlwollend gesonnen zu sein. Zumindest bekam man diesen Eindruck bei der ersten Pressekonferenz am vergangenen Montag. "Jetzt ist die Nachricht: Da ist der neue Heilsbringer, Sankt Martin", sagt ein Journalist und mutmaßt: "Die Nachricht ist natürlich in drei, vier, sieben Tagen langweilig, also braucht man eine neue. What goes up must come down." Ob sich der SPD-Kanzlerkandidat deshalb zurücknehmen wird? Rolf-Dieter Krause sieht darin eine Gefahr: "Ich glaube, dass es seine einzige Chance ist, dass er glaubhaft ist. Es gibt im Grunde auch eine ganze Menge Leute, die nicht wissen, wofür er steht. In Brüssel weiß das jeder, und das muss er jetzt bekannt machen. Und das kann er nur, wenn er deutlich ist."

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ZAPP | 01.02.2017 | 23:20 Uhr