Stand: 23.04.2020 15:00 Uhr

Corona und der Klimawandel: Gefährliche Verknüpfung

von Dorothee Meer, Professorin an der Ruhr-Universität Bochum

Vergleiche und Analogiebildungen zwischen der Coronakrise und der Klimakrise haben im Moment Hochkonjunktur, sowohl in der Medienberichterstattung als auch in politischen Kontexten; exemplarisch dafür steht der Beitrag von Luisa Neubauer im "Stern". Dagegen ist prinzipiell nichts einzuwenden, denn beide Verfahren sind ein grundlegendes sprachliches Mittel, sich die Welt zu erklären. Trotzdem birgt das Gefahren.

Wissenschaft hilft bei Krisenbewältigung

Ein Beispiel für eine auf den ersten Blick unproblematische Analogiebildung kann man in dem gegenwärtig häufig genutzten Hinweis sehen, dass die Corona- und die Klimakrise nur unter Berücksichtigung von wissenschaftlichen Expertinnen und Experten gelöst werden können. So stellt beispielsweise die "Süddeutsche Zeitung" (SZ) heraus, dass für Donald Trumps Entscheidung zum Corona-bedingten Shutdown der USA die Kompetenzen des Immunologen Anthony Fauci von relevanter Bedeutung gewesen seien. Anschließend weist der SZ-Beitrag darauf hin, dass es sich bei dieser Entscheidung um einen Ablauf gehandelt habe, der über ein Jahr die "Hauptforderung der Klimaproteste 'Listen to the Science', hört auf die Wissenschaft" gewesen sei.

Politik handelt mal selbstständig, mal auf Druck

Trump bei einer Rede im Weißen Haus © dpa-Bildfunk Foto: Alex Brandon
US-Präsident Trump spielte die Gefahr durch das Coronavirus lange herunter, am Ende hörte er auf die Ratschläge von Immunologen wie Anthony Fauci.

Jenseits der Frage, ob der Hinweis auf Trump tatsächlich klug gewählt ist, lässt sich an diesem Beispiel auch eine Gefahr von Analogiebildungen verdeutlichen: So besteht ein großer Unterschied zwischen der Rolle von Expertinnen und Experten in den beiden hier zur Diskussion stehenden Krisen in Deutschland. So hat die deutsche Politik die Expertise von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern im Rahmen der Corona-Pandemie permanent und medial gezielt angefordert, eingekauft und in den Mittelpunkt gestellt. Im Gegensatz dazu sind die Expertinnen und Experten im Zusammenhang mit der Diskussion um Fragen des Klimawandels über Jahrzehnte von einer Mehrheit in der Politik ignoriert worden - erst die "Fridays for Future"-Proteste haben sie als argumentativen Akt der Gegenwehr erfolgreich(er) in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rücken können.

Nachhaltigkeit muss bei wirtschaftlichen Strukturveränderungen berücksichtigt werden

Trotz dieser Hinweise auf Gefahren der Analogiebildung zwischen der Corona- und der Klimakrise geht es aber andererseits gerade aus der Perspektive einer nachhaltigen Politik darum herauszustellen, dass die an die Coronakrise anschließenden Wirtschaftsreformen sowohl in der EU als auch in Deutschland nachhaltige Strategien dringend stärker berücksichtigen müssen. Dies gilt umso mehr, wenn man bedenkt, dass die zurzeit diskutierten Strukturveränderungen im Bereich von Wirtschaft, Verkehr und Energie nicht wie in der Finanzkrise 2008, als beispielsweise mit Abwrackprämien für alte Autos und den subventionierten Ausbau von Straßen der Individualverkehr zusätzlich angekurbelt worden ist, erneut in eine genau entgegengesetzte Richtung zielen dürfen.

Analogien werden gezielt genutzt - und können in die Irre leiten

Die im letzten Satz genutzte Analogie zwischen der Corona- und der Finanzkrise von 2008/09 macht dabei exemplarisch deutlich, dass prinzipiell nichts gegen Analogiebildungen spricht, solange im Blick bleibt, dass derartige sprachliche Strategien nie im luftleeren Raum eingesetzt werden, sondern immer eine Funktion im öffentlichen Diskurs erfüllen. So sind weder Analogiebildungen noch Verweise auf Zusammenhänge ein zufälliges Ergebnis von irgendwelchen "Aussagen" oder gar "Tatbeständen", sondern sie verweisen auf den politischen Willen, mit den Mitteln des Vergleichs bzw. der Analogie bestimmte Wahrnehmungsmuster aufzurufen und zu etablieren. Eine Gefahr stellen Analogien dann dar, wenn sie die Wahrnehmung eines konkreten Ereignisses verharmlosen, in eine falsche oder auch nur irrelevante Richtung lenken und damit Parallelen suggerieren, die weder in der Sache noch in ihren Folgen angemessen sind.

