Stand: 28.04.2020 12:56 Uhr

Zwischen Homeoffice und Homeschooling

von Sandra Ratzow, ARD-Korrespondentin Singapur

Singapur galt lange als Musterbeispiel im Umgang mit dem Coronavirus und dessen Eindämmung. Grenzen schließen, Infektionsketten konsequent nachverfolgen, Corona-Verdachtsfälle in Isolation schicken - so sahen die Maßnahmen in den vergangenen Wochen aus. Doch nun sind auch dort die Infektionszahlen stark gestiegen. Sandra Ratzow leitet das ARD-Studio in Singapur. Hier erzählt sie von ihrem Alltag zwischen Berichterstattung und Betreuung ihrer Kinder.

Schulaufgaben und Lageplanung

Der Tag beginnt mit "The Hunger Games" und Mr. Davies. Um 8 Uhr klappt der Siebtklässler sein Laptop auf. Englischunterricht als Videokonferenz. Eine Stunde später legt der Viertklässler mit dem Dichten in Kreuzreimen los und die Erstklässlerin löst Minusaufgaben in ihrer Mathe-App. Ich nehme in der Zeit Kontakt mit Franziska Richter oder Christoph Schwanitz, unseren Producern und unserer Cutterin Wiebke Hansen auf: Welche Interviewzusagen haben wir? Welches Agenturmaterial über unser weitläufiges Berichtsgebiet (13 Länder) ist eingelaufen? Woraus lässt sich ein Webvideo produzieren? Ab wann kann unsere Stringerin (Anmerk. d. Red.: freiberufliche Mitarbeiterin) in Neuseeland mit einem freien Team Material zuliefern? Und wie landet das auf unserem Server?

Zwischen Vertonung und Hypothenuse-Berechnung

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Tonstudio à la Homeoffice: Kuscheltiere sind die perfekten Geräuschdämmer bei Sprachaufnahmen zu Hause.

Mitte März ging es für uns von einer Dienstreise nach Neuseeland direkt ins Homeoffice und ab dem 7. April in den Lockdown. Zum Glück waren wir vorbereitet: Unsere Cutterin kann mit ihrem Schnitt-Laptop auch von zu Hause aus schneiden. Zugriff auf das Agenturmaterial haben wir beide. Und so entstehen die Beiträge dann eben zwar räumlich getrennt, aber trotzdem zusammen. Ich schließe mein Mikrofon einfach ans I-Phone an und vertone meine Texte über die Sprachmemo-App und das in der Regel im Kinderzimmer mit Kuscheltieren als Dämmstoffe. Zum Glück gibt es die sechs Stunden Zeitverschiebung. Wenn es in Deutschland noch Nacht ist, kann ich nebenbei unseren Kindern noch bei Problemen mit dem Präteritum oder französischen Objektpronomen helfen. Mein Mann übernimmt dafür die Fragen zu thermischer Leitfähigkeit und Hypothenuse-Berechnungen.

Nur ein Teammitglied im Studio

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Das Team in Singapur ist bestens mit Mundschutzmasken ausgerüstet. Handmade versteht sich!

Dann steht das erste Skype-Interview des Tages an: mit einem Wissenschaftler am Great Barrier Reef in Australien. Unser Studio-Techniker Dominik Müller ist auch von zu Hause dazu geschaltet und kümmert sich um die Aufzeichnung von Video und Ton. Unser Kameramann Wolfgang Schick fährt in der Zeit mit unserem Fahrer Amir Bin Abdullah in die Innenstadt, um Aufnahmen von Singapur im Lockdown zu drehen. Mit Masken natürlich. Schon bevor es in unserem Stadtstaat die Maskenpflicht gab, hatte unsere Cutterin für alle in unserem Radio- und TV-Team jeweils drei Masken genäht. Die Radio-Korrespondenten Lena Bodewein und Holger Senzel hatten ohnehin immer schon auch ein Homeoffice. Doch auch unsere Büro-Assistentin Sandra Agustin und unsere Buchhalterin Molly Hong managen inzwischen die Verwaltung fast nur noch von zu Hause. Als Regel gilt: möglichst viel Abstand. Nur jeweils eine oder einer von uns geht pro Tag ins Studio.

Reiseziel: Nur noch Singapur

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Nicht allein zu Haus, sondern (fast) allein in der U-Bahn. Reisen sind für Sandra Ratzow und ihr Team außerhalb Singapurs derzeit nicht möglich.

Bisher waren wir ein Reisestudio, mindestens zweimal im Monat auf Achse zwischen Hanoi, Bangkok und Sydney. Im Moment sitzen wir im Stadtstaat fest. Nur noch Singapurer haben das Recht, aus- und wieder einzureisen. Auf unabsehbare Zeit werden wir also aus Singapur nicht raus- und Vertretungen aus Hamburg nicht nach Singapur reinkommen. Trotzdem haben wir es über Ostern geschafft, freie Tage und Resturlaub einzuschieben, weil alle so flexibel sind und sich gegenseitig vertreten: Wenn Cutterin Wiebke frei hat, springt Techniker Dominik mit seinem Schnitt-Laptop von zu Hause ein und unser Kameramann übernimmt Skype-Aufzeichnungen etc.

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Zweckentfremdung: Auf dem Balkon wird nicht nur entspannt, sondern auch gearbeitet.

Wenn das Homeschooling kurz vor 15 Uhr endet, fange ich an, mit den Redaktionen in Deutschland zu telefonieren, zu texten oder nutze die Regenpause, um auf dem Balkon schnell einen Aufsager für Phoenix aufzuzeichnen. Mein Mann hat parallel eine Videokonferenz mit Kollegen in Hamburg, Dubai und Hongkong. Bleibt nur Daumendrücken, dass die drei Kinder möglichst lange keinen Friedensrichter brauchen!

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