Stand: 12.05.2020 12:33 Uhr

Goldener Käfig in Delhi

von Bernd Musch-Borowska, ARD-Korrespondent Delhi

Der "Adler" auf meinem Balkon wundert sich jeden Morgen, wenn ich für die Frühsendungen der ARD-Hörfunkprogramme einen Bericht vorbereite: Was macht der Typ da eigentlich? Sitzt von früh bis spät hinter der Fensterscheibe, geht kaum noch nach draußen und wenn, dann nur mit Atemschutzmaske, dabei ist doch gerade in letzter Zeit die Luft in Delhi so schön sauber geworden. Genau genommen handelt es sich um einen Milan, der zusammen mit Tausenden anderen Vögeln in dem kleinen Park vor meinem Fenster sein Zuhause hat.

Dramatische Situation in Indien

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Homeoffice unter Beobachtung: Dem "Adler" auf dem Balkon, der eigentlich ein Milan ist, entgeht nichts.

Von meinem Homeoffice aus wirkt die Welt da draußen fast idyllisch. Dabei spielen sich in Indien mitunter dramatische Szenen ab, vor allem für die vielen Menschen, die keinen sicheren Ort haben, an den sie sich zurückziehen können. Die Wanderarbeiter etwa, die in den Großstädten keine Arbeit mehr haben und seit Wochen versuchen, nach Hause in ihre Dörfer zurückzukehren, obwohl der Flugverkehr eingestellt wurde und auch Züge und Busse nicht mehr fahren. Oder die Bewohner der Armenviertel und Slums in Delhi, die zusammengepfercht auf engstem Raum leben und von staatlichen Einrichtungen und Hilfsorganisationen mit Wasser und Lebensmitteln versorgt werden müssen.

Homeoffice braucht feste Strukturen

Ich kann mich sicher fühlen in meinem Home, das auch mein Office geworden ist und das ich seit langem nur ganz selten für dringende Einkäufe verlasse. Um im goldenen Käfig nicht völlig zu verwahrlosen, muss der Tagesablauf eine feste Struktur bekommen. Um 6 Uhr klingelt der Wecker, um 8.30 Uhr indischer Zeit ist Deadline für die Radio-Primetime. Die Frühsendungen beginnen um 5 Uhr deutscher Zeit und Indien ist nur dreieinhalb Stunden voraus. Nach dem Frühstück folgt die Telefonkonferenz mit dem Team. Wir tauschen Informationen aus über die Entwicklungen in Indien und den anderen Ländern unseres Berichtsgebietes, besprechen die wichtigsten Themen und verteilen die anfallenden Aufgaben. Wir, das sind meine WDR-Kollegin Silke Diettrich und ich, außerdem Anoop Saxena, unser Producer und Deepika Bose, unsere Office-Managerin, die sich unter anderem um die Buchführung und alles Organisatorische kümmert. Jeder arbeitet von zu Hause aus, denn das ARD-Hörfunkstudio in Delhi ist seit Beginn der Ausgangssperre geschlossen.

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Alles unter Kontrolle?

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"Alles unter Kontrolle", sagte der indische Gesundheitsminister noch vor ein paar Wochen.

Nachmittags ist Zeit für gelegentliche Recherchefahrten in die Stadt. Dann kommen die Schutzanzüge und Atemschutzmasken zum Einsatz. Immerhin haben sich in Indien schon viele Journalisten infiziert, während sie in den Slumgebieten der Großstädte und anderswo Interviews führten. Silke traf am Yamuna-River in Delhi den Gesundheitsminister. Alles unter Kontrolle, sagte er noch vor ein paar Wochen. Seitdem ist die Zahl der bestätigten Corona-Fälle in Indien auf deutlich über 50.000 gestiegen.

Delhi ist Geisterstadt

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Statt Autos, Rikschas, Menschen und Kühen: gähnende Leere auf Delhis Straßen.

Bei der Fahrt durch die ungewohnt leeren Straßen der indischen Hauptstadt, kann man wilde Tiere beobachten. Affen zum Beispiel, sich schon in mehreren Stadtteilen ausgebreitet haben, Pfaue und streunende Hunde. Wo normalerweise Autos hupend und knatternd im Stau stehen und sich Menschen zwischen Fahrrad-Rikschas und heiligen Kühen hindurchzwängen, herrscht jetzt gähnende Leere. Im "Lockdown" wurde Delhi zu einer wahren Geisterstadt.

Nicht nur die journalistische Recherche, auch die ohnehin lästige Verwaltungsarbeit wird während der Ausgangssperre zu einer Herausforderung. Deepika macht die Monatsabrechnungen am Küchentisch - denn ein richtiges Arbeitszimmer hat sie in ihrer kleinen Wohnung nicht - schickt mir dann die Quittungen als Scan zur Prüfung zu und bekommt sie mit Unterschrift wieder zurück. Dann kommt unser Büro-Bote Anthony Patrick zum Einsatz, der mit seinem Motorroller und einem Presseausweis auch an den Straßensperren der Polizei vorbei huschen kann.

Zwischen Recherche und Bügelbrett

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Bei Dreharbeiten nur noch mit Schutzanzug und Gesichtsschutz vor die Tür.

Anoop muss seine Recherchen zu Hause immer wieder unterbrechen, weil er ständig zur Hausarbeit herangezogen wird und inzwischen ein wahrer Meister am Bügelbrett geworden sein soll. Wer hätte gedacht, dass die Sehnsucht nach dem Büro mal so groß werden könnte? Deshalb folgen wir ab jetzt dem neuen Trend in Indien und lockern die strengen Ausgangsbeschränkungen langsam auf. Das heißt, wir kehren zeitversetzt zur Arbeit ins Studio zurück, zumindest für ein paar Stunden. Und nie alle gleichzeitig. Dienstreisen sind bis auf Weiteres wohl nicht mehr möglich. Nicht innerhalb Indiens und auch nicht in die anderen Länder unseres riesigen Berichtsgebietes - Pakistan und Afghanistan, Bangladesch und Sri Lanka, um nur einige zu nennen. Da die indische Regierung alle Visa für Ausländer storniert hat, könnten wir bei einer Ausreise nicht wieder nach Delhi zurückkehren.

Hilft Gin-Tonic gegen Corona?

Wenn ich am Ende eines langen Arbeitstages mit einer Malaria-Prophylaxe auf der Terrasse sitze, zieht mein Adler, wie ich ihn liebevoll nenne, vor meinem Homeoffice seine Kreise. Beim Sundowner ist Zeit, über die existentiellen Fragen nachzudenken: Wann ist dieser Wahnsinn endlich vorbei? Und viel wichtiger: Ob Gin-Tonic wohl auch gegen Corona hilft?

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