Stand: 15.04.2020 10:56 Uhr

Senden aus dem Homestudio

von Claudia Sarre, ARD-Hörfunkkorrespondentin Washington

Claudia Sarre berichtet für die ARD-Radios als Korrespondentin aus Washington - seit mehr als einem Monat weitgehend isoliert und von zu Hause aus. Ohne persönlichen Kontakt sei es zunehmend schwierig und unbefriedigend, sagt sie.

Washington im Ausnahmezustand

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Der Platz vor dem Washington Monument ist menschenleer.

Erstmal vorab: Mir geht es gut. Im ARD-Studio Washington sind alle gesund. Die Stadt Washington befindet sich im Ausnahmezustand, aber die Zustände sind nicht zu vergleichen mit New York oder New Orleans. Wie schlimm es an anderen Orten der USA ist, merke ich daran, wie viele besorgte E-Mails und WhatsApps ich tagtäglich bekomme. Mit Fragen wie: Wie geht’s euch? Wie ist die Situation in Amerika? Sind die Zustände so schlimm wie man hört?

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Washington ist nicht New York

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Durch die geltende "Stay-at-Home"-Order dürfen die Menschen nur zum Einkaufen oder Sporttreiben nach draußen.

In New York werden täglich Hunderte Menschen beerdigt. In vielen Krankenhäusern in Detroit oder New Orleans herrschen katastrophale Zustände. So stark hat das Coronavirus Washington noch nicht getroffen. Aber seit rund zwei Wochen gibt es eine "Stay-at-Home"-Order, das heißt, man darf nur noch zum Einkaufen und zum Sporttreiben nach draußen. Einkaufen gestaltet sich schwierig: Vor den Supermärkten sind lange Schlangen. Seit ein paar Tagen muss man eine Maske tragen. Viele Geschäfte sind mit Brettern verbarrikadiert. Wann uns der Höhepunkt der Coronavirus Pandemie treffen wird, weiß niemand.

Alle im Team im Homeoffice

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Claudia Sarre produziert und sendet ihre Radio-Beiträge aus dem heimischen Hörfunkstudio.

Meine Kollegen und Kolleginnen habe ich seit gut vier Wochen nicht mehr gesehen. Alle sechs Hörfunkkorrespondenten - auch unsere Radioproducer und unser Techniker - arbeiten und senden von zu Hause. Das ist für uns Radiokorrespondenten keine allzu große Einschränkung, weil wir wegen der Zeitverschiebung ohnehin ein kleines Hörfunkstudio zu Hause haben. Jeden Morgen um halb acht besprechen wir in einer Telefonkonferenz die Themen des Tages, um 13 Uhr ist Skype-Schalte, damit wir uns zumindest mal sehen. Heute hatte unser Techniker Simon Janssen seinen 30. Geburtstag und wir haben ihm über Skype ein ziemlich schräges "Happy Birthday" gesungen.

Ohne direkten Kontakt über Land und Leute berichten

Glücklicherweise ist die Berichterstattung über die Situation im Land noch möglich, allerdings sehr eingeschränkt, denn persönliche Interviews zu führen, ist derzeit schwierig. Alle Reportage-Reisen sind abgesagt. Das macht es schwierig nachzuvollziehen, wie es der Bevölkerung hier wirklich geht. Aber wir versuchen, das Beste daraus zu machen und führen Interviews über Skype oder per Telefon. Trotzdem wird es zunehmend unbefriedigender über ein Land zu berichten, wenn man mit den Menschen nicht in Kontakt kommen kann.

Trumps Einreisestopp auch für die Korrespondenten

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Trotz strenger Ausgangsregeln: Ein bisschen Osterstimmung musste sein.

Belastend ist es manchmal, so weit weg zu sein von zu Hause: die Sorge um meine alten Eltern in Deutschland, Sehnsucht nach vertrauten Freunden in Hamburg. Selbst wenn ich wollte, könnte ich nicht einfach ins Flugzeug nach Deutschland steigen, weil ich wegen Trumps Einreisestopp für Europäer nicht wieder zurück in die USA reisen dürfte. Einige aus unserem Team sind seit Wochen mutterseelenallein zu Hause. Für mich persönlich ist die Isolation in unserem Reihenhaus in Washington erträglicher, da mein Partner mit mir ausharrt. Außerdem fühlen wir uns nicht unmittelbar von der Ansteckung durch das Virus bedroht.

Versuchen, den Frühling zu genießen

Die deutsche Botschaft hat angekündigt, dass Auslandsdeutsche ausgeflogen werden, sollte sich die Situation in den USA wesentlich verschlimmern. Bei Notfallplänen wie diesen kommt man ins Grübeln. Wie schlimm könnte es werden? Versorgungsengpässe? Plünderungen? Der totale Zusammenbruch des Gesundheitssystems? Und dazu eine Regierung, der man nicht vertraut? Von solchen Horrorszenarien sind wir zum Glück sehr weit entfernt. In der Zwischenzeit versuchen wir, die warmen Frühlingstage in der US-Hauptstadt zu genießen - so gut es in diesen Zeiten eben geht.

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