Weltbilder

Dienstag, 29. September 2020, 23:30 bis 00:00 Uhr
Donnerstag, 01. Oktober 2020, 01:35 bis 02:05 Uhr

Brasilien: Vom Drogenboss zum Pastor

Wenn Demétrio Martins festgeschnallt in seinem Rollstuhl vor den Gläubigen predigt, ahnt man, welche imposante Gestalt er war - damals, als Boss einer gewalttätigen Drogengang in Rio de Janeiro. Doch dieses Leben ist vorbei, seit Demétrio bei einer wilden Schießerei von Polizeikugeln getroffen wurde und querschnittsgelähmt ist. Seine Drogengang musste er verlassen - und wendete sich dem Glauben zu. Evangelikale Freikirchen nahmen ihn auf. Drogen, Alkohol und allen Lastern musste er abschwören. Er las in der Bibel und wurde selbst ein Prediger. Nun ist er in seinem Rollstuhl unterwegs in den gefährlichsten Armenvierteln rund um Rio. Als umherziehender Missionar versucht er, Gangmitglieder zum Glauben zu bekehren. Er selbst spricht dabei von einem "Krieg um die Seelen der Dealer." Seine eigene Vergangenheit verleiht ihm Glaubwürdigkeit. Demétrios Lebenswandel steht beispielhaft für viele Brasilianer, die in freikirchlich-charismatischen Gemeinden einen radikalen Lebenswandel vollziehen. Die Zahl der Evangelikalen steigt rasant an und in wenigen Jahren könnten sie die Katholiken als größte Glaubensgemeinschaft ablösen.
Autor: Matthias Ebert

USA:  Junge Erstwähler zwischen Biden und Trump

Adela Diaz und ihre Freundin Alexa sind längst registriert: Zum ersten Mal dürfen sie an der Präsidentschaftswahl teilnehmen. Die beiden Studentinnen aus Tuscon in Arizona sind 19 Jahre alt und wollen für den Demokraten Joe Biden stimmen. Das liegt vor allem daran, dass sie sich einen Wandel im Gesundheitssystem wünschen. Sie wollen, dass es gerechter wird in den USA, fairer, auch was die gesundheitliche Versorgung angeht.
Cameron Decker ist ein junger Republikaner aus Phoenix in Arizona und unterstützt die Gruppe "Students for Trump". Trump sei nicht seine erste Wahl, erzählt er ARD-Korrespondentin Claudia Buckenmaier. Unter Studenten gäbe es deutlich mehr Konservative, als man vielleicht denke, und sie ständen auch für ihre Werte. 15 Millionen junge Amerikaner sind seit den letzten Wahlen 18 Jahre geworden und damit wahlberechtigt. Studien sprechen von einer hohen Bereitschaft dieser Generation, zur Wahl zu gehen. Durch die Corona-Pandemie rückten nun Themen in den Vordergrund, die sonst bei Jüngeren keine so große Rolle spielen, so zum Beispiel Wirtschaft und Gesundheit.
Autorin: Claudia Buckenmaier

Frankreich: Corona-Hotspot Marseille

Der Unmut in Marseille ist groß: Ab dem Wochenende müssen Restaurants, Cafés und Kneipen geschlossen bleiben. In der Großstadt am Mittelmeer steigen die Corona-Infektionen rasanter als im Rest des Landes. Im Frühjahr kam Marseille glimpflich davon, aber die strengen Ausgangssperren stecken den Menschen noch in den Knochen. Auch wenn dann ein völlig unbeschränkter Sommer folgte, mit deutlich mehr Touristen als in den Vorjahren. "Wieso konnten die Touristen im Urlaub hier einfach feiern und jetzt müssen wir Marseiller dafür bezahlen?", ärgert sich eine Studentin. ARD-Korrespondentin Friederike Hofmann spricht mit Ärzten und Pflegepersonal. "Wir haben die Zeit nicht richtig zur Vorbereitung auf den Herbst genutzt", lautet deren Fazit. Und nach dem ersten Lockdown scheint es nun schwierig, die Beschränkungen der zweithöchsten Corona-Warnstufe umzusetzen.
Autorin: Friederike Hofmann

Griechenland: Das Dorf der 100-Jährigen auf Ikaria

Die Insel Ikaria zählt so viele alte Menschen wie kaum ein Ort auf der Welt - 100 Jahre alt zu werden ist hier keine Besonderheit. Jeder Dritte auf der Insel wird älter als 90 Jahre, viele Forscher haben versucht, dem langen Leben auf Ikaria nachzugehen - ohne Erfolg. Dimitrios Chrousi ist einer der ganz Alten, er ist 101 Jahre alt. Er kennt die Insel noch aus Zeiten, als es keine Straßen gab, aber dafür viel Armut. "Ich esse gesund, viel Fisch, Gemüse, am liebsten Erbsen", erzählt er. Zum Arzt geht er bis heute nur für Routine-Untersuchungen. Auch der Inselarzt fragt sich häufig, warum so viele seiner Patienten so alt werden. Er tippt, es sind die Gene, aber eben auch der Lebensstil: Frisches Gemüse, wenig Stress und regelmäßiger Sex, das sei sehr gesund.
Autor: Gunnar Köhne

China: Partei-Propaganda in sozialen Netzwerken

Wir nennen sie Zhao Yi. Ihren echten Namen sollen wir nicht sagen. Die Bloggerin fürchtet Repressionen durch Chinas Behörden, denn seit der Corona-Krise haben Zensur und Überwachung weiter zugenommen. Wer Kritik an der Regierung übt, muss sogar Inhaftierung fürchten. Dafür reicht schon ein Social-Media-Kommentar. "Die Behörden lassen keine anderen Stimmen zu. Einige meiner Freunde und ich werden so zu Randfiguren. Für die Öffentlichkeit gelten wir dann als Menschen, die Hass verbreiten - Hater - die das eigene Land hassen." Gerade wurde ein scharfer Kritiker des chinesischen Präsidenten zu 18 Jahren Haft verurteilt: Der 69-jährige Unternehmer Ren Zhiqiang war schon vorher als jemand bekannt, der mit seiner Kritik nicht hinter dem Berg hielt. Im sozialen Netzwerk Weibo hatte Ren zwischenzeitlich mehr als 30 Millionen Follower, auch weil er dort frei seine kritischen Kommentare postete. Noch vor wenigen Jahren war Weibo eine Plattform, auf der offen über politische Themen gestritten werden konnte. Das ist heute kaum noch möglich. Dagegen werden chinesische Patrioten von der Kommunistischen Partei gefördert und gezielt in den Netzwerken gefördert.
Autor: Daniel Satra

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