Stand: 03.04.2020 14:00 Uhr

Johns Hopkins: Woher stammen die Corona-Zahlen?

von Jochen Becker, Robin Hollstein und Marvin Milatz

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Die Zahlen der US-Uni werden mehrmals täglich aktualisiert.

Den Satz "Laut Zahlen der Johns-Hopkins-Universität" hören und lesen derzeit während der Coronavirus-Krise Millionen Deutsche im Radio und in der Zeitung oder wenn sie zum Beispiel die 20-Uhr-Ausgabe der Tagesschau verfolgen. Viele Medien zitieren lieber die Coronavirus-Fallzahlen der US-amerikanischen Johns-Hopkins-Universität (JHU) als die der offiziellen deutschen Meldestelle, dem Robert Koch-Institut (RKI) in Berlin.

Der Grund: Die Zahlen der Privat-Uni aus Baltimore liegen höher und scheinen aktueller zu sein. Laut eigener Aussage erneuert die Universität die Daten in ihrem sogenannten Dashboard mehrmals täglich, nahe "Echtzeit". Das RKI hingegen vermeldet neue Zahlen zur Coronavirus-Ausweitung nur einmal am Tag. Aber wie kommt die US-Universität schneller an frisches Zahlen-Material als die deutsche Bundesoberbehörde für Infektionskrankheiten in Berlin?

Deutsche Johns-Hopkins-Zahlen stammen von Tageszeitungen

In einer knappen Beschreibung zum Vorgehen der Universität heißt es lediglich, man stütze sich neben offiziellen Stellen wie der Weltgesundheitsorganisation WHO, dem European Centre for Disease Control und nationalen Meldebehörden auch auf lokale Medienberichte und Informationen via Twitter. Auf welchen Quellen im Detail die Echtzeit-Datenerfassung für derzeit 180 von Corona betroffene Länder und Regionen weltweit beruht, erschließt sich nicht.

Wie eine ZAPP-Recherche zeigt, bediente sich die Universität für ihre Corona-Zahlen zu Deutschland über weite Strecken beim Corona-Monitor der "Berliner Morgenpost". Ein Vergleich der Daten, die Morgenpost und JHU in der Vergangenheit angaben, macht das deutlich. Nach mehrfacher Anfrage bestätigt auch die Johns-Hopkins-Universität gegenüber ZAPP die Quelle. Darin, dass die Daten seit wenigen Tagen abweichen, zeigt sich, dass nun weitere Quellen im Spiel sein müssen.

Zahlen werden ungefragt abgegriffen

Die "Berliner Morgenpost" selbst fand Mitte März per Zufall heraus, dass ihre Zahlen auf der internationalen Bühne standen: "Wann immer wir unsere Daten aktualisiert haben, hatte die Karte der JHU etwa zwei Stunden später exakt dieselben", erklärt Marie-Louise Timcke, Leiterin des Interaktiv-Teams der Funke-Mediengruppe, zu der auch die Berliner Regionalzeitung gehört.

Ein Sprecher der JHU bestätigt gegenüber ZAPP, man habe die Daten der "Berliner Morgenpost" für das JHU-Dashboard genutzt. Das Team der JHU stehe in direktem Kontakt mit "vielen, wenn nicht allen Primärquellen", auf die zugegriffen werde. Auf die "Berliner Morgenpost" trifft das jedoch nicht zu.

Wie Stichproben zeigen, fließen teilweise auch die Daten von Zeit Online und des Berliner "Tagesspiegels" in die Berechnungen der Johns-Hopkins-Universität ein. "Wir haben zufällig Ende letzter Woche bemerkt, dass der aktuelle Wert auf Zeit Online identisch mit dem Eintrag bei der JHU für Deutschland war", erklärt Sascha Venohr, Chef des dortigen Datenjournalismus-Teams gegenüber ZAPP. Eine Benachrichtigung darüber seitens der JHU, habe man jedoch auch bei der "Zeit" nicht erhalten. Beim "Tagesspiegel" wusste man hingegen bis zum Anruf aus der ZAPP-Redaktion nichts davon, dass es ihre Daten wohl bis zur Johns-Hopkins-Universität schaffen. Hier hatte man nur erfahren, dass ein Mittelsmann die Daten abgreift.

Die drei Medienhäuser warten für ihre eigenen Auswertungen nicht erst auf die offiziellen Zahlen des Robert Koch-Instituts, sondern rufen in einem - jeweils leicht unterschiedlichen, aber ähnlich geartetem - zum größten Teil automatisierten Prozess direkt die Zahlen der Gesundheitsämter, Ministerien und Staatskanzleien ab. Diese stehen in der offiziellen Meldekette vor dem Robert Koch-Institut und stellen die Zahlen der laborbestätigten Neuerkrankungen meist schneller zur Verfügung.

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Quellen-Lage ist kompliziert

Wann jedoch die Daten eines welchen Medienhauses in die Auswertung der JHU einfließen und welche weiteren Quellen für Deutschland eine Rolle spielen, ist unklar - und anscheinend auch für die Johns-Hopkins-Universität selbst verworren. Denn die Hochschule sammelt ihre Daten nicht direkt, sondern über Agenturen und private Dienste. Auf ZAPP-Anfrage lässt die Universität wissen, dass ihre Hauptquelle das "Worldometer" sei, ein auf Echtzeitstatistiken spezialisierter Daten-Dienst, der sich für Deutschland nahezu ausschließlich der Daten der "Berliner Morgenpost" bediene.

