Stand: 14.07.2020 15:54 Uhr

Corona in Kenia - Bilder aus dem Alltag eines Slums

von Nicola von Hollander
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Ein Handyvideo zeigt einen Toten im Slum Mathare in Nairobi, Kenia.

Julius Mwelu lebt in einem Slum von Nairobi und dokumentiert das Leben in Zeiten von Corona. "Viele Menschen sterben", erzählt er in einem Gespräch mit ZAPP. Doch der Fotograf hat keine offiziellen Zahlen: Die Kenianische Regierung veröffentliche sie nicht. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO steht das ostafrikanische Land im Vergleich mit anderen Ländern des Kontinents gut da: Auf 10.105 Corona-Fälle kommen bis jetzt nur 185 Tote (Stand: 14. Juli 2020). Aber, so Mwelu: "Die Menschen sterben am Hunger!"

Geschlossene Geschäfte und Ausgangssperre

Denn die Geschäfte seien geschlossen, Menschenansammlungen wie auf Märkten verboten. Und die Polizei setze die Corona-Restriktionen wie auch die Ausgangssperre ab 21 Uhr mit aller Gewalt durch - mit Prügel und Pistole. Wer in einem Slum lebe, habe keine Reserven, sagt Julius Mwelu mit Nachdruck. Die Regierung nehme den Menschen der Armenviertel Coronabedingt jede Lebensgrundlage, ohne sie in der Wirtschaftskrise zu unterstützen. Erst jetzt, nach Wochen, dürften einzelne Marktstände wieder öffnen.

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Julius Mwelu lebt in einem Slum von Nairobi und dokumentiert das Leben in Zeiten von Corona.

Mwelu fotografiert und filmt schon seit Jahren den Alltag in seinem Slum. Dabei kommt er hier so nah an die Armut wie wohl kaum ein anderer Videoreporter. Er ist selbst im Armenviertel Mathare geboren und aufgewachsen, einer von ihnen. Dabei könnte sich der Videoreporter längst eine Wohnung in besseren Stadtteilen Nairobis leisten: Mwelu arbeitet für internationale NGO's, unter anderem die Vereinten Nationen. Aber er will dort bleiben, wo er herkommt. Das Geld, das er in gut bezahlten Jobs verdient, steckt er in seine Stiftung, die "Mwelu Foundation", mit der er Jugendliche fördert und sie an der Kamera ausbildet.

"Bilder sind für mich der einzige Weg zu protestieren"

2008 begegnete ZAPP dem Videoreporter zum ersten Mal. Während der Aufstände in den Armenvierteln von Nairobi hatte er Bilder ins Netz gestellt, die sonst niemand hätte drehen können, ohne sich in äußerste Gefahr zu begeben. Mwelu aber konnte sich zwischen den brennenden Barrikaden bewegen. "Ich war einer der Demonstranten gegen die korrupte, kenianische Regierung", erzählte er damals. "Aber ich habe auf andere Weise demonstriert: Ich habe gefilmt und fotografiert. Bilder sind für mich der einzige Weg zu protestieren, weil ich sie mit der ganzen Welt teilen kann."

Kenia - ein Land im Chaos

ZAPP -

Es sind Bilder, die so in keiner Nachrichtensendung zu sehen sind. Julius Mwelu filmt in seinem Slum, begibt sich dabei in Lebensgefahr. Er will der Welt zeigen, was hier wirklich passiert.

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Mit einer Einwegkamera fing er an, bewarb sich damit bei einem Fotofestival in den Niederlanden, wurde eingeladen und legte damit den Grundstein für seine erste professionelle Kamera. Als Mwelu damals die Aufstände dokumentierte, bat ZAPP ihn, sich als Reporter auch selbst zu filmen und das Bildmaterial nach Hamburg zu schicken. Daraus wurde das Porträt eines VJ in Kenia, der immer wieder zwischen die Fronten von Staatsmacht und Aufständischen ging, um die Ereignisse zu dokumentieren.

Mehr als 200 Jugendliche im Programm

Auch andere große Sender kauften Mwelu Filmmaterial ab. Vom Honorar kaufte er Kameras und gründete die "Mwelu Foundation", die seitdem im Armenviertel Mathare Jugendliche zu Fotografen ausbildet. "Ich wollte den Bewohnern etwas zurückgeben, indem ich der nächsten Generation mit der Kamera eine berufliche Chance gebe, sich aus der Armut heraus zu arbeiten", so Mwelu damals. "Wir haben so viele Konflikte mit der Polizei, so viele Menschen werden einfach niedergeschossen, weil sie auf den falschen Weg geraten sind. Ich möchte den jungen Leuten zeigen, dass es auch andere Perspektiven gibt."

Mit fünf Kindern fing die Stiftung ihre Ausbildung zu Fotografinnen und Fotografen an. Heute führt das Team mehr als 200 Jugendliche an die Kamera heran. "Ich möchte, dass alle, die wir hier ausbilden einen Job bekommen und die Armut verlassen können. Einige arbeiten schon für Agenturen und große Sender wie Al Jazeera." Mwelu holt vor allem Mädchen von der Strasse, die sonst nie eine Chance bekommen würden.

Zukunft des Projekts ungewiss

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Ein Corona-Opfer des wird von Männern in Schutzanzügen in Nairobi beerdigt - laut WHO sind bisher nur 185 Menschen an dem Virus verstorben (Stand: 14. Juli 2020).

Wegen des Coronavirus musste der heute 34-Jährige seine Räume schließen. Nur eine kleine Bibliothek darf er offen halten, um in einer Art Schichtsystem weiterzumachen und denen, die gerade ums Überleben kämpfen einen Ort mit Perspektive und ein wenig Essen anzubieten. "In den Familien der Jugendlichen wird derzeit mehr gehungert als sonst."

Er selbst will nicht aufgeben, sagt er in einem Telefonat mit ZAPP. Er wolle den Menschen in seinem Armenviertel weiter helfen, gerade jetzt in der Krise. Doch die Zukunft sei auch für seine Projekte ungewisser denn je: Die Förderer seiner Stiftung in Europa hätten ihre Unterstützung wegen Corona eingestellt. Und viele, die er bisher habe ausbilden können, hätten gerade keine Aussicht auf einen Job.

Was Mwelu aber auf jeden Fall weiter machen will: dort zu fotografieren, wo sonst kaum einer hinsieht - das Leid zu dokumentieren, das es in der offiziellen Statistik Kenias gar nicht gibt.

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 06.02.2008 | 23:00 Uhr