Unsere Geschichte

Als die Ökos in den Norden kamen

Samstag, 21. November 2020, 12:00 bis 12:45 Uhr

Sie wurden als Spinner oder langhaarige Gammler bezeichnet: Junge Männer und Frauen, die vor 40 Jahren anders leben wollten, in Kommunen, Wohngemeinschaften und vor allem im Einklang mit der Natur. Den Boden nicht ausbeuten, nachhaltig wirtschaften, auch als Landwirt - das wollten sie. Viele Alteingesessene schüttelten oft den Kopf über Themen wie Bio-Gemüse, Tierwohl und Windenergie.

Kampf gegen geplantes Atommüll-Endlager Gorleben eint das Wendland

Nur im dünn besiedelten, norddeutschen Wendland war es etwas anders. Zwar wurden die Latzhosenträger auch dort nicht von allen freundlich empfangen, aber der Kampf gegen das atomare Endlager in Gorleben einte mehr als er trennte. Hier fanden die sogenannten Spinner nach und nach immer mehr Unterstützer. Heute sind Bio, Windkraft und nachhaltiger Tourismus ein Markenzeichen der Region. Von denen, die mit diesem Trend begannen und ihren oft überraschenden Lebenswegen handelt diese NDR Dokumentation.

Hintergrund
Zug von Treckern zwischen Gorleben und Hannover am 26. März 1979. © picture-alliance / dpa Foto: Sven Simon

Öko-Hochburg Wendland: Vom Atom-Protest zum Bio-Anbau

Vor 40 Jahren beginnt im Wendland die Öko-Bewegung zu wachsen: Im Zuge der Anti-Atom-Proteste kommen Studenten und bringen Ideen mit. mehr

Nach einer Demo im Wendland "hängen geblieben"

Eine von ihnen ist Moni Tietke. Vor 40 Jahren hätte niemand gedacht, dass sie einmal Bäuerin werden würde. Sie selbst am wenigsten: "Ich bin ja hier hängen geblieben, bei einer Demo." Als Studentin kam Moni Tietke aus Berlin ins Wendland wegen der Proteste gegen die Atomkraft. Doch schnell hatte sie Lust aufs Landleben. Auch wegen Eckhard, dem Jungbauern, den sie bald darauf heiratete. Gemeinsam stellten sie den 450 Jahre alten Hof von Eckhards Familie auf Bio-Wirtschaft um. Manche Nachbarn erklärten sie damals für verrückt. Aber die Tietkes haben durchgehalten: ein Erfolgsmodell, bis heute.

Landwirte experimentieren mit alternativen Energien

Gerhard Wiese baut eine Kompost-Dusche. © NDR/Pier 53 Filmproduktion
Gerhard Wiese hat von seinem Vater nicht nur Gasthof und Campingplatz übernommen, sondern auch die Erfindung der "Kompost-Dusche".

Andere Bauern im Wendland übernahmen die Ideen der Ökos und begannen früh, mit alternativen Energien zu experimentieren. So wie Horst Wiese, der neben Hof und Dorfkrug auch einen Campingplatz betrieb. Seine Gäste brauchten zum Duschen Warmwasser. Also vergrub Horst Wiese kurzerhand Schläuche im Misthaufen, der das Wasser aufheizte. Fertig war die "Kompost-Dusche", eine der ersten Bio-Duschen in Deutschland. Sie funktioniert bis heute. Sein Sohn Gerhard Wiese hat nicht nur Gasthof und Campingplatz vom Vater übernommen, er betreibt heute mehrere Windkraftanlagen im Wendland.

Ökos in der DDR: Stasi setzt IM auf Umweltaktivisten an

Auch auf der anderen Seite der innerdeutschen Grenze entstand damals eine Öko-Bewegung. Doch in der ehemaligen DDR begann alles viel kleiner: In Schwerin taten sich 1979 ein paar Schülerinnen und Schüler zusammen und pflanzten Bäume. Einer von ihnen: Nikolaus Voss, heute Staatssekretär in Mecklenburg-Vorpommern. Anfangs unterstützten SED und Verwaltung die jungen Leute sogar, um sie unter Kontrolle zu behalten. Doch bald schon setzte die Stasi ihre IM auf die Umweltaktivisten an. Im Osten ein Öko zu sein, war schwerer als im Westen.

In seiner NDR Dokumentation erzählt Grimme-Preisträger Michael Richter von Pionieren, die vor 40 Jahren kaum einer ernst genommen hat. Mit Hartnäckigkeit und Fantasie haben sie ihre ökologischen Visionen in die Gesellschaft hineingetragen. Ein spannender und hoch unterhaltsamer Blick zurück auf die Tage, als die Ökos in den Norden kamen.

Weitere Informationen
Polizeibeamte tragen im April 1995 eine Demonstrantin im niedersächsischen Dannenberg weg, die ein Schild mit der Aufschrift "Stopp Castor" hält. © dpa - Bildfunk Foto: Rick

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Für Atomkraft-Gegner ist es der "Tag X": Vor 25 Jahren, am 25. April 1995, erreicht der erste Castor-Transport das Zwischenlager Gorleben im niedersächsischen Wendland - unter massiven Protesten. mehr

Einige Bewohner der "Freien Republik Wendland" bei Gorleben, 7. Mai 1980 © dpa - Bildarchiv Foto: Dieter Klar

"Freie Republik Wendland": Gelebte Utopie der Atomkraftgegner

Mit dem "Staat im Staat" protestieren Atomkraftgegner 1980 gegen das geplante Atommüll-Endlager in Gorleben. mehr

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Gorleben und der Atommüll - Eine Chronik

Von den Plänen 1977 über jahrzehntelangen Protest bis zum Aus für Gorleben als Standort für ein atomares Endlager. mehr

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Der Widerstand der ortsansässigen Landwirte in Gorleben hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zu einem langlebigen Protest gegen die Atompolitik entwickelt. mehr

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Eine Weltkugel wird von zwei Händen schützend gehalten © fotolia.com Foto: dp@p

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Autor/in
Michael Richter
Redaktion
Christoph Mestmacher
Produktionsleiter/in
Tim Carlberg
Kamera
Boris Mahlau
Schnitt
Sigrid Sveistrup