Stand: 14.07.2020 09:00 Uhr

Kontrollversuche im Lokaljournalismus

von Daniel Bouhs

"In eigener Sache", schreibt ein Redakteur der Lokalzeitung im hessischen Darmstadt in einem Hilferuf. "Gesprächspartner des ECHOs fordern immer öfter 'Freigaben' von Artikeln ein - es geht vor allem um die Deutungshoheit." Neulich erst habe sich eine Mutter "in höflichem, aber drängendem Tonfall" gemeldet. Sie sprach von Zumutungen für ihre Kinder, die zwar wieder in die Schule dürften, aber nur unter Corona-Bedingungen. Bedingungen habe sie aber auch selbst gestellt und die Zeitung aufgefordert: "Bitte senden Sie uns den Artikel, in dem wir erwähnt werden, bevor er gedruckt wird, zu und bitte warten Sie auf unser Einverständnis."

"Druck auf Lokalpresse wächst": Ein Redakteur des "Darmstädter Echos" schlägt im Juli 2020 Alarm. "Immer öfter" forderten Gesprächspartner unter anderem, ganze Artikel freigeben zu können.

Das alles behindere "mehr und mehr den journalistischen Alltag - auch in der Lokalredaktion", notiert der Redakteur in seinem Artikel. Tatsächlich beobachten auch einige andere Lokalredaktionen, wie ihre Protagonistinnen und Protagonisten vor Ort versuchen, die Berichterstattung zu kontrollieren. "Wir haben es ständig mit Leuten zu tun, die den Text vorher lesen wollen – wohlgemerkt: Amateure, ganz normale Bürger", sagt der Chefredakteur der "Ostfriesen-Zeitung", Joachim Braun, gegenüber ZAPP. "Das nimmt seit zwei, drei Jahren zu."

Ein Problem: Nähe von Journalisten und Protagonisten, wie sie gerade "auf dem Land" üblich ist

Benjamin Piel, der Chefredakteur des "Mindener Tageblatts", sagt wiederum: "Das Thema ist für uns nicht riesig, aber es gibt es." Piel, der bei der "Volkszeitung" in Schwerin volontierte und zeitweise die "Elbe-Jeetzel-Zeitung" in Lüchow-Dannenberg geleitet hat, sieht das Problem vor allem in ländlichen Regionen. "Je größer die Nähe zu den Protagonisten, desto eher gehen Texte vorab hin und her."

Dazu passt, dass Lars Haider, der Chefredakteur des "Hamburger Abendblatts" meldet, in seiner Redaktion seien es "wenn überhaupt Einzelfälle", die "vorsichtig" fragten. "Dann sagen wir 'Geht nicht' – und dann lassen die das auch". Und auch Christoph Linne, der Chefredakteur der "Nordsee-Zeitung" in Bremerhaven berichtet im Gespräch mit ZAPP: "Die von den Kollegen beschriebene zunehmende Tendenz der versuchten Einflussnahme vermag ich so nicht zu erkennen."

Chefredakteure mutmaßen: Auch Hass in sozialen Netzwerken ist Schuld

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"Viele wollen lieber nicht in der Öffentlichkeit stehen und dann Hass abbekommen": Joachim Braun, Chefredakteur der "Ostfriesen-Zeitung".

Doch warum meint überhaupt jemand, das Recht zu haben, Berichterstattung zu kontrollieren? Die Chefredakteure sehen darin neben einer großen Nähe zum Gegenstand der Berichterstattung - das gemeinsame Vereinsleben oder die gemeinsame Nachbarschaft - vor allem den Umgang in sozialen Netzwerken als treibende Kraft. "In dem Maße, in dem Gesprächspartner via Social Media und Ego-Blogging die Deutungshoheit selbst zu steuern vermögen, nimmt womöglich auch die Begehrlichkeit zu, die Kommunikation gegenüber Journalisten ebenso kontrollieren zu wollen", sagt Linne in Bremerhaven.

