Unsere Geschichte

Als wir unser Haus bauten

Samstag, 12. September 2020, 12:00 bis 12:45 Uhr

Nach dem Zweiten Weltkrieg glich Deutschland einer Trümmerwüste. Ob Hamburg, Kiel oder Stralsund - bis zu 80 Prozent des Wohnraums war zerstört, dazu kamen Millionen Flüchtlinge. Die Sehnsucht nach einem Zuhause war groß, der Wohnraum aber knapp. Viele Menschen wünschten sich ein eigenes Haus mit Garten und machten sich voller Energie und mit viel Mühe daran, diesen Traum umzusetzen.

Der Bauboom der 1950er- bis 1970er-Jahre

Hans Ulatowski und Sohn: Das eigene Haus der Familie Ulatowski in Harsefeld ist 1962 gerade eben fertig, bevor das erste Kind geboren wird. © © NDR/Hans Ulatowski
Hans Ulatowski und Sohn vor ihrem Neubau in Harsefeld (1962).

Doch es gab einige Hindernisse, und so ist die Geschichte vom eigenen Hausbau auch eine Geschichte von Pannen, Hoffnungen und viel nachbarschaftlicher Hilfe. Die Dokumentation "Als wir unser Haus bauten" blickt zurück auf den norddeutschen Bauboom der 1950er-, 1960er- und 1970er-Jahre in Ost und West. Eine Zeit, in der Familien arm waren, Sparkassen und Bauunternehmer reich wurden und sich das Aussehen der norddeutschen Tiefebene veränderte.

Ausgebombt in Hamburg, zogen die Schwestern Gisela und Erika Gebauer mit ihren Eltern aus Eimsbüttel in eine Gartenlaube nach Jesteburg - aufs Land. Und fanden dort ihr Glück: Sie heirateten zwei Brüder und bauten mit ihnen auf dem gleichen Grundstück zwei Häuser. Heute stehen auf dem Grundstück vier Eigenheime - denn auch ihre Kinder wollten in Jesteburg leben.

Neuansiedlung der Vertriebenen

Neugnadenfeld/ Emsland:  Neubau eines Eigenheims neben Baracken: Auf dem Gelände des Barackenlagers weichen die Notunterkünfte Ende der 1950er Jahre modernen Siedlungshäusern. © © NDR/Verein Lagerbaracke Alexisdorf - Neugnadenfeld
Neugnadenfeld/Emsland: Auf dem Gelände des Barackenlagers werden Ende der 1950er-Jahre moderne Siedlungshäuser gebaut.

Fritz Merz floh als einer von Millionen Vertriebenen aus dem heutigen Polen in den Westen. In Neugnadenfeld im Emsland fanden er und die gesamte Gemeinde seines ehemaligen Dorfes Zuflucht. Die Mitglieder der Herrenhuther Brüdergemeine lebten jahrelang in Baracken, machten das torfige Moorland urbar und bestellten das Land. Als 20-Jährigem wurde Fritz Merz endlich, mit Mutter und Brüdern, ein eigenes Haus zugeteilt, in dem er noch heute mit seiner Frau lebt.

Viebrock: Mit Typenhäusern zum Erfolg

Gustav und Andreas Viebrock: Gustav Viebrock baute seit Mitte der 1950er Jahre die Eigenheime, die sich viele wünschten. Der findige Bauunternehmer kümmerte sich persönlich um das sogenannte "Aufbaudarlehen für Flüchtlinge" und schoss den Bauherren die 200,-DM für den Bauantrag vor. Heute führt sein Sohn Andreas die Firma. © © NDR/Christian Mangels
Gustav Viebrock baute seit Mitte der 1950er-Jahre die Eigenheime, die sich viele wünschten. Heute führt sein Sohn Andreas die Firma.

Für Gustav Viebrock aus Harsefeldt waren die Flüchtlinge und ihre Wohnungsnot der Start in sein Baugeschäft. Der findige Unternehmer nutzte die staatlichen Finanzierungs- und Förderprogramme und verhalf Hunderten von Vertriebenen zu Eigenheimen. Der Trick: Mit seinen Typenhäusern hielt er die Preise niedrig. Ganze Orte haben noch heute den typischen "Viebrock-Look".

In Bremen träumten Bärbel und Heinz Buschmann seit der Geburt ihres Sohnes Ulf davon, die Vulkan-Werkswohnung zu verlassen. Doch das Ersparte reicht nicht für einen Neubau, sondern nur für ein altes Bauernhaus ohne Abwasseranschluss und Badezimmer. Ihre alte Kate bauten die Buschmanns über Jahrzehnte hinweg mit viel Eigenleistung aus. Bis Ulf irgendwann sein eigenes Zimmer bekam, Bärbel einen Swimmingpool und Heinz den Partyraum mit Theke.

Über die Dokumentation

Der Bauboom der späten 1960er-Jahre inspirierte den Regisseur Dieter Wedel zu seinem Spielfilm "Einmal im Leben - Die Geschichte eines Eigenheims". Der Dreiteiler über korrupte Bauunternehmer und einen desaströsen Hausbau war ein Straßenfeger und erreichte bei der Erstausstrahlung eine Einschaltquote von 68 Prozent. Die Autoren Anne-Kathrin Thüringer und Christian Mangels zeigen in ihrer Dokumentation, wie sehr sich die Menschen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nach den eigenen vier Wänden sehnten und wie sich die Städte Norddeutschlands dadurch verändert haben.

Hintergrund Geschichte
Blick auf moderne Wohnhäuser und ein Wasserbecken in Neu-Altona (Holstenstraße) in den 1960er-Jahren. © Neue Heimat, Hamburgisches Architekturarchiv

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Autor/in
Christian Mangels
Anne Kathrin Thüringer
Sprecher/in
Harry Kühn
Redaktion
Kathrin Becker
Produktionsleiter/in
Bettina Wieselhuber