Starke Unterschiede zwischen Corona- und Klimakrise

Die Klimaschutzaktivistin Greta Thunberg (M) und die deutsche Klimaaktivistin Luisa Neubauer (l) laufen mit Teilnehmern der Klima-Demonstration Fridays for Future durch Hamburg. © pciture alliance/Axel Heimken Foto: Axel Heimken
Die Klimaschutzaktivistin Greta Thunberg (M) und die deutsche Klimaaktivistin Luisa Neubauer (l) laufen mit Teilnehmern der Klima-Demonstration "Fridays for Future" durch Hamburg.

Bezogen auf die hier thematisierte Analogie zwischen den Folgen des Coronavirus und der Klimakatastrophe leuchten diese theoretischen Annahmen auch aus der praktischen Perspektive ein, wenn man sich verdeutlicht, dass auf den ersten Blick die Klima- und die Coronakrise nicht viel mehr teilen, als dass es sich in beiden Fällen um leiderzeugende Krisen handelt: So ist der Klimawandel vorrangig als das Ergebnis aus ökonomischem Profitdenken und Wohlstandsbestrebungen entstanden - wenig Vergleichbares lässt sich für eine Pandemie wie Corona behaupten. Auch die konkreten Bedingungen der Krisen unterscheiden sich in der Sache fundamental. Das gilt sowohl für die ergriffenen staatlichen Maßnahmen als auch für die gefühlte Bereitschaft zur Mitarbeit eines großen Teils der Bevölkerung. Während in einem Fall die Einsicht von Bürgerinnen und Bürger in nicht unerheblichem Umfang das Ergebnis von staatlich verordneter Räson darstellt, geht die öffentliche Verhandlung der Klimakrise vorrangig auf das subversive Aufbegehren von (zunächst in der Hautsache) jungen Teilen der Bevölkerung zurück.

Wenn sich die beiden Krisen somit gar nicht unbedingt für Analogiebildungen eignen, so stellt sich umso mehr die Frage, warum sie in den letzten Wochen im medialen Bereich so virulent zu beobachten war. Diese Frage drängt sich aus einer Perspektive der Nachhaltigkeit umso mehr auf, weil gerade Vertreterinnen und Vertreter der Klimaschutzbewegung hieran mitgearbeitet haben, wie beispielsweise die Tweets auf dem Twitter-Account von Luisa Neubauer exemplarisch verdeutlichen. Aus diesem Grund soll unter Bezug auf die in den Medien wohl häufigste Analogiebehauptung, die einen Zusammenhang zwischen den gesunkenen CO2-Werten und Corona herstellt, die Problematik des sich hier manifestierenden Willens herausgearbeitet werden.

Corona verdrängt und gefährdet das Thema Klimaschutz

Entscheidend für diesen Zusammenhang ist der immer wiederkehrende Hinweis, dass das Thema "Klimakrise" zwar durch "Corona" verdrängt worden sei, gleichzeitig jedoch seit dem Ausbruch der Pandemie die Emissionen gesunken sind. Der hiermit in den Mittelpunkt gerückte Zusammenhang macht deutlich, worin das vermutlich entscheidende Problem der Parallelisierung der beiden Krisen besteht: So legt dieser Hinweis - ohne dass dies explizit gesagt würde - einerseits nahe, dass "Corona gut für das Klima sei", indem das Virus wie eine erfolgreiche Klimapolitik zum Rückgang von Emissionen führe. Andererseits erhalten klimapolitisch sinnvolle Maßnahmen im Umkehrschluss den gleichen Status wie die Pandemie. Wie schleichend derartige Analogiebehauptungen unsere Wahrnehmung strukturieren, soll der folgende Auszug aus einem Beitrag in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" verdeutlichen. Dort heißt es zunächst:

"Wenn das gesellschaftliche Leben zum Erliegen kommt, dann werden weniger Treibhausgase emittiert. Pendler lassen das Auto stehen und arbeiten von zuhause, geplante Flüge finden nicht statt. Sogar Regionalzüge werden häufig weniger fahren, und damit indirekt auch Energie sparen. Alles wegen der Corona-Epidemie."

