Sendedatum: 12.05.2019 19:30 Uhr

Zeitreise: Millionen für Lübeck - das Possehl-Erbe

von Maik Vukan

"Mein größter Wunsch ist es, dass die Früchte meines Lebenswerkes meiner geliebten Vaterstadt, der freien und Hansestadt Lübeck, zu Gute kommen mögen." Große Worte eines bereits 1919 verstorbenen Mannes, dessen Name jedoch heute noch in Lübeck allgegenwärtig ist: Emil Possehl. Seit seinem Tod vor 100 Jahren verwaltet die Possehl-Stiftung sein Erbe. Gibt Jahr für Jahr Millionen aus, um gemeinnützige Projekte in der Hansestadt zu fördern.

Ein Porträt zeigt Emil Possehl, einen 1919 verstorbenen Lübecker Großunternehmer. © NDR

Zeitreise: Emil Possehl und sein Erbe

Schleswig-Holstein Magazin -

Er war ein erfolgreicher Unternehmer, der es mit Thyssen und Krupp aufnehmen konnte: Emil Possehl. Nach seinem Tod im Februar 1919 verwaltet die nach ihm benannte Stiftung sein Erbe.

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Steinreicher Lübecker mit großzügigem Charakter

"Vom Typ und auch vom Vermögen her war er ein Unternehmer, der es problemlos mit einem Thyssen und einem Krupp aufnehmen könnte", erklärt Max Schön, Vorsitzender der Possehl- Stiftung. "Er ist nur heute nicht mehr so bekannt, weil es nur wenige Firmen gibt, die noch den Namen Possehl tragen."

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Emil, der älteste Sohn Ludwig Possehls, übernahm nach dem Tod des Vaters das Unternehmen.

Am 13. Februar 1850 wird Emil geboren. Als ältester Sohn übernimmt er bereits mit 25 Jahren das Handelsunternehmen seines Vaters Ludwig Possehl. Er setzt die Geschäfte mit englischer Steinkohle und schwedischen Eisenwaren fort, wird innerhalb kurzer Zeit zum größten Erzhändler Europas. Firmensitz: in der Beckergrube auf der Lübecker Altstadtinsel.

Der reichste Mann von Lübeck wird Senator

Emil Possehl verliebt sich in die Schauspielerin Wilhelmine Ernestine Schönherr, die 1873 für ein Gastspiel nach Lübeck kommt. Er behandelt die Beziehung zunächst äußerst diskret, wann und wo die beiden heiraten, ist nicht bekannt. Der geschäftliche Erfolg befördert seinen gesellschaftlichen Aufstieg bis zum Senator. "Er war der reichste Mann von Lübeck, mit Firmen in Russland, Schweden, Norwegen, bis nach Griechenland runter", weiß Max Schön zu berichten. "Daran kann man schon sehen, dass er wirklich einer der ersten globalen Unternehmer war."

Erbe geht an die Stiftung

Schon Jahre vor seinem Tod schreibt Emil Possehl sein Testament. Er weiß genau, was er mit seinem Erbe machen will. Seine Ehe blieb kinderlos, so verteilt er das Vermögen auf seine Frau, die weitere Familie und eine Stiftung, die seinen Namen trägt. Bereits 1915 eingerichtet, wird sie unmittelbar nach seinem Tod im Februar 1919 rechtskräftig. Wie sehr er sich seiner Heimatstadt verbunden fühlte, zeigt sich am obersten Stiftungszweck in seinem Testament: "Die Förderung alles Guten und Schönen in Lübeck."

Vielfältige Stiftungszwecke

Doch was als gut und schön gilt, hat sich in den vergangenen 100 Jahren Stiftungsarbeit verändert, weiß Stiftungssprecherin Nathalie Brüggen zu berichten: "Wir leben ja in einem ganz anderen Alltagsumfeld als Emil Possehl damals. Die Herausforderung ist, seine Vorstellungen in die heutige Zeit zu übersetzen." Sprich: Was würde Emil Possehl wohl heute gefallen und förderungswürdig erscheinen? Wichtige Anhaltspunkte finden sich dafür in der Satzung der Stiftung, die Possehl noch vor seinem Tod selbst formuliert hat.

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Viele Stiftungsgelder fließen regelmäßig in den Denkmalschutz.

Die "Verschönerung der Stadt Lübeck" ist da ebenso wichtig wie die Förderung der Jugend und die Pflege von Kunst und Wissenschaft. Weitere Punkte: die Unterstützung von Handel und Schifffahrt und die Hilfe für Bedürftige. "Große Priorität haben gemeinnützige Projekte", erläutert Nathalie Brüggen die Förderungsgrundsätze. "Das bedeutet, dass sich eigentlich jeder eingetragene Verein an uns wenden kann, der seinen Sitz in Lübeck hat."

