Stand: 15.09.2020 12:00 Uhr

Die Macht der Zahlen: Wie ein Fehler Nachrichten macht

von Nadja Mitzkat

"Mach doch mal nen Hintergrund zu den Menschen ohne Krankenversicherung", so lautete recht lapidar der Auftrag meines Redakteurs bei NDR Info an einem Montagmorgen Mitte August. Am Freitag zuvor hatte die Meldung die Runde gemacht, in Deutschland gäbe es immer mehr Menschen ohne Versicherungsschutz. Zwischen 2015 und 2019 habe sich ihre Zahl von 79.000 auf 143.000 Menschen fast verdoppelt.

Versichertenkarten verschiedener deutscher Krankenkassen © dpa Foto: Oliver Berg
"Immer mehr Menschen ohne Krankenversicherung" - diese Meldung hatten Mitte August viele Medien aufgegriffen. Doch die Zahlen stimmen gar nicht.

Seit heute ist klar: Diese Zahlen stimmen nicht. Der Anstieg lässt sich auf methodische Fehler bei der Datenerhebung zurückführen, wie das Statistische Bundesamt in einer Pressemitteilung erklärte.

Meldung in vielen großen Medien

Aber von vorn: Als ich den Auftrag bekam, galt es zunächst herauszufinden, wer die Quelle dieser Meldung war. Ein Blick in die Agenturen und ein paar Klicks im Internet zeigten, dass die Sozialfachfrau der Linken, Sabine Zimmermann, die Urheberin war. Sie hatte aus dem für alle einsehbaren Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes Daten aus dem Jahr 2019 entnommen und mit denjenigen des Jahres 2015 verglichen. Von Zimmermanns Büro aus fanden die Daten, verbunden mit sozialpolitischen Forderungen der Linken, am 13. August ihren Weg in die "Saarbrücker Zeitung". Einen Tag später ging die Nachricht dann über die Deutsche Presse Agentur an alle großen Medien und wurde vielfach aufgegriffen. Von der "Süddeutschen Zeitung" bis zum "Spiegel", vom "Ärzteblatt" über NDR Info bis hin zur Tagesschau - fast alle berichteten.

Wie lässt sich der Anstieg erklären?

Nur hatte und darauf wiesen viele Berichte auch hin, niemand eine Erklärung für den mit 81 Prozent drastischen Anstieg. Eine Entwicklung die mindestens stutzig machen sollte. In Deutschland gilt seit 2009 eine Krankenversicherungspflicht - und zwar unabhängig davon, ob man gesetzlich oder privat krankenversichert ist. Seitdem ist es ziemlich schwierig seine Krankenversicherung zu verlieren - selbst dann, wenn man seine Beiträge nicht mehr zahlen kann. Solange man für seine Krankenkasse noch irgendwie erreichbar ist, können Leistungen zwar de facto zurückgefahren werden. Der Versicherungsschutz bleibt de jure aber bestehen.

Mit welcher Entwicklung lässt sich also der Anstieg erklären? Um das herauszufinden, telefonierte ich mit medizinischen Anlaufstellen für Menschen ohne Krankenversicherung, mit den Verbraucherschutzzentralen und zahlreichen Expertinnen und Experten. Ich schrieb Anfragen an das Statistische Bundesamt, an das Bundesgesundheitsministerium und die Spitzenverbände der privaten und gesetzlichen Krankenversicherungen. Gleichzeitig suchte ich nach Menschen ohne Krankenversicherungsschutz. Das Ergebnis? Ernüchternd. Ich hatte zwar Beispiele gefunden und konnte auf individueller Ebene erklären, wie es dazu kommt, dass es in Deutschland Menschen ohne Krankenversicherung gibt. Doch wie sich dieser Anstieg strukturell erklären ließ, darauf hatte ich auch nach vier Tagen intensiver Recherche keine Antwort.

Niemand kann die Zahlen erklären

Im Gegenteil. Das Bundesgesundheitsministerium gab sich einsilbig. Man habe keine Hinweise auf die Ursachen. Die Verbraucherzentralen meldeten zurück, dass sie keinen Anstieg verzeichneten. Der Verband der privaten Krankenkassen sprach in einer schriftlichen Stellungnahme gar von einem "vermeintlichen" Anstieg, da auch ihnen keine Fälle vom Verlust des Versicherungsschutzes bekannt seien.

Ich fragte mich zunehmend, wieso die Linke mit einer Zahl Politik macht, die niemand erklären kann und die das wirkliche Ausmaß des Problems darüber hinaus gar nicht abbildete.

Tücken des Mikrozensus

Denn es gibt da durchaus ein Problem: Der Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes ist eine repräsentative Befragung von Haushalten in Deutschland. Jährlich nimmt rund ein Prozent der Bevölkerung an der Befragung teil. Während meiner Recherche erfuhr ich, dass mit dieser Methode wichtige Gruppen, die über einen abgesenkten oder gar keinen Gesundheitsschutz verfügen, nicht erfasst werden können. Menschen ohne festen Wohnsitz, wie etwa Obdachlose oder Menschen ohne Papiere, die sich in Deutschland aufhalten, tauchen in dieser Statistik gar nicht auf. Andere Gruppen tauchen zwar in der Statistik als "krankenversichert" auf, sind es de facto aber nicht.

Doch noch glaubte ich daran, dass es eine Erklärung für den rasanten Anstieg geben müsse. Schließlich hatte man mir beim Statistischen Bundesamt versichert, dass man methodische Fehler als Ursache ausschließe. Gründe für den Anstieg könne man aber auch nicht benennen. Das war in Woche zwei meiner Recherche.

Methodischer Fehler führte zum Anstieg

Wieder eine Woche später dann die Kehrtwende: Man drehe nun auf der Suche nach einer Antwort jeden Stein um, hieß es in einer E-Mail aus der Pressestelle des Statistischen Bundesamtes. Eine weitere Woche später war man dort dann auch bereit, mir gegenüber zumindest vage anzudeuten, dass es wohl doch methodische Fehler seien, die zu dem Anstieg geführt hätten. Heute folgte nun die offizielle Pressemitteilung.

Mein Fazit: Hier wurde von einer Partei mit einer catchy Zahl Politik gemacht und "die Medien" sind allesamt auf den Zug aufgesprungen. Und so machte eine Nachricht Karriere, die schlichtweg falsch war.

Dabei gibt es in Deutschland tatsächlich Menschen, die nicht oder nicht ausreichend gegen Krankheitsrisiken abgesichert sind. Dieses Problem und seine Ursachen zu ergründen, kostet Zeit. Und die ist in der schnellen Nachrichtenwelt wohl oft einfach nicht vorhanden.

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