Stand: 08.05.2020 12:51 Uhr

Homeoffice auf dem Hausboot

von Annette Dittert, ARD-Korrespondentin London
Bild vergrößern
Auch ARD-Korrespondentin Annette Dittert arbeitet regelmäßig im Homeoffice - auf ihrem Hausboot.

Seit sechs Wochen arbeiten wir jetzt im Studio London im "Corona-Modus" - das heißt bei uns, zwei Kern-Teams wechseln jede Woche vom Homeoffice ins Studio und wieder zurück. Das ist sicherer so für alle und das ist nötig in London, denn Großbritannien ist auf dem besten Wege, Italien zu "überholen" und damit das am härtesten getroffene Land in Europa zu werden.

Lage im Land bedrückend

Viel zu spät hat Boris Johnson hier den Lockdown verordnet, das Virus solange nicht ernst genommen, bis es ihn selbst erwischt hat. Und auch wenn die Krankenhäuser bislang mit dem Patientenansturm einigermaßen zurechtgekommen sind, die Lage im Land ist bedrückend.

Nichts davon spürt man wirklich, wenn man auf Londons Straßen unterwegs ist. "Keep calm and carry on ...": Das alte Motto der Briten ist allgegenwärtig. "So sorry", hört man noch, bevor das Gegenüber die Straßenseite wechselt. Der Ärger über den verfahrenen Kurs der Regierung hält sich in Grenzen, stattdessen prägt die Stadt eine große Gelassenheit - London hat eben schon ganz andere Dinge erlebt.

Weitere Informationen
Quiz

Quiz: Was wissen Sie über das Vereinigte Königreich?

Mit Themen aus dem Vereinigten Königreich kennen Sie sich aus? Testen Sie Ihr Wissen in unserem Quiz! Mit etwas Glück gewinnen Sie Souvenirs unserer Korrespondentinnen und Korrespondenten. Quiz

Weitermachen - so sicher wie möglich

Bild vergrößern
Arbeitsalltg geht weiter: ARD-Korrespondent Sven Lohmann und Cutter Sebastian Kopp arbeiten im Studio, wenn der andere Teil der Crew im Homeoffice ist.

In diesem Sinne versuchen auch wir, unseren Arbeitsalltag zu leben. Einfach weitermachen, aber so sicher wie möglich. In London ist das nicht immer einfach. Die Tube ist tabu, denn die Linien, die noch fahren, sind nach wie vor morgens oft überfüllt. Für die vielen Leute in unserem Team, die sich ein Leben in der Innenstadt nicht leisten können, ist die günstigste Alternative jetzt das Fahrrad. Und das ist selbst für die, die sich das vorher im tosenden Verkehr noch nie getraut haben, plötzlich möglich. Denn noch nie war Fahrradfahren in London so entspannt.

Die britische Art: Realität ausblenden

Gestern morgen konnte ich sogar quer über den Oxford Circus freihändig fahren. So friedlich und entspannt habe ich die Stadt in den vergangenen zehn Jahren noch nicht erlebt. Auch wenn diese neue Ruhe natürlich ein surreales Gefühl bleibt, denn hinter den Glasfenstern der Krankenhäusern spielen sich dramatische Szenen ab. Die Realität ist eine andere und das weiß auch jeder, aber man blendet es aus, auf die britische Art.

Hausboot ist jetzt auch Homeoffice

Bild vergrößern
Kann nicht nur im Studio schneiden: Cutter Martin Langhof in der Küche des Hausboots von Annette Dittert.

Homeoffice heißt für mich und das Kernteam, den Cutter Martin Langhof, Techniker Martin Ritter und Kameramann Erik Haasdonk, von meinem Hausboot am Regent’s Canal zu arbeiten. Auf 18 Quadratmetern ist Improvisieren angesagt, mittlerweile habe ich hier aber ein voll funktionierendes Fernsehstudio, mit drei iPhones, die jeweils als Kamera, Tonrückleitung und Telefon dienen.

Bei gutem Wetter schalten wir mit der LiveU vorm Zaun mit Blick auf meine Nachbarboote. Neue Arbeitsweisen, die plötzlich Routine geworden sind. Wir alle sind gespannt, was davon später auch im "new normal" Alltag bleiben wird. 

Keine Exit-Strategie vor Sommer

Anders als in Deutschland wird das aber wohl noch eine ganze Weile dauern. Bei den derzeitigen Zahlen ist Vorsicht geboten und niemand rechnet hier damit, dass eine Exit-Strategie wirklich vor dem Sommer greifen wird. Bis dahin bleibt uns nur, den Briten in ihrer stoischen Gelassenheit zu folgen. Keep calm ... und so weiter.

Weitere Informationen

Corona-Krise: Wie arbeiten unsere Korrespondenten?

Die Corona-Krise stellt auch unsere Auslandsteams vor große Herausforderungen. Hier erzählen sie von ihrer Arbeit, persönlichen Erfahrungen und der Situation in ihren Berichtsgebieten. mehr