Stand: 04.09.2019 17:37 Uhr

Grünen-Politiker fälschen Leserbriefe

von Caroline Schmidt
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Deckte die Täuschung auf: Sibylle Haberstumpf.

Sibylle Haberstumpf ist bei den "Kieler Nachrichten" zuständig für Schwentinental - eine Gemeinde mit knapp 14.000 Einwohnern. Leserbriefe, in denen sich Bürgerinnen und Bürger über verschleppte Entscheidungen der Kommunalpolitik ärgern, gehören für sie zum Alltag.

Leserbriefe aus Schwentinental

Gefälschte Leserbriefe bei den "Kieler Nachrichten". © NDR

Grünen-Politiker fälschen Leserbriefe

ZAPP -

Fake-News - gefälschte Nachrichten - sind in sozialen Netzwerken seit Jahren ein Problem. Doch bei den "Kieler Nachrichten" gibt es nun etwas Neues: Fake-Leserbriefe.

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Auch der, den ein gewisser Bernd Seiler im März schrieb: "Man muss sich wirklich wundern. Es gibt so viele wichtige Themen, die schleppend vorangehen und von denen wir in Schwentinental viel zu wenig hören: Stadtentwicklung, Freibadsanierung, Raisdorfer Feuerwehr. (…) Stattdessen kümmern sich der Bürgermeister und der CDU-Fraktionsvorsitzende um flächendeckendes W-Lan."

Die "Kieler Nachrichten" druckten den Brief. Dann kam ein Tipp: Die Redaktion solle sich diesen Leserbrief doch mal genauer ansehen. Stammt er vielleicht von jemand anderem - gar einem grünen Politiker? Journalistin Haberstumpf war damals neu in der Stadt, ging dem Verdacht nicht nach. Doch auch sie sah die Ähnlichkeiten. "Das ist der Stil der Grünen, wie ich ihn auch kannte. Auch aus Pressemitteilungen (…). Und die Forderungen waren auch so in den Stadtvertretungen vorgetragen in dem Duktus."

Der Stil der örtlichen Grünen?

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Gefälscht: EIn Leserbrief an die "Kieler Nachrichten".

Haberstumpf wollte sich zunächst nicht vorstellen, dass an dem Verdacht etwas dran ist. Im Juni traf allerdings wieder ein Leserbrief ein. Wieder wurde die Stadt kritisiert, diesmal die Stadtwerke und ihr Geschäftsführer. Wieder erkannte die Journalistin Muster ähnliche Formulierungen bei den örtlichen Grünen. Der einzige Unterschied war der Absender. Diesmal schrieb ein gewisser Walter Stängel.

Die Journalistin suchte im Internet nach dessen E-Mail-Adresse, stieß auf ein Forum. Dort firmiert der Leserbriefschreiber als "master3mc". "Dann habe ich diesen User - master3mc - bei Google eingegeben", erzählt Haberstrumpf, "und da kam dann tatsächlich auch gleich ein Ebay-Profil von einem User master3mc aus Schwentinental. Und da konnte ich Dinge sehen, die ich Herrn Mihlan zuordnen konnte aufgrund seines Facebook-Profils, wo er sehr viele private Fotos veröffentlicht hatte."

Grüne Urheber wollen nicht reden

Dennis Mihlan ist Grünenpolitiker in Schwentinental. Die Recherchen führen auch auf einen Mitstreiter: Andreas Müller. Beide sitzen in der Stadtvertretung Schwentinental und im Kreistag und haben die Fälschung der Leserbriefe zugegeben. ZAPP hat mit ihnen gesprochen. Vor einem Mikrofon reden, wollten sie aber nicht.

Zeitungen sind keine Polizei

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"Keine Kriminalpolizei": Chefredakteur Christian Longardt.

Die "Kieler Nachrichten" traf diese kleine Affäre gleich doppelt: Die Leserbriefe waren nicht nur gefälscht. Sie kamen letztlich auch von Politikern. Und von Politikern druckt die Zeitung gar keine Leserbriefe - das ist in der Redaktion Standard. Auch deshalb war die Verwunderung bei den Journalisten groß, auch bei Chefredakteur Christian Longardt: "Ich persönlich hatte das noch nicht. Auch nicht das Vergnügen, das zu enttarnen. Insofern war das für mich dann eine Premiere."

Grundsätzlich blieben Leserbriefe für die Zeitung ein wichtiges Instrument, um zu erfahren, was Leserinnen und Leser bewegt - auch wenn sich nicht immer klären lasse, ob die Absender echt seien, sagt Chefredakteur Christian Longardt. "Ich habe keine kriminalpolizeiliche Ausbildung. Und insofern müssen wir damit wohl leben mit diesem Restrisiko, dass uns jemand noch mal hinters Licht führt."

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 04.09.2019 | 23:35 Uhr