Geld auch für private Sanierungen

Rund 600 Förderanträge gingen allein 2018 in der Lübecker Beckergrube ein. In unmittelbarer Nähe des früheren Firmensitzes ist heute die Stiftung zu Hause. Im Foyer erinnern noch der originale Schreibtisch von Emil Possehl sowie eine kleine Ausstellung über seine Ausnahmekarriere an den großzügigen Geldgeber. Einmal im Monat tagt ganz oben im fünften Stock der 19 Mitglieder umfassende Stiftungsvorstand und berät, welche der eingereichten Projekte eine finanzielle Unterstützung erhalten.

Cornelia Schmidt hatte Glück - sie bekam gerade einen Zuschuss von 20.000 Euro für die Sanierung der denkmalgeschützten Fassade ihres Altstadthauses. Das Haus ist 1648 gebaut worden und seit 1913 in Familienbesitz. "Mein Großvater kaufte es damals und ich bin sehr stolz, dass ich es jetzt wiederherstellen und erhalten kann", freut sich die Bauherrin. "Es ist eine tolle Sache, dass das so unterstützt wird. Eine echte finanzielle Entlastung für mich!"

Ein außergewöhnlicher Bauspielplatz

In den vergangenen Jahrzehnten haben mehr als 800 Baudenkmäler in der Lübecker Altstadt Zuschüsse aus dem Hause Possehl bekommen - getreu dem Stiftungszweck: "Verschönerung des Stadtbildes". "Die treibenden Kräfte sind dabei immer die Hausbesitzer, die mutig den Kraftakt Sanierung angehen", weiß Stiftungsvorstand Max Schön. "Wir freuen uns dann einfach, unterstützen zu dürfen, was der Einzelne mit seinem eigenen Budget vielleicht nicht bewältigen könnte."

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Im sozial benachteiligten Wohngebiet "Roter Hahn" im Stadtteil Kücknitz gibt es den "Geschichtserlebnisraum". Seit 20 Jahren fließen Gelder aus dem Erbe Possehls in das Projekt.

Ganz im Sinne des Mäzen Emil Possehl dürfte wohl auch die Förderung eines ganz besonderen Lübecker Projektes für Kinder und Jugendliche sein. Das Wohngebiet "Roter Hahn" im Stadtteil Kücknitz gilt als sozial benachteiligt. Seit vielen Jahren fließen Gelder aus dem Erbe Possehls in den so genannten "Geschichtserlebnisraum". Vor 20 Jahren hat das Projekt als reiner Bauspielplatz angefangen. Den Umgang mit Holz und Werkzeugen lernen die Kinder aus den angrenzenden Wohngebieten zwar noch immer, aber nicht nur das. Einen Zugang entwickeln zu Tieren und Umwelt, das ist den Initiatoren wichtig. Weg vom Computer, raus in die Natur.

"Die Basisfinanzierung durch die Hansestadt Lübeck allein reicht hinten und vorne nicht", erläutert Leiter Frank Thomas die finanzielle Lage. "Erst die Gelder der Possehl-Stiftung geben uns die Möglichkeit, unsere Vision von einem Geschichtserlebnisraum zu entwickeln, aufzubauen und zu leben." Schließlich sind die Angebote für Kinder kostenlos und somit auch für sozial schwache Familien nutzbar. Als nächstes wollen sie hier ein historisches Kloster nachbauen. Zuschuss dafür: mehrere Hunderttausend Euro.

Possehl-Unternehmensgruppe: Stiftung kann über Gewinne verfügen

In den vergangenen Jahrzehnten hat die Possehl-Stiftung zwischen 20 und 25 Millionen Euro ausgegeben. Pro Jahr. "Dazu kommen dann noch zusätzliche Sondermittel, wie zum Beispiel die 42 Millionen Euro für das Europäische Hansemuseum", führt Vorstand Max Schön aus. "Da achten wir aber sehr darauf, dass unser normales Stiftungsgeschäft - also der Antrag vom Musikverein oder vom Jugendhaus - nicht durch solche Sonderprojekte beeinträchtigt wird."

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Der 19-köpfige Stiftungsvorstand tagt einmal im Monat und berät, welche der eingereichten Projekte eine finanzielle Unterstützung erhalten.

Die Stiftung kann sich all das leisten, weil sie nach wie vor alleinige Gesellschafterin der Possehl-Unternehmensgruppe ist und über die dort eingefahrenen Gewinne verfügen kann. Diese Unternehmen erwirtschaften rund um den Globus fast vier Milliarden Euro Umsatz und beschäftigen aktuell 13.365 Mitarbeiter. Ein echter Gemischtwarenkonzern - zum Portfolio gehören unter anderem Druck- und Kuvertiermaschinen, Badezimmervorleger, Kehrmaschinen, aber auch Firmen, die sich mit Rohrreinigung und Straßenbelägen befassen.

Sie alle eint, mit einer regelmäßigen Dividende das gemeinnützige Wirken der Stiftung zu finanzieren. Genau so, wie es Emil Possehl sich einst ausgedacht hat. Alles zum Wohl seiner geliebten Vaterstadt Lübeck.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 12.05.2019 | 19:30 Uhr