Sendedatum: 15.02.2012 23:20 Uhr

ESC - Die "unpolitische" Show der Eurovision

"Unser Star für Baku" - die Casting-Show für den Eurovision Song Contest. Seit Wochen wird im Ersten und auf ProSieben gefiebert, doch Euphorie beim Zuschauer sieht anders aus. Zum einen scheinen sie der Casting-Shows mittlerweile überdrüssig, zum anderen ist das Austragungsland Aserbeidschan keine lupenreine Demokratie. Ein Problem für eine Glamour-Gala, die sich traditionell völlig unpolitisch gibt. Für den Veranstalter in Sachen Haltung schon jetzt "Zero Points", meint ZAPP.

Die Flagge Aserbaidschans weht in Baku, wo im Mai 2012 der nächste Eurovision Song Contest stattfinden wird. © picture alliance /dpa Fotograf: Markus Brandt

Der "unpolitische" ESC

ZAPP -

Unser Star für Baku geht ins Finale und Menschenrechtler wie Khadija Ismayilova auf die Barrikaden. Von ihnen gibt es für den Veranstalter des Song Contest in Sachen Haltung: Zero Points.

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Der Eurovision Song Contest: eine glitzernde Show für Millionen. In zwei Monaten soll sie in Aserbaidschan beginnen. Doch dem Veranstalter, der Europäischen Rundfunkunion (EBU), beschert ihr Glanzprodukt derzeit vor allem unbequeme Fragen. Kann man dort feiern, wo Willkür herrscht?  Wo Journalisten verhaftet werden? Und wo Oppositionelle unterdrückt werden?

Leyla Yunus, Menschrechtaktivistin: "Was soll das für ein Eurovisions-Konzert werden? In einem Land, wo es Folter gibt, politische Gefangene, keine freien Wahlen, keine Versammlungsfreiheit, keine Meinungsfreiheit - nichts."

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Alternativer Nobelpreis: Preisträger mit ähnlicher Mission

Der Alternative Nobelpreis wird in diesem Jahr dreigeteilt: Geehrt werden ein Anwalt, eine Journalistin und eine Aktivistin. In unterschiedlichen Ländern finden sie "praktische Lösungen für globale Probleme", urteilt das Komitee. extern

Doch für den Veranstalter, der EBU, gilt auch dieses Mal: Der Vorjahressieger darf Gastgeber sein, alles offen Politische wird ausgeblendet.

Jørgen Franck von der EBU: "Wir kümmern um alles, was in unserer Macht steht. Die Fernsehshow und das Event mit allem drum herum. Wir tolerieren keine politischen Botschaften."

Keine politischen Botschaften, davon profitiert das Regime von Präsident Ilcham Alyew, der Aserbaidschan gerne glanzvoll in Szene setzt. Statt Willkür, Korruption und Wahlmanipulation zeigen Filme Weltoffenheit und Aufbruch. Der "unpolitische" Song Contest wird zur PR-Bühne.

Jørgen Franck: "Was abseits davon passiert, da mischen wir uns nicht ein. Wir überlassen das dem natürlichen Lauf der Dinge."

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Imagepflege: Aserbaidschan lenkt Presse

23.05.2012 23:20 Uhr

Hoher Anspruch an Journalisten in Baku: zum ESC fahren, um kritisch zu berichten. Aber dies einzulösen, fällt schwer. Die aserbaidschanische PR-Offensive scheint zu gelingen. mehr

Stefan Niggemeier, Medienjournalist beim "Spiegel": "Diese Trennlinie ist, glaube ich, in einem Land wie Aserbaidschan sehr schwer zu ziehen. Und wenn man die einfach behauptet, ist es völlig klar, dass man am Ende in unheilbare Positionen kommt. Wo man dann Dinge verteidigt, die man einfach nicht verteidigen kann."

Bau-Boom für den ESC frisst sich durch die Stadt

Berichte wie einer der BBC bringen die EBU in Erklärungsnot. Von Zwangsräumungen rund um den Veranstaltungsort des Song Contests ist die Rede, von Menschen denen buchstäblich das Dach über dem Kopf abgerissen wird.

Bewohnerin aus Baku: "Sie jagen uns raus. Schicken uns weg. Es ist einfach Nonsens. Meiner Meinung darf man so etwas in keinem anderen Land der Welt. Wir haben Angst. Morgen kommt der Bagger und zerstört das Haus." (BBC, dt. Übersetzung).

Leyla Yunus: "Das sind mafiöse Strukturen hier. Kein Mensch kann sich sicher sein, dass nicht einfach sein Haus abgerissen wird. Es gibt keinen Plan - nur Willkür. Da kann einfach irgendjemand kommen und sagen: 'Ich will ein Hotel bauen, ein Bürogebäude. Genau hier!'"

Die Bagger kommen nachts, räumen ab was im Weg ist. Rund 20.000 Menschen sollen vergangenes Jahr so ihre Wohnung verloren haben, sagen Oppositionelle. Der mit Öl-Milliarden finanzierte Bau-Boom frisst sich durch die Stadt. Jetzt vor dem Eurovision Song Contest soll einiges noch schneller gehen.