Sinnvolle Verhaltensweise könnten negative Verknüpfung bekommen

Die Problematik des hier entwickelten Zusammenhangs bezogen auf Fragen der Nachhaltigkeit zeigt sich, wenn "Regionalzüge" mit Treibhausgasen in Verbindung gebracht werden. So führt die Behandlung der Pandemie als klimapolitische Maßnahme u.a. dazu, dass an sich notwendige und sinnvolle Verhaltensweisen - wie die Nutzung des öffentlichen Personennahverkehrs - durch die Verknüpfung der beiden Themen den Status einer negativen Folge bekommen ("Alles wegen der Corona-Epidemie"). Dass hierbei aber nicht nur die Gefahr besteht, dass auf diesem Weg in "unseren Köpfen" fragwürdige Bewertungen aufgerufen werden, macht der direkt an den vorherigen Auszug anschließende Satz deutlich, mit dem sich der Autor des Beitrags, Timo Steppat, auf Luisa Neubauer bezieht:

"Luisa Neubauer, Kopf der Fridays for Future-Bewegung, schöpft deswegen Hoffnung. Der weltweite Ausbruch beweise, 'dass es anders gehen kann', sagte Neubauer. 'Würden wir die Klimakrise halb so ernst nehmen wie die Corona-Krise, wäre uns geholfen.'"

Trotz der Absurdität dieser Art der Rekontextualisierung des Neubauer-Zitats durch den Konnektor "deswegen" und der damit verbundenen Frage, ob es sich bei derartigen Beiträgen noch um Formen eines seriösen Journalismus handelt, lässt sich festhalten, dass Formulierungen wie die von Neubauer in der Klimabewegung keine Ausnahme darstellen. Die hieran anschließende Frage im Hinblick auf sinnvolle Nachhaltigkeitsstrategien ist, inwieweit Klimaaktivistinnen und -Aktivisten mit solchen und ähnlichen Äußerungen nicht unfreiwillig zusätzlich dazu beitragen, den Kurzschluss zwischen Corona und Klimapolitik diskursiv zu bedienen. So bleibt nicht nur im angesprochenen Beitrag am Ende die Feststellung, dass Corona die Nachhaltigkeitsthematik verdrängt habe und somit die fragende Überschrift: "Zumindest gut fürs Klima?"

Problematische diskursive Aufwertung von Coronaauswirkungen aufs Klima

Das Entscheidende an dieser Art der diskursiven Aufwertung sich zufällig parallel ereignender Phänomene ist, dass das Sinken der CO2-Werte bedingt durch die Einschränkungen durch Corona negativ mit Maßnahmen gegen den Klimawandel assoziiert werden kann. Gleichzeitig wird damit der Eindruck erweckt, es könne Wege geben, wie sich der Klimawandel quasi von selbst lösen würde. Wenn man nun aber unter Berücksichtigung dieser Gefahr davon ausgeht, dass sowohl im Zusammenhang mit den Diskussionen um einen "Green (New) Deal" als auch um den aktuell diskutierten Wiederaufbau der deutschen und europäischen Wirtschaft die grundlegenden Fragen des Strukturwandels nach Corona noch nicht entschieden sind, dann spricht alles dafür, dass die Nachhaltigkeitsbewegung ihre Positionen nicht unnötig durch problematische Analogien zu (anderen) tödlichen Krisen selbst schwächen sollte. Denn wer will schon Wirtschaftsreformen, die darauf aufbauen, dass alles stillstehen muss, damit das Klima besser wird?

Klimabewegung sollte positive Perspektiven aufzeigen

Im Gegensatz dazu muss es der Klimabewegung unter Bezug auf die gegenwärtige Situation darum gehen, weiter daran zu arbeiten, zusammen mit Vorreitern aus dem Bereich der Wirtschaft die positiven Perspektiven einer nachhaltigen Energie- und Wirtschaftspolitik diskursiv und praktisch zu forcieren. Ein Tweet, wie der folgende Beitrag auf den Accounts "Naturstrom" und "UnternehmensGrün" könnte dabei als Beispiel für eine sinnvolle Strategie fungieren:

Das war ein Kommentar von Dorothee Meer, Professorin an der Ruhr-Universität Bochum.

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