Stand: 12.02.2020 12:06 Uhr

Little Trump? Boris Johnson greift kritische Medien an

Manche vergleichen die Entwicklung in der Medienlandschaft Großbritanniens bereits mit den Entwicklungen in den USA, andere sprechen nicht nur hinter vorgehaltener Hand von der "Arroganz der Macht". Seitdem der Tory Boris Johnson Premierminister in Großbritannien ist, verändert sich die Situation für die Medien rasant.

Eklat in der Downing Street

Erst in der vergangenen Woche kam es in der Downing Street zu einem handfesten Eklat. Die Journalisten waren dort zu einem Briefing mit dem Chef der Brexit-Verhandlungsgruppe zusammengekommen. Doch vor dem Raum war für einige Journalisten Schluss. Mitarbeiter der Pressestelle unterteilten die Anwesenden in zwei Gruppen: Eine, die vorgelassen werden sollte, die andere, der der Zutritt verweigert wurde. Die Journalisten jedoch verweigerten sich ihrerseits und verließen geschlossen das Haus.

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Kritische Medien unerwünscht

Es ist nicht die erste selektive Presseeinladung von Seiten der Regierung. Journalisten vor allem kritischer Medien berichten, dass es immer schwieriger werde, Regierungsvertreter zum Interview zu gewinnen. Für einige politische Sendungen der BBC gilt ein regelrechter Boykott. Kabinettsmitglieder haben die Order, als kritisch geltende Sendungen zu meiden und Anfragen abzulehnen.

Boris Johnson will die Kontrolle über die Medien selbst in der Hand behalten. Kann er auf Pressekonferenzen kritischen Fragen nicht entgehen, beantwortet er sie schlicht nicht, oder wiederholt bewusst provozierend Sätze, die mit der Frage nichts zu tun haben.

Für den erfahrenen, altgedienten Journalisten und BBC-Veteranen David Dimbleby, selbst ein Tory, ist Johnsons Umgang mit der Presse ein Desaster. Johnson ziele auf "Zerstörung", so erklärt er gegenüber ZAPP. Und Peter Oborne, ehemaliger Chefkommentator von "The Daily Telegraph", ebenfalls ein Tory, fühlt sich an die Entwicklung in Ungarn unter dem Rechtspopulisten Victor Orban erinnert. "Das, was Johnson hier macht, geht in die Richtung dessen, was in Osteuropa und den USA passiert. Ich würde ihn klar in die Reihe dieser autokratischen Populisten stellen."

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ZAPP | 12.02.2020 | 23:20 Uhr

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