Unsere Geschichte

Wem gehört der Osten? Die Deals der Einheit

Samstag, 03. Oktober 2020, 01:45 bis 02:30 Uhr

Tausende Betriebe, hunderttausende Wohnungen, Schlösser und Burgen, Seen und Küsten, Millionen Hektar Wald und Land - all das hatte der Staat DDR einst als Volkseigentum deklariert. Mit dem Mauerfall kommt die schwierige Frage: Was gehört im Osten eigentlich wem? Und wem soll was in Zukunft gehören? Ein ganzes Land steht zum Verkauf, damals 1990: Es herrscht Goldgräberstimmung und Investoren aus aller Welt wittern das große Geschäft.

Hintergrund
Eine Mitarbeiterin der Firma Greifenfleisch GmbH Greifswald bereitet 1996 eine neue Charge Pommersche Bockwürste zum Räuchern vor. © ZB - Fotoreport Foto: Stefan Sauer

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Investments hauptsächlich aus dem Westen

Es beginnt die Zeit riesiger, teilweise spektakulärer Deals, die bis heute das Gesicht Ostdeutschlands deutlich prägen. Weil es nach der Wende im Osten überall an Kapital fehlt, kommt das Geld für Investitionen hauptsächlich aus dem Westen. Anno August Jagdfeld ist einer der Großinvestoren der ersten Stunde. An das Ostseebad Heiligendamm hat der umstrittene Investor sein Herz verloren - und sich die Zähne ausgebissen. Das Grand Hotel musste er nach einer Insolvenz verkaufen und Villen an der Strandpromenade sind bis heute nicht saniert. Trotzdem gehören bis heute 90 Prozent der weißen Stadt am Meer der Familie Jagdfeld. Viele West-Investoren verschätzen sich beim Osten, finanziell und psychologisch. Die erhofften Gewinne bleiben zumindest in den 90er-Jahren vielerorts aus.

Hintergrund
Blick von oben auf einen großen Acker, auf dem ein Trecker fährt.

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Ackerflächen werden im großen Stil privatisiert

Ein großer Deal, an dem vor allem die Ostdeutschen beteiligt waren, ist die Privatisierung der Landflächen. Zwei Millionen Hektar Wald, tausende Herrenhäuser, volkseigene Güter und vor allem zwei Millionen Hektar Ackerland stehen nach der deutschen Wiedervereinigung im Angebot. Gewonnen haben hier oft die, die schon in der DDR das Meiste hatten, die Nachfolger der ehemaligen Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften aus DDR-Zeiten, die heute gewaltige Flächen bewirtschaften. Und genau das zieht neue Investoren an, wie die Hamburger "Agroenergy". Der Investor kaufte 4.200 Hektar ostdeutsches Ackerland - eigentlich zur Erzeugung von Bioenergie. Was sich bei diesen Käufen am Ende als noch wertvoller erwies, war der Boden. Denn die Preise für Ackerflächen steigen seit Jahren rasant.

Bankenkrise macht Investitionen in Städte interessant

Seit den 2000er-Jahren interessieren sich ausländische Investoren auch wieder für ostdeutsche Innenstädte, denn im Osten geht es langsam aufwärts - und die Bankenkrise seit 2008 macht Investitionen in Stadtwohnungen noch interessanter. Auch Holger Krimmling und Jörg Zochert mischen mit. Sie kommen nicht aus dem Ausland oder aus dem Westen Deutschlands, sondern aus Leipzig und gehören als Ostdeutsche jetzt selbst zu den Großinvestoren. Eines ihrer aktuellen Projekte ist die Sanierung eines alten Leipziger Industriebaus. Auch hier, abseits des boomenden Stadtzentrums, haben sich die Immobilien-Preise in den letzten 15 Jahren verdoppelt. Hier sollen Luxus-Lofts entstehen. Allerdings müssen dazu jetzt die einheimischen Mieter den einheimischen Investoren weichen.

Die Zeit der Goldgräberstimmung, der großen und spektakulären Deals, hat mehr als nur Spuren hinterlassen. Das Ausmaß dieses gigantischen Umverteilungstransfers, in dem mehr als die Hälfte der Fläche Ostdeutschlands neu verteilt wurde, wird in all seinen Dimensionen erst heute für Politik, Gesellschaft und Bürger langsam fassbar. Das Privateigentum ist endgültig angekommen im einstigen Land ohne Kapital.

Dossier
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Autor/in
Ariane Riecker
Regie
Matthias Hoferichter
Redaktion
Birgit Müller
Produktionsleiter/in
Frederik Keunecke