Sendedatum: 23.05.2012 23:20 Uhr

Bühne: Medien inszenieren Sarrazin

Gefühlt war er weg vom Fenster. Weggespült mit der riesigen Empörungs- und Medienwelle, die sein Bestseller vor zwei Jahren provoziert hatte: Ex-Bundesbanker und Ex-Finanzsenator Thilo Sarrazin. Jetzt ist er wieder da und alle berichten wieder. Auch ZAPP. Über Sarrazins ungeheure Anziehungskraft auf die Medien.

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Riesen-Spannung, Deutschlands Medienelite fiebert auf einer Pressekonferenz dem nächsten Skandal entgegen. Kollektives Warten auf Thilo Sarrazin. Und dann endlich. Er ist wieder da. Und das Tollste: Er hat wieder ein Buch geschrieben. Bereits vorab große Aufregung um ihn und sein Aufregerbuch. Sarrazin? Aufregerbuch? Schon mal gehört? Richtig, 2010 gab es das Ganze schon mal. Mit Vorabdruck im Spiegel: "Sarrazin: ein Volksheld". Mit ganz eigenen Ideen: "Es gilt immer noch, dass die Menschen, dass alle menschlichen Eigenschaften eine Erbkomponente haben, darunter auch die Intelligenz", so äußerte sich Thilo Sarrazin in der Sendung "Hart aber fair" (ARD, 01.09.2010).

Genau. Und je schlauer, desto leichter durchschaut man, wie es läuft in den Medien, oder?

"Bekannter Autor schreibt Beststeller, der Verlag hat einen großen Vorschuss dafür gezahlt, der Vorschuss muss wieder rein, die Auflage muss hoch. Man macht einen Vorabdeal mit einem Magazin. Man macht einen Vorabdeal mit einer Talkshow. Und dann sucht man sich im Buch wirklich die drei brisantesten Passagen und versucht über die, diesen Medienhype zu erzeugen", erklärt Christian Rickens, Leiter der Wirtschaft von "Spiegel Online".

Es geht nicht um den Inhalt, sondern den Autoren

Bei dem Deal ging es nicht ums Geld, sondern darum, wer den Buchautoren zuerst bekommt. Was jetzt in dem Buch drinsteht - viele Journalisten wissen es eh nicht. Wichtig ist nur, dass er ein Buch geschrieben hat. Und dass er es in angemessenem Rahmen präsentiert. Und dass alle drüber reden. Und drüber reden, ob man drüber reden darf - in einer Talkshow. "Mit Sarrazin sollte sich niemand mehr in eine Talkshow setzen" (Bild am Sonntag, 20.05.2012).

Verena Schmitt-Roschmann, Leiterin Politik des "Freitag": "Die Unterstellung bei Sarrazin ist ja immer, die wollen mich totschweigen, die bösen linken Medien, weil ich irgendwie nicht ins Schema passe. De facto macht das natürlich keiner."

Denn ein paar mutige Medienvertreter finden sich dann doch. Wie zum Beispiel der Moderator Günther Jauch: "Wir wussten natürlich von Anfang an, dass es da um einen zugegeben umstrittenen Autoren mit umstrittenen Thesen handelt, aber dass man das streitbar in der Öffentlichkeit diskutiert, das gehört für mich zum öffentlich-rechtlichen Auftrag dazu."

Jaja. Der öffentlich-rechtliche Auftrag. Die Medienmaschinerie läuft längst. Das Werk noch gar nicht auf dem Markt, der Stern titelt trotzdem schon, wenn auch ohne Inhalt aus dem Buch, über Sarrazins Masche "Europa braucht den Euro nicht" (Der Stern, 16.05.2012). Vor allem aber: vor dem Focus. Der sichert sich den Vorabdruck. Und wirbt auf seiner Homepage stolz mit einem Making-of der super-exklusiven Titelstory "Sarrazin rechnet mit dem Euro ab" (Der Focus, 21.05.2012).

"Wir sind hier beim Fotoshooting mit Thilo Sarrazin. Er hat ein neues Buch geschrieben 'Europa braucht den Euro nicht'", so der Focus-Redakteur im Video, "das Buch wird mit Sicherheit angesichts der aktuellen Lage viele Diskussionen auslösen."

Was steht denn eigentlich drin im Skandalbuch? Wo Sarrazin draufsteht, ist Aufregung drin. Dachten jedenfalls alle. Na mal schauen. Ah ja, spannend: "No bail-out-Prinzip", "monetäre Staatsfinanzierung" und dazu Tabellen über Renditen der Staatsanleihen mit 10jähriger Restlaufzeit.

"Es ist ein sehr dicker Wälzer über ein sehr sperriges Thema und bei Weitem nicht der erste Wälzer dieser Art über den Euro. Warum werden nicht alle Euro-Autoren zu Günther Jauch eingeladen?", fragt sich Verena Schmitt-Roschmann.

Mit einem kleinen Skandal wird auch ein Wirtschaftsbuch zum Bestseller

Na, ganz einfach. Weil nicht alle die Tricks kennen, wie man aus einem komplexen Wirtschaftsbuch doch noch zumindest einen kleinen Skandal hinkriegt. Denn da reichen 460 Seiten Geschwurbel alleine nicht aus. Besser, man schreibt noch was über diesen deutschen Reflex "[...] wonach die Buße für Holocaust und Weltkrieg erst getan ist, wenn wir alle unsere Belange, auch unser Geld, in europäische Hände gelegt haben." (Der Focus, 21.05.2012).

"Eine in der Tat natürlich extrem zugespitzte und auch extrem fragwürdige These", meint Christian Rickens, "Aber es war sicherlich kein Zufall, dass diese These dann in den Medien kursierte."

Ein Holocaust-Vergleich. Na klar. Wie einfallsreich. Aber immerhin empörend. Große Aufregung und viel Gerede über einen dicken analytischen Wälzer.

So fragt Günther Jauch Peer Steinbrück in seiner Sendung: "Könnten zumindest seine Thesen gefährlich werden?" "Nein, er ist kein gefährlicher Mann. Um Himmels willen", antwortet der SPD-Politiker, "Und ich bin auch gegen jede Dämonisierung. [...] Ich bin auch dagegen, dass diese Empörungswellen sein Buch weiter aufwerten." "Das ist jetzt zu spät.", entgegnet Jauch (ARD, "Günther Jauch",  20.05.2012).

Tja, so ein Ärger. Da kann man wohl nichts machen. Denn auch fürs nächste Mal gilt: Vor Sarrazin gibt es kein Entkommen.

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 23.05.2012 | 23:20 Uhr

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