Stand: 20.02.2018 18:15 Uhr

"Abendblatt": Mitarbeiter-Demo in Hamburg

von Jon Mendrala
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"Erst kommt Essen, dann die Moral“, steht auf den Plakaten der Demonstranten in Hamburg. Damit meinen sie die Unternehmenszentrale des Verlags im Ruhrgebiet.

In der Hamburger Innenstadt haben rund 150 Mitarbeiter des "Abendblatts" gegen den Plan der Funke Mediengruppe demonstriert, die Betriebsvereinbarung im Sommer auslaufen zu lassen. Diese schützt die Mitarbeiter im Fall von Entlassungen, Umstrukturierungen oder Standortwechseln. Unterstützung bekamen sie von den Kollegen der Konkurrenz, die sich solidarisch zeigten - denn bei Gruner+Jahr sowie der "Hamburger Morgenpost" wurde bereits radikal eingespart.

 

Funke gilt in der Branche als nicht sonderlich kompromissbereit

Bereits in Nordrhein-Westfalen und Thüringen, wo die Funke Mediengruppe auch tätig ist, sind mehrere Redaktionen zusammengelegt und Lokalteile eingestampft worden. "Es wird dauernd über sinkende Erlöse gejammert. Und dann ist der Vertrieb von der Ausgliederung bedroht. Die Unternehmensleitung weigert sich, Zusagen zu machen", sagt "Abendblatt"-Betriebsrat Axel Ritscher. "So könnte einer Abteilung geschlossen gekündigt werden, beziehungsweise es wird nur den Kollegen ein neuer Vertrag angeboten, die gehalten werden sollen", führt Ritscher aus.

Übernahme-Auflage "Rationalisierungs-Schutzabkommen" soll weg

920 Millionen Euro hat die Funke Mediengruppe an die Axel Springer AG für die Übernahme des "Hamburger Abendblatts" und weitere Printtitel (u.a. "Bergedorfer Zeitung", "Berliner Morgenpost", "Hörzu", "Bild der Frau, "Frau von heute") gezahlt. Kuriose Randnotiz: Springer finanzierte den Deal aus 2013 mit einem Darlehen an die Konkurrenz, was die links-alternative "taz" zur Schlagzeile "Springer enteignet sich selbst" inspirierte. Das Bundeskartellamt gab damals grünes Licht zu dem Geschäft und winkte auch die Pläne durch, neue Tochtergesellschaften für Vertrieb und Vermarktung zu gründen.

Aber: Ein Teil der gesetzlichen Auflagen zur Übernahme war ein so genanntes "Rationalisierungs-Schutzabkommen". Eine arbeitsrechtliche, verbindliche Übereinkunft. Eine Betriebsvereinbarung, die im Fall von Entlassungen, Umstrukturierungen oder Standortwechseln gewisse Sicherheiten für die Beschäftigten enthält. Dazu unter anderem Qualifizierungsmaßnahmen, Umzugszuschüsse sowie Regelungen zur Altersteilzeit oder Abfindungen. Die Funke Mediengruppe will diese Übereinkunft nun nicht mehr verlängern.

Gewerkenschaften haben zur Demo aufgerufen

Grund genug für die Belegschaft, sich erstmals öffentlich Luft zu machen: 150 Funke-Mitarbeiter folgten dem Aufruf vom Betriebsrat und den Gewerkschaften (DJU von ver.di und dem DJV).

Endter: "Funke hält sich bewusst nicht an Tarife"

"Die Funke Mediengruppe ist ein Unternehmen, das sich bewusst nicht an Tarife hält. Funke hat alles komplett 'enttarifiert' - auch die Unternehmensanteile, die von Springer rübergekommen waren, sind gesellschaftsrechtlich alle ohne Tarifbindung. Das zeigt, in welche Richtung es bei Funke geht", sagt Hamburgs DJV-Geschäftsführer Stefan Endter. Die Hauptredaktion des "Hamburger Abendblatts" ist von Ende 2014 bis Anfang 2018 von 193 Redaktionsmitgliedern auf 120 zusammengestrichen worden, rechnen Betriebsrat und Gewerkschaft vor. Sie sorgen sich, dass der Personalabbau weiter geht.

Problem: Die Print-Auflage sinkt

Die Wochentagsauflage lag 2015 bei 209.000 gedruckten Exemplaren, die zuletzt gemessenen bzw. publizierte Zahl zwischen liegt nur noch 191.000. Mittlerweile lässt Funke die Auflage des "Abendblatts" nicht mehr offiziell erfassen. Springer trennte sich 2013 offensichtlich zur rechten Zeit vom Printgeschäft und schlachtete die Kuh, als sie noch fett war. Die Marschroute seitdem bei Springer: "digital first". Im harten Kampf der Verlagshäuser gegen schwindende Umsätze und Anzeigenerlöse ist dort kein Platz für Print-Nostalgie.

Verlag dementiert Umzugspläne oder Stellenabbau

In einem Flugblatt klagen Betriebsrat und Gewerkschaft: Große Teile des "Abendblatts" seien bereits in neue Firmen überführt und dabei "verschlankt" worden. Die nächste Ausgliederung werde geplant: Jetzt solle auch noch der Vertrieb in eine GmbH geschoben werden. Der Verlag dementiert: "Offenbar werden hier bewusst Gerüchte gestreut", sagt Funke-Pressesprecher Tobias Korenke auf Anfrage von ZAPP. Und weiter: "Deshalb ganz unmissverständlich: Es gibt keinerlei Pläne für eine Verlagerung der 'Bild der Frau'. Ein Stellenabbau beim 'Hamburger Abendblatt' ist nicht geplant."

Gewerkschaft beklagt Sparmaßnahmen auf Kosten der Mitarbeiter

Für ver.di und den DJV ist das keine Entwarnung, denn Funke ist bereits aus der Tarifbindung ausgestiegen. Somit fielen Gehaltserhöhungen praktisch weg, klagen die Arbeitnehmervertreter. Nach Studium und Volontariat verdienten zum Beispiel Jungredakteure beim "Abendblatt" nur mehr 34.000 Euro - deutlich unter Tarif. Der Vorwurf des Betriebsrates: Funke spare so fast 10.000 Euro pro Jahr.

Nun würde die Funke-Verlagsleitung nicht einmal mehr verhandeln, empört sich ver.di-Mann Martin Dieckmann. "Die Frage ist: Wird sich die Situation so zuspitzen, dass wir in direkte Aktionen übergehen? Noch wollen wir Funke die Gelegenheit geben - bevor es eskaliert - mit Betriebsrat und Gewerkschaften zu sprechen."

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 21.02.2018 | 23:20 Uhr