Stand: 13.07.2020 14:32 Uhr

Hakenkreuze und Gewaltvideos - die Medienkompetenz von Kindern

von Brid Roesner und Dörte Petsch

Die Bildchen machten in unserem persönlichen Umfeld die Runde: Hakenkreuze, SS-Abzeichen. Bei Jugendlichen, die wir doch eigentlich gut kennen. Wir waren sicher, dass dies nichts mit deren politischer Gesinnung zu tun hatte. Umso mehr stellte sich uns die Frage: Wie kann das sein? Ist das ein Einzelfall? Wir begannen zu recherchieren, daraus wurde die Reportage: "Hakenkreuze und Gewaltvideos - was Kinder posten".

Hakenkreuze und Gewaltvideos - die Medienkompetenz von Kindern

ZAPP -

Brid Roesner und Dörte Petsch drehten eine Dokumentation darüber, was Minderjährige über ihre Smartphones teilen. Mit ZAPP sprachen sie über schockierende Bilder, Hemmschwellen und Verantwortung.

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Schulleiterin geht Problem an

Eine erste Archivrecherche zeigte, dass viele Jugendliche strafbare Inhalte teilen, verfassungsfeindliche Symbole, aber auch Pornografie und sogar Kinderpornografie. Wir sprachen darüber mit vielen Schulleitern: Ja, das Problem sei bekannt, aber offen darüber sprechen wollten sie auf keinen Fall. Hier gehe es um den guten Ruf der Schule. Und dann gab es einen aktuellen Fall in Niedersachsen, wo in einer fünften Klasse Kinderpornografie auftauchte. Lehrer und Eltern waren schockiert. An dieser Schule drehen zu dürfen - völlig unmöglich.

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Schulleiterin Silke Müller will das Problem in der Waldschule in Hatten angehen.

Deshalb war es ein echter Glücksfall, dass wir in einem Artikel auf Schulleiterin Silke Müller von der Waldschule in Hatten stießen - eine Schulleiterin, die offen darüber spricht. Dabei wäre es für sie viel leichter zu sagen: Was die Schüler sich in Chatgruppen schicken, geht mich nichts an. Das ist nicht Teil des Unterrichts. Die Schulleiterin aber will hinschauen und das Problem - auch strafbarer Inhalte - in Schüler-Chatgruppen anpacken. Sie zieht Beispiele aus den Verläufen des Messengerdienstes und spricht mit den Kindern darüber. Auch uns ließ sie schließlich mit Schülerinnen und Schülern darüber sprechen, die wir dann von Anfang an in die Entwicklung unseres Filmprojektes eingebunden haben  - ohne sie moralisch zu verurteilen. 

Wir fragten uns: Bauschen wir etwas auf?

Während unserer Recherche hinterfragten wir uns immer wieder selbst: Bauschen wir etwas auf? In Gesprächen mit Freunden und Kollegen fielen immer wieder Sätze wie: "Wir waren doch alle mal jung!" Oder: "Wir haben doch alle mal Mist gebaut! Hakenkreuze wurden auch damals schon auf Schulhefte oder Tische gekritzelt." 

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Die Anwältin Gesa Stückmann aus Rostock klärt seit Jahren darüber auf, was im Netz erlaubt ist - und was nicht.

Diese Inhalte gehen aber sehr viel weiter: Die Rechtanwältin Gesa Stückmann versucht seit Jahren, Schülerinnen und Schüler über das aufzuklären, was strafbar ist und was moralisch verwerflich. Über Jahre sammelte sie auch strafbare Bilder. Uns fällt auf, das Prinzip ist immer gleich: Die Verbrechen der Nazis werden ins Lächerliche gezogen und so verharmlost. Auf diese Weise sinke die Hemmschwelle, sagt Gesa Stückmann.

Niedrige Hemmschwelle, schnelle Verbreitung

Wie niedrig die Hemmschwellen schon ist wird uns auch klar, als wir Wochen später ein kinderpornografisches Bild gezeigt bekommen. Darauf penetriert ein Mann ein kleines Mädchen. Für uns nicht zu ertragen und so fragten wir uns, wieso Jugendliche so etwas teilen - offenbar ohne nachzudenken.

Mitten in die Dreharbeiten kam plötzlich Corona. Stillstand in den Schulen, aber auch in den Chatgruppen? Weder Präventionsbeamte noch Lehrer oder Schulsozialarbeiter haben derzeit einen Überblick über das, was dort passiert. Es reicht ein Klick und solche Bilder verteilen sich über das Smartphone schneeballartig in ganzen Jahrgangsstufen. Die meisten Schüler scheinen sich nicht wirklich damit auseinanderzusetzen. Im Zweifel wird noch ein Bild oben draufgesetzt. Immer wieder geht es dabei auch um Aufmerksamkeit.

Es geht um einen gesellschaftlichen Diskurs

Wir haben auch bei dem Unternehmen WhtasApp nachgefragt, was es denn dagegen tut, dass solche Inhalte geteilt werden. Ein Interview wollte das Unternehmen leider nicht geben, aber sie haben uns erklärt, das Versenden verfassungsfeindlicher und kinderpornografischer Inhalte sei inakzeptabel und man ermutige seine Nutzer problematische Inhalte umgehend zu melden. 

In dieser Filmproduktion haben wir gelernt, dass es bei den Jugendlichen einen Unterschied zwischen digitalen Inhalten und realen Erlebnissen gibt. Die Verantwortung liegt deshalb nicht nur bei den Jugendlichen. Alle sind gefordert. Es geht um einen gesellschaftlichen Diskurs.

Auch wir sind Eltern und damit Vorbild. Auch wir wollen hinschauen, was unsere Kinder posten. Denn, wenn Kinder ein Handy bekommen, so die Erkenntnis nach den Dreharbeiten, haben sie Zugriff auf alles - Pornos, verfassungsfeindliche Inhalte, Bilder die kaum zu ertragen sind.

13. Juli 2020, 22:05 Uhr ARD Exclusiv
"Hakenkreuze und Gewaltvideos - was Kinder posten"

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 13.07.2020 | 22:05 Uhr