Die amerikanische Universität scheint demnach noch nicht verstanden zu haben, dass ihre deutsche Hauptquelle gewechselt hat: So zeigen Recherchen im "Internet Archive", dass "Worldometer" zwischen dem 5. und 27. März hauptsächlich die Zahlen der "Berliner Morgenpost" übernahm. Seitdem ist auch Zeit Online Quelle für das internationale Dashboard der US-Universität. Auch Zeit-Online-Journalist Venohr meint, dass die Zahlen seiner Redaktion über "Worldometer" zur JHU in Baltimore gelangen.

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Rund 40 Freiwillige verifizieren regionale Infizierten-Daten

Die Johns-Hopkins-Universität selbst beteuert, sie sei in jeder Hinsicht um Transparenz bemüht. Jeder, der tiefer in die Quellen eindringen wolle, könne das über die im Dashboard gesetzten Links tun, lässt der Sprecher der Universität wissen. Auf dieser Recherche kann man allerdings leicht falsch abbiegen.

Seit dem 28. März gibt das "Worldometer" zusätzlich den "Tagesspiegel" aus Berlin als Quelle an. Auch deren Daten fließen also in das Dashboard der Johns-Hopkins-Universität ein. Bis zum Anruf von ZAPP wusste Hendrik Lehmann, Leiter des Innovation Labs beim "Tagesspiegel", davon noch nichts. Sie hatten nur gesehen, dass Daten-Mittelsmann "Worldometer" in den vergangenen Tagen auch auf ihr Angebot verlinkte. "Dass die Johns-Hopkins-Universität genauso intransparent und übereilt arbeitet, wie irgendwelche zusammengehackten Corona-Seiten im Internet, ist schockierend", sagt Lehmann.

Interessant ist wiederum das, was hinter den "Tagesspiegel"-Daten steckt. Die sammelt das Berliner Medienhaus gemeinsam mit einem Karlsruher Think-Tank namens "Risklayer". Auch mit diesem Unternehmen hat ZAPP gesprochen: "Wir haben eine Quellenliste für alle amtlichen Bekanntmachungen der Landkreise erstellt", sagt Risklayer-CEO James Daniell. "Wir wollen eine präzise Übersicht über die Situationen vor Ort geben, damit in allgemeinen Katastrophen- und Krisensituationen schneller Entscheidungen getroffen werden können."  40 Freiwillige unterstützen Daniell und den "Tagesspiegel" nach eigenen Angaben dabei, die regionalen Daten zu verifizieren.

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Das Coronavirus- Dashboard der JHU ist derzeit weltweit gefragt.

Folgt man den Quellenangaben auf der Seite des Dashboard der Johns-Hopkins-Universität, kämen noch weitere Datenquellen in Betracht, aus denen Zahlen für Deutschland stammen könnten, etwa eine niederländische Agentur names BNO News. Dies verneint allerdings der JHU-Sprecher: "Wir haben keine Daten von BNO verwendet", lässt er wissen.

Probleme im Detail, allgemeines Bild aber stimmig

Was bedeutet das Quellen-Wirrwarr für die Verlässlichkeit der Zahlen? Bislang scheint es der Johns-Hopkins-Universität zu gelingen, größere Fehler, wie etwa Mehrfachzählungen zu vermeiden. Grundlage ihrer Daten sind in allen von ZAPP recherchierten Fällen offizielle Meldestellen und seriöse Erhebungen. Allerdings bleiben Fragen offen: "Fehler für einzelne Länder, die wir zum Beispiel für Liechtenstein bemerkt und händisch nachrecherchiert haben, besserte die Universität trotz Meldung bisher nicht aus", sagt Marie-Louise Timcke von der "Berliner Morgenpost".

Auch geht in dieser Informationskaskade eine wichtige Information verloren: Die drei deutschen Medienhäuer weisen in ihren Statistiken mit einem Asterisk daraufhin, dass es sich bei den Zahlen zu den Genesenen lediglich um Mindestangaben handelt, da eine Heilung der Krankheit selbst nicht meldepflichtig ist. Im JHU-Dashboard muss man diesen Hinweis lange suchen. Er findet sich tief vergraben in den Fußnoten: "Genesene Fälle außerhalb Chinas sind Schätzungen, die auf lokalen Medienberichten basieren, und können signifikant niedriger liegen als der eigentliche Wert." Wer diese Fußnote nicht kennt, macht Schätzungen zur Wahrheit.

Es sind diese Kleinigkeiten und die intransparente Quellenlage, die für Verwirrung sorgen, auch unter Wissenschaftlern. Dirk Brockmann, Professor am Institut für Biologie an der Berliner Humboldt-Universität, berichtet, dass auch im Kreis seiner internationalen Kollegen bereits die Frage diskutiert wurde, wie die US-Universität so schnell an das Zahlenmaterial käme. Auch wenn die Quellenlage unklar sei, meint Brockmann, dass die Zahlen selbst jedoch brauchbar seien.

Das zeigen statistische Berechnungen seines Instituts für das Robert Koch-Institut. "Wir haben uns jüngst die Dynamik über alle Länder im JHU-Dashboard angeschaut und sehen in den meisten Ländern ein leichtes Abflachen der Kurve", sagt Brockmann. Das ist nicht nur ein Zeichen dafür, dass weltweite Isolationsmaßnahmen langsam beginnen, die Verbreitung des Virus auszubremsen, sondern auch, dass die Daten der JHU in sich stimmig sind.

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01.04.2020 | 23:20 Uhr