Sendedatum: 14.11.2012 23:20 Uhr

Luxusreisen für Journalisten

First Class Flüge in die ganze Welt, Übernachtungen in sündhaft teuren Fünfsternehotels und ausgiebige Safari Touren - alles vom Feinsten und alles bezahlt. Das klingt verführerisch, da will man gerne mit. Doch ist dieser Luxus wirklich das angemessene Umfeld für Wirtschaftsjournalisten, um vertiefende Hintergrundgespräche mit Firmenbossen zu führen? Der deutsche Rat für Public Relations sagt natürlich Ja. Schließlich könnten Journalisten auch über kritische Aspekte der Reise berichten - blöd nur wenn es keine gibt.

Safari im Masai Mara-Reservat in Kenia © dpa - Bildfunk Foto: Stephen Morrison

ZAPP

Ein Film von Tina Schober.

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Eine beeindruckende Kulisse. Solche Bilder bleiben in Erinnerung. Und so ähnlich muss sie ausgesehen haben. Die Safari in Südafrika. Teil einer Reise auf Einladung des Essener Stahl- und Technologieriesen ThyssenKrupp. Diese Reise wird jetzt zur Affäre. Denn die Welt am Sonntag enthüllte: Die Reisenden waren Journalisten von der "Süddeutschen Zeitung", vom "Tagesspiegel", der "Neuen Ruhr Zeitung" und der "Rheinischen Post". Auf einer "Luxusreise auf Firmenkosten". ("Welt am Sonntag", 11.11.2012)

Der Leiter Investigativ-Team der "Welt" Jörg Eigendorf meint: "Es ist durchaus üblich im Wirtschaftsjournalismus, dass es diese Reisen gibt. Was ich mir nicht vorstellen konnte, war, dass die Reisen unter diesen Umständen stattfinden."

Ein Flug im Privatjet und eine Luxus-Lodge für die Presse

ThyssenKrupp war nicht kleinlich. Mit dem firmeneigenen Privatjet ging es von Düsseldorf nach Frankfurt, dann weiter mit der Lufthansa nach Johannesburg. Erster Klasse, mit allen Annehmlichkeiten. Vor Ort in der Luxus-Lodge ging es für die Journalisten aber gar nicht um wilde Tiere, sondern um Große. Die Presse begleitete ein Vorstandsmitglied, verantwortlich im Konzern für gute Medienkontakte.

Jörg Eigendorf: "Es geht darum, Nähe zu Journalisten zu schaffen, es geht darum auch aus meiner Sicht Journalisten ins Boot zu holen, auf eine Art und Weise dass sie aus dem Boot nicht mehr aussteigen können, wenn sie erster Klasse gereist sind, wenn sie in der Singita-Lebombo-Lodge waren von Thyssen Krupp, wenn sie dort auf Safari waren, wenn sie erstklassig dort gewohnt und Urlaub gemacht haben, dann fällt es ihnen schon schwer, das Unternehmen richtig kritisch anzupacken. Würde ich vermuten."

So vermutet auch der deutsche Presserat. Wer extravagant abhebt, verliert die Unabhängigkeit, so steht es, ein  wenig dehnbar, im Pressekodex: "Die Annahme von Vorteilen jeder Art, die geeignet sein könnten, die Entscheidungsfreiheit von Verlag und Redaktion zu beeinträchtigen, ist mit dem Ansehen, der Unabhängigkeit und der Aufgabe der Presse unvereinbar."

Und wer sich doch einladen lässt, sollte das wenigstens transparent mache: "Wenn Journalisten über Pressereisen berichten, zu denen Sie eingeladen wurden, machen sie diese Finanzierung kenntlich."

Die Safari-Journalisten haben das allesamt versäumt. Und nicht nur die. Laut "Welt" reiste auch ein Journalist der FAZ auf Einladung von ThyssenKrupp und zwar nach China. Mit dem Firmenjet von Düsseldorf nach München und dann First Class weiter. Übernachtungen nur in 5-Sterne-Hotels . Geschätzter Gesamtwert der Reise: 15.000 Euro.

Was ist verhältnismäßig?

