Stand: 17.04.2020 15:33 Uhr

Brasilien: Virus ignorieren, Medien bekämpfen

von Tim Kukral

"Aufgepasst, brasilianisches Volk!", ruft der Präsident in die Handykamera eines Mitarbeiters und zeigt auf die hinter einer Absperrung eingepferchten Reporter und Kameraleute: "Diese Leute sagen, ich liege falsch und ihr müsstet alle zu Hause bleiben." Und an die Journalisten gerichtet: "Jetzt frage ich: Was macht ihr dann hier? Habt ihr etwa keine Angst vor dem Coronavirus?" Ein Coup für Jair Bolsonaro: Sein Sohn Flavio wird das Video kurz darauf auf Twitter teilen.

VIDEO: Brasilien: Virus ignorieren, Medien bekämpfen (6 Min)

Seit Wochen liefern sich Brasiliens Präsident und viele große Medien des Landes ein erstaunliches Duell. Die Medien kritisieren Bolsonaros Umgang mit dem Coronavirus. Der bezichtigt wiederum die Medien der Heuchelei und der Panikmache.

Twitter löscht Bolsonaro-Tweets

Jair Bolsonaro am Mikrofon. © dpa picture alliance Foto: Cris Foga
Agitiert gegen Journalisten: Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro.

In einer Fernsehansprache hatte Bolsonaro erklärt, das Virus sei - zumindest für einen ehemaligen Athleten wie ihn - nichts weiter als eine leichte Erkältung, ein "Schnüpfchen". Man solle sich also keine Sorgen machen, sondern sein Leben so weiterführen wie bisher. "Brasilien darf nicht stehenbleiben" lautete das Motto eines Videos, das Regierungsmitglieder kurz darauf über Social Media lancierten - ehe ein Gericht die Kampagne stoppte, wegen Desinformation. Und Twitter löschte sogar zwei Tweets von Bolsonaro: Sie hätten gegen die Regeln des Mikrobloggingdienstes verstoßen, wegen irreführender Inhalte zum Coronavirus.

Nach einer USA-Reise, bei der Bolsonaro auch US-Präsident Trump traf, wurden 20 Mitglieder der brasilianischen Delegation positiv auf das Coronavirus getestet. Bolsonaro selbst behauptet, sein Test sei negativ ausgefallen. Bis heute umarmt Bolsonaro seine Anhänger und schüttelt ihre Hände - auch das kritisieren viele Medien. Offenbar ganz bewusst zeigt sich Bolsonaro in Bäckereien, Drogerien, Wohngebäuden. Die dabei entstehenden Videos teilt er dann selber über Facebook. Den ebenfalls heraneilenden Kameraleuten und Reportern wirft er Heuchelei vor: Sie würden sich ja selbst nicht an die Abstandsregeln halten.

TV-Sender als Intimfeind

Zu seinem Lieblingsfeind hat Bolsonaro den TV-Sender Globo auserkoren. Die Globo-Gruppe ist im Besitz einer konservativen Familie und galt in der Vergangenheit eher bei linken Brasilianern als Feindbild - auch wegen ihrer Kampagnen gegen die Arbeiterpartei PT. Doch angesichts der Ausfälle des rechtsextremen Bolsonaro wirkt das Medienimperium plötzlich wie ein Sturmgeschütz der brasilianischen Demokratie. Immer wieder kritisieren die prominenten Globo-Moderatoren das Verhalten des Präsidenten.

Ein Banner mit der brasilianischen Flagge, dahinter eine Frau und viele Anhänger Bolsonaros. © dpa picture alliance Foto: Cris Foga
Aufgehetzte Anhänger Bolsonaros gehen mittlerweile auf Journalisten los.

Entsprechend verhasst ist Globo nun bei den teils fanatischen Anhängern Bolsonaros. Im Netz brüsten sie sich mit Videos, in denen sie Globo-Reporter auf der Straße beschimpfen. In den vergangenen Wochen gab es mehrere Demonstrationen gegen Globo - aller Corona-Gefahren zum Trotz.

Gouverneure gegen Bolsonaro

Mit seiner Verharmlosung des Coronavirus' hat Bolsonaro nicht nur Medien wie Globo, sondern auch Politiker aller Parteien gegen sich aufgebracht. Die konservativen Gouverneure von Rio de Janeiro, Sao Paulo und anderen Bundesstaaten haben gegen Bolsonaros Willen weitgehende Ausgangsbeschränkungen verhängt. Sogar in Bolsonaros eigener Regierung regt sich Widerstand: Der Gesundheitsminister nimmt das Virus ernst, pocht auf Isolierungsmaßnahmen. Bolsonaro wollte ihn daraufhin entlassen. Doch seine regierungsinternen Gegner haben sich durchgesetzt: Der Gesundheitsminister bleibt.*

Bolsonaro selbst kann sich nur zu Lippenbekenntnissen durchringen - spricht zwischenzeitlich einmal von der "größten Herausforderung unserer Generation". Doch mit Isolierungsmaßnahmen möchte er offenbar nicht in Verbindung gebracht werden. Die Verantwortung dafür sollen lieber andere Politiker tragen - und die Medien.


17.04.2020 07:32 Uhr

* Hinweis der Redaktion: Einen Tag nach Ausstrahlung unserer Sendung hat Bolsonaro den Gesundheitsminister Luiz Henrique Mandetta doch noch entlassen. Mandetta hatte zuvor ausgerechnet Globo ein Interview gegeben und dadurch seinen Konflikt mit dem Präsidenten erneut angefacht. Daraufhin rückten Mandettas Unterstützer in der Regierung von ihm ab und Bolsonaro hatte freie Hand.

 

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Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 15.04.2020 | 23:20 Uhr