Joachim Braun im ostfriesischen Leer geht davon aus, dass sich auch die mitunter schlechte Debattenkultur bei Facebook & Co. auf das Medienverhalten der Bevölkerung auswirkt. "Viele wollen lieber nicht in der Öffentlichkeit stehen und dann Hass abbekommen." Die Folge sei, dass immer wieder Bürgerinnen und Bürger mit kritischen Äußerungen nur noch anonym zitiert werden wollten, "auch dort, wo es eigentlich nicht nötig ist". Als Beispiel nennt Braun Anlieger einer Straße, auf die jemand wiederholt Nägel gestreut hatte. "Wer sich darüber aufgeregt hatte, wollte nicht mit seinem Namen zu seiner Äußerung stehen."

Wenn Gesprächspartner am Ende kneifen, machen Lokalredaktionen das transparent

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"Eine klare Haltung, sich keine Konditionen diktieren zu lassen, spricht sich nach meiner Erfahrung schnell herum": Christoph Linne von der "Nordsee-Zeitung" in Bremerhaven.

Benjamin Piel in Minden beobachtet dieses Phänomen auch bei Straßenumfragen: Namensnennung und Fotos lehnten heutzutage erstaunlich viele Menschen ab. Bei Kontrollversuchen auf Berichte, Porträts oder Reportagen geht der Chefredakteur zudem davon aus, dass die anhaltenden Sparmaßnahmen in Lokalredaktionen die Skepsis gegenüber der Qualität der Zeitung hat wachsen lassen. "Wenn die Menschen wissen, dass immer weniger Journalisten immer mehr leisten müssen, dann sichert sich mancher lieber ab, ob er richtig verstanden wurde", sagt Piel. Der Lokaljournalismus müsse aber die Einflussnahme ablehnen. Eine Kontrolle der Berichterstattung sei für eine unabhängige Presse "höchst problematisch".

Er habe seine Redaktion vor etwa einem halben Jahr auch noch mal an dieses Prinzip erinnert, sagt Piel. Die Folge dieser harten Haltung sei dann eben, dass der eine oder die andere nicht mehr in der Zeitung erscheine. Der Betreiber eines Friseursalons, der schließen musste, weil er in Corona-Zeiten keine Waschbecken hatte, regte sich im Gespräch mit der Zeitung auf. "Als er dann mitbekommen hat, dass wir auch mit dem Gesundheitsamt gesprochen haben, wollte er den Text sehen", berichtet Piel. "Das haben wir abgelehnt. Er hat seine Zitate dann zurückgezogen." Im Text wiesen die Journalisten auf diesen Vorgang hin.

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Nur in wenigen Fällen sollten Reporter jenseits von Wortlautinterviews mit ihren Gesprächspartnern Texte durchgehen und auf ein Einverständnis warten, meint Piel, etwa bei komplizierten Sachverhalten oder wenn es um den pietätvollen Umgang mit Familienschicksalen gehe. Joachim Braun von der "Ostfriesen-Zeitung" mahnt: "Aber dann muss man zum Hörer greifen und ausgewählte Passagen telefonisch besprechen. Ganze Texte schicken, das darf nicht passieren." Christoph Linne aus Bremerhaven meint wiederum, dass sich "eine klare Haltung, sich keine Konditionen diktieren zu lassen, schnell herumspricht".

Auch in Darmstadt will der Lokaljournalist, der mit seinem Text Alarm geschlagen hat, sich nicht die Pressefreiheit im Lokalen schleichend zunichte machen lassen. Für diejenigen, die Freigaben für ganze Texte bei der Berichterstattung über sich selbst durchsetzen wollen, hat aber auch noch ein ganz praktisches Argument zur Hand, warum das Unfug wäre: "Es würde keine Tageszeitung mehr erscheinen, wenn alle 100 bis 150 längeren Texte, die pro Tag für diese Zeitung recherchiert werden, sämtlichen Quellen nochmal zur Genehmigung vorgelegt würden."

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