Stand: 30.10.2019 19:00 Uhr

Hochstapler Relotius verklagt Aufdecker Moreno

von André Kroll
Bild vergrößern
Juan Moreno deckte die Lügengeschichten von Claas Relotius auf und musste dafür viele Widerstände überwinden.

Juan Moreno hat letztes Jahr Claas Relotius als Hochstapler und Lügner überführt. Der Fall Relotius erschütterte den Journalismus, traf es doch einen vielfach ausgezeichneten Journalisten, der zudem beim renommiertesten Nachrichtenmagazin der Republik angestellt war: dem "Spiegel". Der Fall wird nun um ein kurioses Kapitel reicher, denn Relotius verklagt jetzt Juan Moreno. "Ich stelle mich allem, wofür ich verantwortlich bin, aber ich muss keine unwahren Interpretationen und Falschbehauptungen von Juan Moreno hinnehmen", erklärt er in der "Zeit".

"Ich habe keinen Fehler gemacht"

ZAPP -

Juan Moreno sieht der gerichtlichen Auseinandersetzung mit Relotius gelassen entgegen. Aber er ärgert sich extrem über die "Morbus Relotius"-Unterstellung der "Zeit": "Ich bin doch nicht so ein Fälscher wie er."

5 bei 2 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

"Zeit" spricht vom ansteckenden "Morbus Relotius"

Moreno habe in seinem Enthüllungsbuch "Tausend Zeilen Lüge - Das System Relotius und der deutsche Journalismus" an einigen Textstellen nicht korrekt berichtet, so der Vorwurf. So habe Relotius nur 19 Journalistenpreise bekommen und keine 40, wie der "Spiegel" berichtete. Und diese falsche Zahl habe Juan Moreno "offenbar ungeprüft übernommen", erklärt Relotius' Anwalt Christian Schertz im Interview beim rbb. Auch das Ende im Buch mit der Schlussanekdote sei falsch. "Die Zeit" urteilt, dass "vor der Ansteckungsgefahr, die offenbar vom Morbus Relotius ausgeht, selbst Juan Moreno nicht ganz gefeit zu sein scheint, jener Mann, der sich zutraute, die Diagnose zu stellen."

Moreno: "Ich bin doch nicht so ein Fälscher wie er"

Der Vorwurf der "Zeit" geht Juan Moreno nah, wie bei seinem Auftritt auf den Medientagen in München zu sehen ist. Ihn auf eine Stufe mit Relotius zu stellen - für ihn unbegreiflich: "Mir fällt es schwer, ruhig zu sein (...) das tut weh". Und weiter: "Ich hab das Gefühl, ich hab so ein Déjà-vu - dass ich wieder gegen Wände renne, wieso glaubt mir denn niemand? Ich bin doch nicht so ein Fälscher wie er." Diskutiert werden auf der Bühne einige Textpassagen, die er verteidigt und nach eigenen Aussagen belegen kann. "Selbst wenn ich mich geirrt habe - da könnt ihr doch nicht allen Ernstes sagen, ich bin vergleichbar mit ihm. Das ist der Mann, der den größten Medienskandal der letzten Jahrzehnte hervorgerufen hat. Der weit über hundert journalistisch wertlose Texte produziert hat."

"Moreno ist kein Relotius, in keiner Hinsicht"

Wer sich die Fälle anschaut, erkennt, dass sie nicht vergleichbar sind, es sich um völlig andere Dimensionen handelt. Für Medienexperte Stefan Niggemeier ist die Klage von Relotius daher ein Ablenkungsmanöver: "Davon ist, glaube ich, ein Großteil das, was man so Kleinigkeiten nennen würde", erklärt er im Interview mit dem Deutschlandfunk. Und in seinem Kommentar bei Übermedien hält er fest: "Moreno ist kein Relotius, in keiner Hinsicht." Dem werden sich die meisten Journalisten anschließen. Moreno sieht der Gerichtsverhandlung gelassen entgegen: "Ich glaube, ich habe keinen Fehler gemacht. Ich habe die Standards angelegt, die man anlegen muss." Doch er weiß auch: "Da bleibt was hängen."

Weitere Informationen
NDR Kultur

Fall Relotius: "Aufrichtiger Versuch, abzuschließen"

NDR Kultur

Dass der Skandal um Claas Relotius an die Öffentlichkeit kam, ist "Spiegel"-Reporter Juan Moreno zu verdanken. Nun erscheint sein Buch "Tausend Zeilen Lüge" - NDR Kultur hat mit ihm gesprochen. mehr

Der Fall Relotius und die Folgen für den Journalismus

Claas Relotius hat über Jahre Leser und Kollegen mit erfundenen Geschichten getäuscht, so das Ergebnis vieler Prüfungen. Als Konsequenz gibt's nicht nur beim "Spiegel" neue Kontrollmechanismen. mehr

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 30.10.2019 | 23:20 Uhr