Das wollte der Fernsehjournalist Klaus Uhrig für den Bayrischen Rundfunk dokumentieren. Er war im Januar vor Ort und wollte die bedrohten Häuser nahe der Veranstaltungshalle drehen: "Die Crystal Hall - diese Baustelle - da darf man überhaupt nicht hin. Da gibt es keine Genehmigung. Das kann man mit der Kamera einfach vergessen, die ganze Umgebung da außen rum. Da ist auch wahnsinnig viel Polizei."

Das Bild der glatten Fassaden soll sauber bleiben. Und ebenso möchte es offensichtlich der Veranstalter des Song Contests halten, die EBU.

Jørgen Franck: "Sie stehen in Zusammenhang mit Baumaßnahmen für eine Autobahn nach Baku. Wir können keinen Zusammenhang mit dem Song Contest erkennen." (dt. Übersetzung).

Ein Zusammenhang schließt die EBU aus, doch Mitgefühl räumt die Generalsekretärin großzügig  ein.  

Ingrid Deltenre, Generalsekretärin des EBU: "Es ist natürlich keine angenehme Situation für die Bewohner und ich fühle mit ihnen. Ich denke, ich hätte dieselben Probleme, wenn ich an ihrer Stelle wäre. Aber eine Stadt muss sich entwickeln. Das ist das, was dort passiert. Wie auch in vielen anderen Städten." (dt. Übersetzung).

Politischen Verantwortung der EBU?

Stefan Niggemeier: "Wenn dann die EBU kommt und sagt: 'Seht her! Es ist doch alles gut und das passiert doch überall auf der Welt' und 'Es sind Konflikte und das kann man halt nicht ändern‘, wird die Verletzung der Menschenrechte dieser Leute tatsächlich verharmlost von der EBU selber. Also da ist gar nicht das Regime das größte Problem, sondern die EBU, die sich da auf die Seite stellt."

Auf der Seite des Regimes, weil sie nicht politisch Position bezieht. Die wohlklingende EBU-Botschaft wird verpackt in "Three golden key messages", in drei goldenen Regeln. Der Song Contest soll "unpolitisch", "eine Kraft für das Gute" sein und die EBU selbst "für Veränderung stehen".

Jørgen Franck: "Wir stehen für Veränderung zum Besseren und stehen für demokratische Grundrechte. Dafür kämpfen wir in Europa. Aber wir nehmen nicht aktiv teil an dem Prozess, weil unsere Mission scheitern würde, wenn wir daran mitwirken. Das lassen wir andere machen." (dt. Übersetzung).

Sollen die anderen mal machen und sie tun es. Journalisten berichten kritisch über das Land, dass der Song Contest tatsächlich mehr in den Focus gerückt hat. So ist im Fernsehmagazin "Kontraste" zu sehen: "[...] Wussten Sie eigentlich, dass in Aserbaidschan, dem Gastgeberland für Eurovision Song Contest es keine Opposition im Parlament gibt. [...]". Die Hannoversche Allgemeine Zeitung titelt "Pop und Propaganda ", die "Frankfurter Rundschau" "Menschenrechte und Supergaudi" und "Der Tagesspiegel" sieht "Kein bisschen Frieden für die EBU". Und immer wieder kommt die Frage auf: Soll jeder Sieger automatisch Gastgeber werden können? Daran wollte die EBU bislang nicht rütteln. Erste Zweifel an dieser Regelung nun beim NDR, für die ARD federführend in Sachen Song Contest.

Thomas Schreiber, Koordinator Unterhaltung bei der ARD: "Wenn in Baku am 26. Mai 2012 Weißrussland gewinnen würde, fährt dann die ARD nach Minsk? Ich persönlich glaube nicht und ich würde in der ARD auch empfehlen, dort nicht hinzufahren. Denn in Weißrussland regiert nun wirklich ein lupenreiner Diktator oder eine lupenreine Diktatur. Und da denke ich, sollten wir das nicht unterstützen. Das heißt also die politische Frage für die EBU muss sein: Wer nimmt eigentlich daran teil?"

"Gegen"-Veranstaltung geplant: Sing für Democracy

Am Eurovision Song Contest in Aserbaidschan halten alle fest. Den Kritikern präsentiert die EBU Sonderregelungen für ausländische Gäste und Journalisten.

Jørgen Franck: "Wir haben eine schriftliche Garantie von der aserbaidschanischen Regierung bekommen. Sie garantiert freie Ein- und Ausreise, freie Meinungsäußerung und Informationsfreiheit für alle, die nach Baku oder Aserbaidschan kommen - in Verbindung mit dem Song Contest." (dt. Übersetzung).

Singen für die Demokratie, das garantiert nicht die EBU. Darum kümmern sich die Menschenrechtsaktivisten in Aserbeidschan in eigener Regie. Mit einem Open Air, "Sing for Democracy", mit Liedern für Menschenrechte kurz vor dem Song Contest in Baku. Die wenigen Wochen Aufmerksamkeit wollen sie nutzen und Journalisten aus aller Welt auf ihre Lage aufmerksam machen.

Leyla Yunus: "Und dann wenn sie kommen, sollen sie einfach nur mit den Menschen sprechen, die Augen aufmachen, einen Fotoapparat mitbringen und schauen, wie viel Polizei auf der Straße ist. Ich bin mir sicher, dass es nirgends auf der Welt so viele Polizisten gibt. Und diese Polizisten haben Ihren Journalisten-Kollegen nicht geholfen, als sie letztes Jahr nachts auf der Straße zusammengeschlagen wurden."

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 15.02.2012 | 23:20 Uhr