 "Mir kann niemand sagen, der sich auf diese Nähe einlässt, dass er dann hinterher sagen kann, ja, also ich bin völlig unabhängig von ThyssenKrupp, das ist nicht mein Problem, ich kann auch erster Klasse fliegen, ich kann in 5 Sterne-Hotels untergebracht werden, ich kann Urlaub mit ThyssenKrupp machen, aber am Ende ist das, bin ich ein unabhängiger, völlig unabhängiger Journalist. Wir sehen da eine Nähe, die nicht entstehen darf.", so Jörg Eigendorf.

Die Medienrechtlerin Dorothee Bölke meint: "Ich glaub, dass jeder Journalist und jeder Verleger, hier sind ja auch die Medienunternehmen ganz intensiv gefordert, darauf zu achten, in der Gesamtschau sich ein Bild darüber machen müssen, bevor eine solche Reise unternommen wird, welche Informationen erwarten wir uns, was ist hier die Planung, und was können wir annehmen. Müssen wir mit dem Privatjet nach München fliegen, um dann weiterzukommen, oder gibt es nicht vielleicht auch die Möglichkeit, dass der Verlag selber die Anreise finanziert, um dann vielleicht den großen Flug gemeinsam mit dem Einladenden zu machen."

Auch Thyssen-Krupp verweist auf die Verantwortung der Medien: erklärt gegenüber ZAPP: "Die Entscheidung zur Teilnahme an solchen Veranstaltungen obliegt allein den Redaktionen."

Luxusreisen zehren an der Glaubwürdigkeit der Medien

Jörg Eigendorf hat bei den betroffenen Verlagen nachgefragt und stieß auf etwas unterschiedliche Ausprägungen von Problembewusstsein. Das las sich dann so: "Die "FAZ" ist für ihre journalistische Unabhängigkeit bekannt und anerkannt. Ob wir eine Geschichte verwerten ist nicht davon abhängig, ob unsere Redakteure eine Einladung annehmen oder ausschlagen."

Die "FAZ" räumt aber immerhin ein: "Die Reisen mit Thyssen-Krupp in der 1. Klasse sind nicht üblich und nicht in Ordnung."

Der "Tagesspiegel" wiegelt ab: "Die Reise hat die erwarteten Hintergrundinformationen über das Unternehmen erbracht."

Ähnlich antwortete auch die "Rheinische Post".

Von der "Neuen Ruhr Zeitung" bekam Eigendorf Antwort vom Justiziariat - eine versteckte Drohung: "Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir jegliche andere Berichterstattung über unser Haus einer juristischen Überprüfung unterziehen werden."

Wenigstens der Ressortleiter der "Süddeutschen" räumt ein: "Natürlich finden wir Recherchereisen Erster Klasse auf Firmenkosten völlig unangemessen."

Dorothee Bölke: "Auch Wirtschaftsjournalisten müssen die Möglichkeit haben, bei solchen Reisen zusätzliche Informationsquellen aufzutun. Deswegen halte ich es nicht von vornherein für verwerflich. Aber sie sind genauso wie Reisejournalisten und Autojournalisten besonders gefährdet in ihrer Glaubwürdigkeit. Deshalb haben sie vielleicht an der Stelle eine besonders hohe Verantwortung, genau hinzugucken, ob sie eine Reise annehmen oder nicht."

Jörg Eigendorf: "Das sind ja genau die Dinge, die unabhängigen Journalismus gefährden. Das ist etwas, was es zu unterbinden gilt, was wir wirklich als Branche insgesamt bekämpfen müssen."

Übrigens. Keine der betroffenen Zeitungen hat über die Enthüllungen der "Welt" berichtet.

Jörg Eigendorf: "Es wird totgeschwiegen. Und ich frage mich, wenn diese Geschichte jetzt weiter geht, wie lange man es totschweigen möchte."

Die schönen Safari-Bilder werden wohl allen mitgereisten Journalisten in Erinnerung bleiben. Manchen wohl mit gemischten Gefühlen seit diesem Wochenende. Die Debatte hat erst angefangen.

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 14.11.2012 | 23:20 Uhr