Sendedatum: 15.04.2018 19:30 Uhr

Zeitreise: Von Schleswig-Holstein nach Island

von Carsten Prehn

"Schon mit zwölf Jahren hab ich mir vorgenommen: Ich geh‘ nach Island!", sagt die heute 80-jährige Jarmila. Alma war von der Idee weniger begeistert: "Ich wollte nicht!", erzählt die 84-jährige aus Neustadt/Holstein. Aber ihr strenger Vater schickte sie trotzdem hin, weil er gegen ihren katholischen Freund war. Also reisten Alma und Jarmila mit dem Schiff nach Island. Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg: überall Trümmer, knappe Lebensmittel, schwere Zeiten. In den zerstörten Städten und Dörfern leben wesentlich mehr Frauen als Männer. Dagegen herrscht in Island akuter Frauenmangel. Vor allem auf entlegenen Bauernhöfen. Viele junge Isländerinnen haben anderes im Sinn, als einen Landwirt zu heiraten und in der Einöde ein karges Dasein zu fristen. Sie wollen lieber in den florierenden Fischfabriken Geld verdienen, in Reykjavik tanzen und Spaß haben oder gleich nach Kopenhagen gehen, um zu studieren.

Island sucht Dienstmädchen für Landhaushalte

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Mit der damaligen Anzeige suchte der Bauernverband neue Dienstmädchen.

So kommt es, dass der isländische Bauernverband in Schleswig-Holstein ganz offiziell Landarbeiterinnen sucht. Allerdings nicht ohne Hintergedanken. Die Verantwortlichen der Kampagne hoffen klammheimlich auf Liebe, Heirat und Blutauffrischung! Klimatisch und von der Mentalität her müssten die robusten Norddeutschen nämlich perfekt passen. 1949 schaltet das Isländische Konsulat in den Lübecker Nachrichten eine entsprechende Stellenanzeige.

Lockruf der Vulkaninsel am Polarkreis

Diesem Aufruf folgen hunderte Frauen aus Schleswig-Holstein: Die Schlange vor der Meldestelle will überhaupt kein Ende nehmen. Viele von ihnen sind jedoch Flüchtlinge, die sich im nördlichsten Bundesland nicht willkommen fühlen und schnell wieder weg wollen. Island soll für ein bis zwei Jahre ihr Zuhause sein. Etliche jedoch bleiben für den Rest ihres Lebens.

Einwanderer hinterließen Spuren

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Anne Siegel ist die Autorin des Buchen "Frauen Fische Fjorde"

In ihrem Buch "Frauen, Fische, Fjorde" hat die Autorin Anne Siegel bewegende Biographien zusammengetragen. Mit ihr gehen wir auf der Vulkaninsel knapp unterm Polarkreis auf Zeitreise. Die deutsche Einwanderung hat in Island überall Spuren hinterlassen. Gut 500 Frauen brachen Anfang der Fünfzigerjahre auf in eine ungewisse Zukunft. Sie mussten hart arbeiten, eine fremde Sprache lernen, in rauer Natur und Einsamkeit bestehen. Manche stießen auf Ablehnung und gaben auf, aber die meisten fanden auf der Insel aus Feuer und Eis ihr Glück - auch Alma und Jarmila.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 15.04.2018 | 19:30 Uhr