Sendedatum: 08.05.2019 23:20 Uhr

Kritik an der Rangliste der Pressefreiheit

von Daniel Bouhs
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Reporter ohne Grenzen veröffentlicht neben der Tabelle auch eine Weltkrate der Pressefreiheit. Hier geht es nicht um Plätze, sondern Gefahrenstufen: von Weiß für "Gute Lage" bis Schwarz bis "Sehr ernste Lage".

Lea Fauth kommt rum. Die Journalistin hat in Frankreich, Portugal und Brasilien Philosophie studiert, dann bei der Deutsche Welle volontiert. Inzwischen arbeitet sie frei für Deutschlandfunk und "taz". Sie unterstützt die "Lateinamerika Nachrichten". Bei ihren Reisen hat sie immer auch die Arbeitsbedingungen vor Ort im Blick. Mit der Pressefreiheits-Liste der Organisation fremdelt sie jedoch. Eine Tabelle? Pressefreiheit sei doch kein Fußball!

"In Deutschland hat sich die Lage für Journalistinnen und Journalisten verschlechtert, Deutschland ist in der Liste aber etwas hochgerutscht", kritisiert Fauth. Die Bundesrepublik steht in der jüngst veröffentlichten Liste tatsächlich auf 13 statt wie im Jahr zuvor auf Platz 15. Reporter ohne Grenzen betont sogar selbst: Der bessere Tabellenplatz habe sich nicht etwa ergeben, weil sich die Pressefreiheit hierzulande verbessert, sondern sie sich in anderen Ländern weiter verschlechtert habe.

Reporter ohne Grenzen will ausdrücklich provozieren

"Was bedeutet dann so ein Platz?", fragt sich Fauth im Gespräch mit dem NDR. "Vielleicht gar nicht so viel." Pressefreiheit verkomme bei dieser Praxis zu einem relativen Wert. Fauth hatte ihre Kritik auch auf übermedien.de geäußert. Die Schlagzeile ihrer Kritik: "Pressefreiheit als zweifelhafte Hitparade".

Christian Mihr - früher selbst bei Zeitungen und Onlineportalen aktiv - leitet das Berliner Büro von Reporter ohne Grenzen. Er verteidigt die jährliche Liste. Es gehe auch um Provokation, damit über Pressefreiheit leidenschaftlich diskutiert werde. "In vielen Ländern regen sich Regierungsvertreter über die schlechte Ranglistenplatzierung auf", sagt Mihr. Gleichzeitig gebe es aber auch Regierungsvertreter wie den südkoreanischen Präsidenten, der gesagt habe, sein Land solle sich auf der Rangliste verbessern. "Das ist gleichzeitig ein Ansporn!"

In drei Ländern fehlen Zugänge vor Ort

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ROG-Geschäftsführer Christian Mihr verteidigt die Aufbereitung der Umfrage als Tabelle: Das führe zu den nötigen Diskussionen über den Zustand der Pressefreiheit, auch unter Staatschefs.

Reporter ohne Grenzen befragt jedes Jahr Journalisten und Experten etwa an Universitäten zur Lage im eigenen Land. In Deutschland füllen jedes Jahr gut ein Dutzend Journalisten und Experten aus Ost und West und von Zeitungen ebenso wie Radio- und Fernsehsendern einen Fragebogen aus. Nur in Laos, Eritrea und Nordkorea klappt das mit dem aktuellen Eindruck von vor Ort nicht. Reporter ohne Grenzen fragt in diesen Fällen Journalisten im Exil nach ihrer Einschätzung.

Die Teilnehmer müssen unter anderem erklären, wie sicher sich Journalisten in ihrem Land fühlen und wie groß der Einfluss der Regierenden auf Verlage und Sender ist. Außerdem spielen Gesetze eine Rolle, etwa der Informantenschutz. Fast jedes Jahr kommen neue Fragen hinzu, etwa zur Meinungsfreiheit im Digitalen.

"Objektive Messung wäre methodischer Wahnsinn"

Der Aufwand hinter der internationalen Rangliste ist also beachtlich. "Wir haben mit der Rangliste aber nicht den Anspruch, eine objektive Messung der Pressefreiheit vorzulegen - das wäre auch ein methodischer Wahnsinn", sagt Mihr. Die Umfrage bilde letztlich subjektive Eindrücke ab, davon aber eben zahlreiche.

Der Berliner Geschäftsführer von Reporter ohne Grenzen ist selbst seit sieben Jahren dabei. Mihr sagt offen, dass es auch Luft nach oben gebe, etwa bei der Zahl der Befragten - weltweit waren es zuletzt etwas mehr als 500. Auch die Zahl der Sprachen, in denen die Organisation die Fragebögen vorlegt, sei ausbaufähig. Derzeit seien es nur 24. "Das sind Schwächen", sagt Mihr gegenüber dem NDR, "aber mit diesen Schwächen versuchen wir so transparent wie möglich umzugehen und sie vor allen Dingen auch als Ansporn zu sehen, noch besser zu werden.“

Schulnoten statt Tabellenplätze als Lösung?

Auch Kritikerin Lea Fauth begrüßt grundsätzlich, dass sich Reporter ohne Grenzen so große Mühe macht - das helfe natürlich der Sache, also der Pressefreiheit. Sie würde sich aber statt relativer Plätze auf einer Tabelle im Bundesliga-Stil Schulnoten wünschen, um den tatsächlichen Zustand der Pressefreiheit ausdrücken.

"Die Debatte könnte man genauso anfachen, indem man total ungemütlich wird und im Zweifel ziemlich streng Noten vergibt", sagt Fauth. Deutschland hätte dann etwa seine ohnehin gar nicht mal so schlechte Note behalten. Nur aufgerückt wäre die Bundesrepublik nicht, bloß weil andere für einen Moment schlechter spielten.

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ZAPP | 08.05.2019 | 23:20 Uhr