Typisch! Nachhaltig wirtschaften für die Enkel

Donnerstag, 09. Juli 2020, 18:15 bis 18:45 Uhr
Dienstag, 14. Juli 2020, 11:30 bis 12:00 Uhr

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Wer Judith Oeltze und Hendrik Henk auf ihrem Gärtnerhof Wanderup nahe Flensburg besucht, lässt sich gern anstecken von der Begeisterung, mit der sie ihre besondere Gärtnerei betreiben. Denn für das engagierte Paar, Eltern der gut einjährigen Tochter Rosie, ist der Hof viel mehr als nur ein berufliches Auskommen. "Wir wollen hier unsere Zukunftsvision für einen nachhaltigen Agrarwandel vorleben: kleinteilig strukturiert, ökologisch wertvoll und vielfältig", erklärt Judith. Und Hendrik fügt hinzu: "Und deshalb bringen wir auch einen großen Teil der Ernte mit dem Elektrolastenrad in unsere Ausgabestelle nach Flensburg, knapp 20 Kilometer entfernt. Auf den Einsatz eines Autos wollen wir möglichst verzichten."

Auf knapp zwei Hektar ackern hier zwei mit Leidenschaft, Know-how und dem Mut, unkonventionelle Landwirtschaft anzupacken. Gemeinsam mit den Lehrlingen Anton, Bennie und Ricarda baut das Paar über 50 unterschiedliche Gemüsekulturen, Kräuter, Blumen und Beerensträucher an.

Das Prinzip der solidarischen Landwirschaft

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Abends um 18 Uhr ist Feierabend auf dem Gärtnerhof Wanderup.

Die Vermarktung ihres Gemüses folgt eigenen Gesetzen, nämlich dem Prinzip der Solidarischen Landwirtschaft. Das meint, dass von ihnen geworbene Mitglieder monatlich einen festen Betrag für die Gärtnerei zur Verfügung stellen. Inzwischen zahlen 135 Menschen jeweils 85 Euro im Monat und werden dafür wöchentlich mit Obst und Gemüse versorgt.

"Ohne Solawi hätten wir uns nie selbstständig gemacht. Denn eigentlich sind wir ja so etwas wie ein Start-up," erläutert Hendrik. Das billige Gemüse im Supermarkt ist allerdings noch eine große Konkurrenz für die Gärtnerei, sodass noch einige Jahre vergehen werden, bevor die Familie gut leben kann. Aber die Junggärtner haben sich auf diese Situation eingestellt, denn die ersten Jahre haben sie viel investiert in Gerätschaften und den Umbau des Hauses, diese Kosten waren einmalig für das Start-up.

Landwirtschaft in Handarbeit

"Ja, Frühjahr ist für uns richtig Arbeit, weil wir die ganzen Beete vorbereiten müssen," erzählt Hendrik. Morgens um acht Uhr gibt es auf dem Hof die erste Arbeitsbesprechung. Hendrik ist dann vor allem mit der Aussaat und der Bodenbearbeitung beschäftigt. Zum Einsatz kommen die von Hand geschobenen Sämaschinen, die fünfreihig den ersten Satz der Samen verteilen. Ausgesät werden Salatsorten, Tomaten, Paprika, Sellerie, Porree. Die Liste ist lang.

Zweimal in der Woche bringt die Familie frisches Gemüse mit dem Lastenrad nach Flensburg zur 108. In diesem alternativen Laden erfolgt die Ausgabe an die Mitglieder. An die 100 Leute sind vor Ort und alle packen und wiegen ihr Gemüse ab, so wie es auf der Tafel angegeben ist.

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Beim Hoffest informiert Hendrik über die Solidarische Landwirtschaft.

Wie schon im Vorjahr findet ein großes Hoffest statt. Dann sind auch Hendriks Eltern dabei und helfen. Gisela, Hendriks Mutter, hat Kuchen und Brot gebacken und übernimmt zwischendurch auch den Part der Babysitterin. Neben der täglichen Arbeit ist dieses Ereignis auch Anlass, noch einmal in alle Ecken zu gucken und aufzuräumen, über das kulinarische Angebot nachzudenken und Live-Musik zu organisieren.

Am Festtag macht Hendrik für Interessierte zwei Hofrundgänge und erklärt den Besucherinnen und Besuchern, warum bewusst auf den Einsatz eines großen Traktors verzichtet wird und stattdessen Handarbeit angesagt ist. Sein Credo heißt: biointensiv wirtschaften auf kleiner Fläche. Judith schenkt derweil Kaffee aus und klönt mit den Solawisten, von denen viele mit kleinen Kindern da sind.

Die Lehrlinge gehören fast zur Familie

Herbst ist Gemüsehauptsaison und Erntezeit. Denn Weißkohl, Rotkohl, Wirsing, Sellerie, Kohlrabi, Rote Bete müssen vor dem frühen Frost geschützt und eingelagert werden. Anton, einer der drei Lehrlinge, wird den Hof ausbildungsbedingt bald verlassen und ist ein wenig traurig. Denn er gehört fast zur Familie, da es eine Trennung zwischen Job und privat hier so gut wie gar nicht gibt. Judith und Hendrik treffen ihre Lehrlinge, um mit ihnen auch regelmäßig zusammen Mittag zu essen. Manchmal ist es allen allerdings zu eng auf dem Hof. Ein Bauwagen und das gerade gebaute Nur-Dach-Haus für die Lehrlinge stehen mitten im Garten direkt vor dem kleinen Haus, in dem auch mal Praktikanten übernachten. Seit Rosie auf der Welt ist, möchte die kleine Familie weniger WG-Feeling, sondern wieder mehr Privatsphäre haben. Vielleicht, so überlegen sie, lässt sich das mit einem Anbau ja realisieren.

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Redaktion
Christian Pipke
Produktionsleiter/in
Frederik Keunecke
Autor/in
Claudia Deja
Leitung der Sendung
Norbert Lorentzen